30.12.2017

EuropaGeschichte seines Volkes

Der Schriftsteller Navid Kermani unterwegs in den Außenbezirken des Kontinents: von Baku nach Eriwan. Dort trifft er einen Überlebenden des Genozids an den Armeniern.
Kermani, 50, ist Schriftsteller und lebt in Köln. Bislang hat der SPIEGEL zehn Teile seiner Reisereportage veröffentlicht. Zwei weitere werden in den nächsten Wochen folgen. Seine Reise endet in Iran, der Heimat seiner Eltern. Ende Januar erscheint das gesamte Reisetagebuch im Verlag C. H. Beck ("Entlang den Gräben").
Achter Tag
Wenn mich Sabina Schichlinskaja nicht darauf hinweisen würde, fielen mir die modernen Fassaden nicht auf, mit denen in Baku die sowjetische Architektur an den zentralen Stellen überdeckt wird. In der staatlichen Erinnerungspolitik beginnt die Geschichte des modernen Aserbaidschan weder mit der Demokratie von 1918 noch mit der Sozialistischen Sowjetrepublik 1920 oder der erneuten Unabhängigkeit 1991, sondern erst 1993 mit der Wahl Gejdar Alijews zum Staatspräsidenten. 14 Jahre nach seinem Tod hängt sein Bild großflächig überall im Land, als regierte er noch. Sein Sohn Ilcham, der seit 2003 die Wahlen mit sowjetischen Ergebnissen gewinnt, ist mit Pausbäckchen und Doppelkinn deutlich weniger fotogen.
Während die sowjetischen Kriegsdenkmäler fast alle abgebaut sind, ist die Gedenkstätte des Krieges gegen Armenien so weiträumig, dass man meinen könnte, jeder einzelne Tote werde geehrt. Dabei gehört es zu den bedeutendsten Leistungen Gejdar Alijews, dass er mit dem Waffenstillstand von 1994 zumindest das tägliche Sterben beendet, damit seinem Land so etwas wie Normalität beschert hat, eine ganz normale Autokratie.
Vom Hügel aus, auf dem die Gedenkstätte steht, ist die Insel Nargin zu erkennen, die sowohl unter den Zaren als auch in der Sowjetunion ein Gefängnis wie Alcatraz oder das Château d'If war. Im Ersten Weltkrieg wurden mehrere Tausend türkische Soldaten, die von der russischen Armee gefangen genommen worden waren, auf der Insel festgehalten und kamen dort zu Tode. Seit die Sowjetunion kollabiert ist, stand die Insel leer.
Sabina kennt die Geschichte so genau, weil sie für ein Kunstprojekt 2004 eine Woche lang heimlich auf der Insel gelebt hat. Nun sind ihre Aufnahmen historisch, denn vor drei Jahren wurden sämtliche Gebäude abgerissen und die Hinterlassenschaften des Gefängnisses beseitigt, damit aus der Insel ein Vergnügungspark wird. Der ist dann doch nicht gebaut worden: Die Türkei, Aserbaidschans wichtigster Verbündeter, empörte sich, dass auf der Insel ihre Soldaten begraben lägen. So liegt Nargin weiter brach, und es gibt nicht einmal mehr die Ruinen.
Solche Orte gebe es unzählige in Aserbaidschan, sagt Sabina, Orte, an denen die Erinnerung systematisch verhindert werde. Sabina gehört zur ersten Generation von Videokünstlern und beschäftigt sich in ihren Arbeiten mit der jüngeren Geschichte ihres Landes. Eine warmherzige, temperamentvolle Dame, die international so erfolgreich ist, dass sie sich aussuchen kann, mit wem sie in Aserbaidschan zusammenarbeitet. Ohne sich als Aktivistin zu verstehen, hält sie Abstand vom Staat, der die Kunst entdeckt hat, um sich der Welt zu präsentieren.
"Ich kann nicht für das 'Land des Feuers' werben", spielt sie auf den offiziellen Slogan Aserbaidschans an, "während sich junge Leute vor Verzweiflung selbst anzünden."
Wir fahren in einem südlichen Bogen aus der Stadt und kommen am Schlachtfeld vorbei, auf dem 1918 die Rote Armee die nationalen Streitkräfte besiegt hat, im Volksmund "Blutsee" genannt, eine abfallende, trockene Ebene zwischen zwei Hügelketten. Brachland in der Sowjetunion, ist sie jetzt ein Gewerbegebiet mit Lagerhallen und zollfreien Waren. Kein Schild erinnert daran, dass sich hier Aserbaidschans moderne Geschichte entschieden hat.
