30.12.2017

Erdoğans Geiseln

Oktober Der türkische Präsident missbraucht die Justiz, um Kritiker ruhigzustellen. Von Maximilian Popp
Es war kurz nach Mitternacht, als die Anwälte des Berliner Menschenrechtlers Peter Steudtner vor uns Journalisten traten, die wir im Flur vor dem Gerichtssaal in Istanbul ausharrten. Der Prozess gegen Steudtner und seine neun Kollegen lief zu diesem Zeitpunkt seit mehr als elf Stunden. Die Richter hatten für die Bekanntgabe ihrer Entscheidung sämtliche Prozessbeobachter vor die Tür geschickt. Nur die Angeklagten und ihre Verteidiger blieben zurück im Saal.
Jetzt wandten sich die Anwälte an uns: "Unsere Freunde kommen frei!", sagten sie. Im Flur herrschte für einen Moment Stille. Die Menschen in der Türkei haben sich so sehr an Rückschläge gewöhnt, dass gute Nachrichten Sprachlosigkeit auslösen. Dann brach Jubel aus.
Steudtner saß wegen Verdacht auf Terrorunterstützung dreieinhalb Monate in einem Gefängnis bei Istanbul. Seine Verhaftung sorgte für die schwerste Krise zwischen Deutschland und der Türkei seit Jahren. Als ich ihn eine Woche nach seiner Freilassung in seiner Wohnung in Berlin zum Interview traf, sah er noch immer erschöpft, aber auch erleichtert aus: "Es wird lange dauern, bis ich in mein altes Leben zurückfinde", sagte er.
Korrespondenten in der Türkei sind in diesem Jahr zu Gerichtsreportern geworden: Ich habe 2017 über mehr als ein halbes Dutzend Prozesse gegen Kollegen, Menschenrechtler, Oppositionspolitiker berichtet. Fast immer ziehen sich die Verfahren bis tief in die Nacht, nur selten nehmen sie, wie im Fall Steudtner, ein gutes Ende. Präsident Recep Tayyip Erdoğan missbraucht die Justiz, um Kritiker mundtot zu machen. Mein Kollege Deniz Yücel, Türkeikorrespondent der "Welt", sitzt seit bald einem Jahr als Erdoğans Geisel in Untersuchungshaft.
Steudtner ist Yücel im Gefängnis mehrmals kurz begegnet. Einmal rief Yücel ihm zu: "Du kommst bald frei, Peter!" Steudtner hat Yücel inzwischen einen Brief geschrieben: "Lieber Deniz, wir sehen uns am Lagerfeuer."
Von Maximilian Popp

DER SPIEGEL 1/2018
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