30.12.2017

MedizinWie Gewalt das Erbgut verändert

Die Psychologin Fernanda Serpeloni von der Universität Konstanz erforscht, wie sich Stress in der Schwangerschaft auf die Erbsubstanz auswirken kann.
SPIEGEL: Sie haben herausgefunden, dass Gewalterfahrungen, die eine Schwangere macht, sogar noch im Erbgut ihrer Enkel Spuren hinterlassen. Wie ist so was möglich?
Serpeloni: Wir konnten für unsere Untersuchung knapp 400 Teilnehmer aus dem brasilianischen São Gonçalo gewinnen: Großmütter, deren Töchter und Enkel. In dieser vergleichsweise armen Großstadt erleben die Frauen viel häusliche Gewalt, auch während der Schwangerschaft. Mithilfe von Speichelproben haben wir im Erbgut der Enkelkinder nach epigenetischen Veränderungen gesucht – konkret nach Genen, die als Reaktion auf äußere Einflüsse an- oder abgeschaltet werden.
SPIEGEL: Und was haben Sie dabei entdeckt?
Serpeloni: Unter den Kindern und Jugendlichen, deren Großmütter während der Schwangerschaft Gewalt ausgesetzt waren, fanden wir Veränderungen bei Genen, die bei Blutdruckregulation, Stressverarbeitung und Depressionen eine Rolle spielen.
SPIEGEL: Hat Sie dieser dramatische Effekt überrascht?
Serpeloni: Eigentlich nicht, denn Eizellen bilden sich schon im weiblichen Embryo. Wenn die spätere Großmutter also mit einem Mädchen schwanger ist, betreffen die Veränderungen auch dessen Keimzellen. Transgenerationale Effekte von Stress sind schon länger aus Tierversuchen bekannt. Wir sind aber die Ersten, die bei Menschen auf molekularer Ebene nachgewiesen haben, dass Gewalt das Erbgut verändert.
SPIEGEL: Bedeutet das, dass Enkel gestresster Großmütter auf jeden Fall ein höheres Risiko haben, herzkrank und depressiv zu werden?
Serpeloni: Das hängt natürlich von vielen Faktoren ab. Aber klar ist: Frauenärzte sollten nicht nur darauf achten, wie sich eine Schwangere ernährt und ob sie raucht oder Alkohol trinkt. Ärzte sollten unbedingt auch nach ihrem seelischen Wohlergehen fragen.
Von Jko

DER SPIEGEL 1/2018
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