Kaum haben wir das Schlachtfeld hinter uns gelassen, deutet Sabina auf die Mauer entlang der Autobahn. Schallschutz, denke ich zuerst, aber dafür ist die Wand eigentlich zu niedrig. Durch die Öffnung zwischen zwei Mauerabschnitten erkenne ich zudem, dass dahinter keine Häuser stehen, sondern die Steppe beginnt. Solche Mauern gebe es überall im Land, meint Sabina und biegt von der Autobahn ab, um durch eine schmale Straße zu fahren, die links und rechts von Wellblechwänden begrenzt wird. Gewöhnlich verdeckten die Mauern die ärmlichen Viertel und irregulären Siedlungen, an der Flughafenautobahn etwa, da verstehe sie die Logik noch. Viele Mauern jedoch führten an Gewerbegebieten oder Friedhöfen vorbei – was möge an ihnen wohl peinlich sein? Und wieder andere verdeckten gar nichts, also nur die Wüste oder einen Berg – seien sie also ihr eigener Zweck? Dafür spricht, dass viele Mauern geradezu kunstvoll gestaltet sind, mit Marmorplatten oder Bandornamenten, durch die man hindurchsehen kann.
"Vielleicht weiß man schon, was einmal hinter der Mauer gebaut wird", überlege ich, "und man hat sie vorsorglich aufgestellt."
"Ich erklär's mir eher so, dass man einfach nicht in den Horizont schauen soll."
Zurück am Meer sehen wir in der Ferne die gewaltigen Ölplattformen, die in den vergangenen Jahren errichtet worden sind, am Ufer aber auch noch kleine Pumpen wie aus der industriellen Frühzeit, als Aserbaidschan die Hälfte des weltweiten Ölbedarfs lieferte – man kann sich ausmalen, welchen Kämpfen, Einflüssen, Interventionen der Großmächte das kleine Land ausgesetzt war. Ausgerechnet die Pumpen, die nun wirklich Museumsstücke wären, scheinen noch in Gebrauch zu sein, jedenfalls hebt und senkt sich der Kopf, der wie ein Schnabel aussieht, in den Boden. Irgendwo hier, in den Ölfeldern südlich von Baku, müssen die Baracken der Arbeiter gestanden haben, denen die liberalen Ideen der Unabhängigkeitsbewegung nicht viel sagten und die ihre Hoffnungen auf den Kommunismus setzten, damit die Welt einmal eine gerechtere werde. Unter ihnen agierte ein junger Anführer namens Josef Stalin. Demnächst soll der autofreie Boulevard bis hierhin fortgeführt werden mitsamt Palmen, Stränden und Cafés, damit Baku noch ein paar Kilometer länger für Miami gehalten werden kann.
Wir fahren an der Küste entlang zurück Richtung Stadt, bis wir das ehemalige Gelände der Marine erreichen, das in eine Kulturmeile verwandelt worden ist. In der Kunsthalle Yarat läuft gerade eine Ausstellung mit kasachischer Gegenwartskunst, die sich erstaunlich offen, sogar provokant mit der Geschichte des Landes auseinandersetzt.
"Könnten Sie ähnlich kritische Arbeiten über die aserbaidschanische Geschichte ausstellen?", frage ich den Leiter von Yarat, den Belgier Björn Geldhof.
"Vermutlich nicht über alle Aspekte. Andererseits lässt sich vieles aus der Ausstellung auf Aserbaidschan übertragen."
"Das heißt, den Krieg in Bergkarabach könnte eine Ausstellung nicht thematisieren? Oder die Pogrome gegen Armenier?"
"Es gibt Grenzen, innerhalb derer wir als Museum tätig sein können, das ist ganz klar. Man kann sagen: Das akzeptiere ich nicht. Dann arbeite ich wieder in Europa oder sonst wo auf der Welt. Aber man kann auch dazu beitragen, diese Grenzen nach und nach zu verschieben. Womit hat man mehr für die Freiheit getan? Wir sind kritisch, aber wir sind keine Partisanen. Das ist nicht unsere Rolle."
Wir sind schon wieder im Auto, da sagt Sabina, dass so viel Geld verpulvert werde für Megaprojekte, Stadien für Sportereignisse, die einmal und nie wieder stattfänden, eine Konzerthalle nur für einen idiotischen Schlagerwettbewerb oder der jährliche Umbau der Innenstadt für die Formel 1. Aber das Yarat und überhaupt die Kulturmeile südlich des Fahnenmastes gehörten zu den Orten in Baku, die von dieser Zeit blieben, wenn die Herrscher schon wieder Geschichte seien.
"Gibt es noch andere?"
"Ja", meint Sabina entschieden und fährt zu einem Monument, das von dieser Herrschaft für die Welt bleiben wird: ein strahlend weißes Gebäude, das aus einigen Blättern turmhoch gewellten Papiers zu bestehen scheint; dabei gehen die Betonlagen in den Boden über, sodass man als Betrachter praktisch auf den Wänden entlanggeht. Es ist das Gejdar-Alijew-Zentrum vom 2012, das die irakisch-britische Architektin Zaha Hadid entworfen hat, ein atemberaubend eleganter Palast. Umso mehr ernüchtert das Innere des Kulturzentrums: blinkende Schaukästen und technisch hochgerüstete Projektionen, die Aserbaidschans schmerzensreiche Vergangenheit zu einem Triumphmarsch umdeuten. Die Niederlage der ersten unabhängigen Republik blendet die Ausstellung ebenso aus wie den stalinistischen Terror; dafür wird das Massaker der armenischen Armee in Chodschaly, bei dem 1992 einige Hundert Aserbaidschaner starben, zu einem Genozid erklärt und Gejdar Alijew als Telos der Geschichte gefeiert. Dessen Devotionalien sind gleich auf mehreren Etagen zu besichtigen, von seinem Smoking über seinen Schreibtisch bis hin zu seinen Dienstwagen und den albernen Geschenken, die man als Präsident von Staatsgästen erhält. Im Museumsshop werden Halstücher und Hüllen fürs iPhone verkauft, die von der Präsidententochter persönlich entworfen worden sind. Eine Zaha Hadid wird vermutlich nicht aus der jungen Frau.
Zum Essen bin ich mit dem Schriftsteller Akram Aylisli verabredet, der 2012 mit dem Roman "Steinträume" jenes Tabu gebrochen hat, an das kein Museum sich traut: Er hat von den Armeniern erzählt, die nach der Unabhängigkeitserklärung Bergkarabachs Ende der Achtzigerjahre aus Baku vertrieben oder totgeprügelt wurden. Als der Held des Romans, der Schauspieler Sadai Sadygly, bei einer Menschenjagd einschreiten will, wird er selbst zusammengeschlagen. Auf der Intensivstation träumt Sadai von seiner Kindheit im Dorf Aylis, dem Heimatdorf von Akram Aylisli selbst, in dem Christen und Muslime einst in Freundschaft zusammenlebten.
Nachdem der Roman in Moskau erschienen war, erkannte Präsident Alijew dem Autor den Ehrentitel "Volksschriftsteller" ab und strich ihm die staatliche Rente. Politiker riefen zu seiner Verfolgung auf, im Fernsehen hagelte es Beleidigungen, er wurde mit einem Ausreiseverbot belegt und aus dem Schriftstellerverband ausgeschlossen, seine Bücher öffentlich verbrannt und aus allen Bibliotheken entfernt. Auch Aylislis Frau und sein Sohn verloren ihre Arbeit.
Statt mir seine Adresse zu geben, hat Aylisli darauf bestanden, mich selbst aus der Innenstadt abzuholen, wo wir nichts Vernünftiges zu essen bekämen, sondern nur so ein neumodisches Zeug. Und als ich die Kreuzung, an der wir verabredetet sind, erst mit einer Dreiviertelstunde Verspätung erreiche, ist Aylisli kein bisschen schlecht gelaunt: ein kleiner Herr mit schmalen, tiefdunklen Augen und weißem Seitenscheitel, Bundfaltenhose und kurzärmeligem Hemd, der jeden Satz lächelnd ausspricht.
Wir setzen uns in eines der Taxis, die warum auch immer in Baku so aussehen wie Londoner Cabs, verlassen auf Schleichwegen die Innenstadt und fahren an Plattenbauten vorbei, die keine neuen Fassaden erhalten haben. Und selbst jetzt, da er davon erzählt, wie er vom geachteten Dichter des Landes über Nacht zum Paria geworden ist, hört Akram Aylisli nicht auf zu lächeln. Am tiefsten habe ihn die Reaktion seiner Kollegen und des Schriftstellerverbands getroffen, der ihn zum "Feind der Nation" ausgerufen und sein Foto im Verbandshaus abgehängt habe.
"Die Schriftsteller, der Verband – das war doch meine eigene Familie."
Aylisli schaut aus dem Fenster, als überlege er, ob er dennoch richtig gehandelt habe.
"Nun gut", seufzt er dann mehr kopfschüttelnd als empört, "am Ende ist es für einen Schriftsteller eine größere Ehre als jeder Orden, wenn ihm widerfährt, was einem Pasternak widerfahren ist."
Als wir aus dem Taxi steigen, spricht der Fahrer Akram Aylisli mit Namen an.
"Sie kennen ihn?", frage ich den Fahrer.
"Jeder kennt Herrn Aylisli", antwortet der Fahrer mit Inbrunst, worauf Aylislis Lächeln zu einem glücklichen Lachen wird.
Im Restaurant – einem Gartenlokal, das zwischen Wohntürmen aus der Sowjetunion eine unverhoffte Idylle schafft – lädt der Schriftsteller die Kellner mit großer Geste ein, den Tisch zu füllen mit allen vorrätigen Spezialitäten. Kurz erwägt er meinen Vorschlag, einen einheimischen Wein zu bestellen, um dann zu entscheiden, dass man besser gut als patriotisch trinke.
Ich frage Akram Aylisli, ob er in seinem Roman das wirkliche Aylis beschrieben habe oder eines, das nur in der Fantasie existiert.
"Es ist eins zu eins die Wirklichkeit. Es ist das Aylis, das ich als Kind gesehen habe, das Aylis, von dem meine Mutter erzählt hat."
"Erzählte sie auch vom Herbsttag 1919, als türkische Soldaten die Armenier von Aylis in einem 'See aus Blut' ertränkt haben?" Der Ausdruck ist aus dem Roman selbst.
"Ja, natürlich, das hatten alle vor Augen. Sie hat ja nie unfreundlich von den Armeniern gesprochen, im Gegenteil: Meine Mutter hat die Armenier vermisst."
"Würden Sie die Ereignisse ab 1915 als 'Genozid' bezeichnen?"
"Ja, ich denke schon. Nazim Hikmet hat den Völkermord benannt, Orhan Pamuk ebenso. Die Klügsten in der Türkei haben ihn thematisiert. Nur in Aserbaidschan niemand. Und das war bereits 1988 ein Problem: Kein Armenier hatte vergessen, was zwischen 1915 und 1919 geschehen war. Das erklärte ihr Verhalten: Sie wollten nicht, dass sich die Geschichte wiederholt. Aber das haben wir einfach nicht verstanden. Ja, die Armenier fingen den Konflikt an, indem sie Bergkarabach für sich beanspruchten. Aber zur Wahrheit gehört, dass unsere Leute sie zuerst attackiert haben, nicht sie uns."
"Und haben Sie das ebenfalls mit eigenen Augen gesehen?"
"Ich kann nicht über etwas schreiben, was ich nicht selbst erlebt habe. Alles, was im Buch steht, habe ich mit eigenen Augen gesehen. Alle haben es gesehen."
"Was passiert mit einer Gesellschaft, wenn sie etwas Schreckliches sieht, manche sogar Schreckliches begehen – und niemand darüber spricht?"
"Sie wird teilnahmslos. Sie wird apathisch. So wie meine Generation. Wie meine Kollegen."
"Glauben Sie, dass sich die Grenze zu Armenien je wieder öffnen wird?", frage ich.
"Ja, aber ich kann kein Datum nennen. Erst müssen wir uns selbst ändern. Solange wir einen Staat haben, in dem zehn Prozent Diebe über den Rest der Bevölkerung herrschen, wird überhaupt nichts geschehen."
"Ist es in Armenien anders?"
"Nein, dort ist es genauso", sagt Aylisli und lacht wieder: "Da sind wir uns sehr ähnlich."
"Werden Sie die Öffnung der Grenze noch erleben?"
"Ich wünsche es mir", antwortet der Schriftsteller und macht eine Pause, während deren sein Gesicht ein weiteres Mal ernst wird: "Ich glaube, ich wäre längst tot, wenn ich nicht daran glauben würde."
"Auf Ihre Gesundheit also", erhebe ich das Glas georgischen Weins, den ich als braver Deutscher gegen den französischen durchgesetzt habe, damit wenigstens die Ökobilanz stimmt.
Da lächelt der Schriftsteller wieder und zieht Bilanz: "Meine Bücher wurden verbrannt, meine Frau und mein Sohn haben ihre Arbeit verloren, ich wurde bedroht und beschimpft, meine Kollegen und Freunde haben sich von mir abgewandt. Aber sehe ich wie ein trauriger Mensch aus?"
"Nein, das tun Sie wirklich nicht. Auch wenn ich das erstaunlich finde. Wie gelingt Ihnen das?"
"Ich habe doch schon gewonnen: Das Buch ist erschienen, das kann niemand mehr rückgängig machen. Es wurde sogar in viele Sprachen übersetzt. Am Ende hat es dem Buch wahrscheinlich sogar genutzt, dass sein Autor attackiert worden ist. Ich habe gewonnen: Es ist endlich gesagt, was geschehen ist. Das war alles, worum es mir ging."
Und ich denke, dass Akram Aylisli recht tut, jeden, fast jeden Satz mit einem Lächeln zu sprechen.

Neunter Tag
Was auch anderswo geschehen wird, wenn die Erinnerung verlischt, in Israel, in Deutschland, in Osteuropa, erlebe ich in einem Vorort von Eriwan; es geschieht nicht auf einmal, es zieht sich hin, bis auch die Allerletzten gestorben sind, und muss auch nicht mit ihrem Tod enden, sondern kann davor schon, nach und nach, zum Ungefähren verblassen. Hovhannes Balabanyan war zwei Jahre alt, als er mit der Mutter in die Wüste verschleppt wurde. Heute ist er 104 und einer der letzten Überlebenden des Genozids an den Armeniern. Nicht nur, dass er zu klein war, um sich selbst noch an den Marsch zu erinnern, und sein Gedächtnis nur bis zum syrischen Hama zurückreicht, an die Arbeit der Mutter in einer Teppichfabrik, um die Miete zu zahlen, an die Sorgen um den Vater, der mit der Hälfte der männlichen Dorfbewohner auf den Berg Musa Dagh gezogen war, um sich zu wehren, an den Verlust der Heimat, der die Gespräche der Erwachsenen beherrschte, und die Schwärze, in die alles Künftige gehüllt schien. Inzwischen schießen die Bilder auch kreuz und quer durch Balabanyans Kopf, und wenn man ihm zuhört, weiß man oft nicht, ob es sich um Selbsterlebtes handelt, etwas, das er als Kind aufgeschnappt hat, oder später Gelesenes.
"Er will erfahren, was du mit eigenen Augen gesehen hast, Papi", schreit die Enkelin, weil sie sich besser als die Übersetzerin verständlich zu machen weiß, aber schon ist Balabanyan wieder auf dem Musa Dagh, wo er zweijährig nun wirklich nicht selbst gekämpft haben kann. Es ist, als wäre die ganze Geschichte seines Volks ununterscheidbar zu seiner eigenen geworden. Da ist der Hafen von Alexandrette, dem heutigen Iskenderun, und ein französisches Schiff, da sind Rufe, Schreie, Hilfe, wir sind in Gefahr, Hilfe, wir sind Armenier, wir sind Christen, da sind Jüngere, die sich ins Meer stürzen, um das Schiff zu erreichen, und Ältere, die dann doch von Beibooten geholt werden, da sind Mütter mit Kindern – unter denen er vielleicht doch selbst war? Nein, er war in Hama, fällt ihm dann wieder ein, wo die Mutter in der Teppichfabrik arbeitete.
"Konnte sich Ihr Vater ebenfalls auf die 'Jeanne d'Arc' retten?", frage ich, um zu signalisieren, dass ich von der Rettungsaktion der französischen Marine bereits in Franz Werfels Roman "Die vierzig Tage des Musa Dagh" gelesen habe, der so etwas wie ein armenischer Nationalepos ist.
"Ich sag's ihm gleich", antwortet Hovhannes Balabanyan seiner Enkelin, "ich will ihm die ganze Geschichte erzählen." Aber er ist 104 Jahre alt, und so verliert er sich in Details, weil jedes davon gleich wichtig ist und es irgendwann aufs Gleiche hinauszulaufen scheint, ob es selbst erlebt, aufgeschnappt oder nachgelesen ist. "Nur verfolgte und unterdrückte Völker sind so gute Stromleiter des Schmerzes", heißt es bei Werfel: "Was einem Einzelnen geschieht, ist allen geschehen."
"Was ist seine früheste Erinnerung?", bitte ich die Enkelin zu fragen, um irgendetwas zu erfahren, was nicht bereits in den "Vierzig Tagen" steht, aber Balabanyan – "ich erzähl's ihm gleich" – muss noch von einem Abkommen berichten, das die Türken mit den Franzosen geschlossen haben.
"Papi, das ist doch alles aus Büchern", schimpft jetzt sogar die Enkelin ein bisschen mit ihm: "Der Herr ist gekommen, weil du einer der letzten Überlebenden bist. Er will deine Geschichte hören."
"Ja, da komme ich gleich dazu", gibt sich Balabanyan unbeirrt und fährt mit den Franzosen fort. So viel erfahre ich dann doch, allerdings mehr von der Enkelin als von ihm selbst, dass er nach vier Jahren in Hama mit der Mutter und den anderen Flüchtlingen in ihr altes Dorf Bitias zurückkehren konnte, von dem auch Franz Werfel erzählt. Das Dorf ist von den Türken umbenannt worden, wirft Balabanyan in den Bericht der Enkelin ein, ansonsten sei alles aber normal gewesen.
"Auch das Zusammenleben mit den Türken?", wundere ich mich.
"Ja, ja, alles normal", erklärt Hovhannes Balabanyan, um wieder auf Alexandrette zu kommen, wo sein Vater von den Franzosen gerettet worden zu sein scheint. 1939 sei dann wieder die türkische Armee gekommen, springt er unvermittelt zu seinem eigenen Leben zurück, und die armenischen Bewohner des Dorfes mussten zurück nach Hama fliehen, von wo sie weiter in den Libanon zogen. Sechs Jahre wohnten sie in der Bekaa-Ebene in Zelten, bevor sich die Armenier von Bitias endgültig in alle Winde verstreuten. Balabanyan war inzwischen Lehrer, obwohl er die Schule selbst nur vier Jahre besucht hatte, wenn seine Erinnerung nicht trügt. In Armenien, wohin sie 1949 übersiedelten, bekamen die Balabanyans mit vier weiteren Familien eine einzige Wohnung zugewiesen. So sei das damals in der Sowjetunion gewesen, die auch alle anderen Versprechen gebrochen habe.
"Was denken Sie heute über die Türkei?", frage ich und erhalte zur allgemeinen Verblüffung eine direkte Antwort.
"Die Türkei wird den Genozid niemals anerkennen. Niemals."
"Und was denken Sie über die Türken?"
"Das sind keine Menschen", sagt Balabanyan mit noch größerer Entschiedenheit und wechselt ins Türkische: "Die Türken sind geboren, um zu töten, zu verbrennen, zu stehlen und zu zerstören."
"Und wenn jetzt ein Türke vor Ihnen säße?"
Hovhannes Balabanyan schaut mich aufmerksam an und scheint mit den Gedanken kein bisschen mehr anderswo zu sein, nicht auf dem Musa Dagh, nicht in Alexandrette, sondern nur auf dem Sofa seiner Enkelin, auf dem er sonst meistens döst.
"Wenn jetzt ein Türke vor mir säße? Ich würde ihm meinen Hass nicht zeigen. Ich würde ihn freundlich empfangen und Türkisch mit ihm reden."
In der Abenddämmerung streife ich durch Eriwan, das nicht im pittoresken Sinne schön ist, aber dennoch eine angenehme Stadt. Als Armenien 1918 zur Republik und 1922 zur Sowjetrepublik wurde, gab es zwar ein Land, es gab auch eine Bevölkerung, aber es gab keine Hauptstadt im eigentlichen Sinne, weil die größeren städtischen Siedlungsgebiete der Armenier auf der anderen, der türkischen Seite der Grenze lagen. Eriwan hingegen war nur ein weiteres orientalisches Garnisonstädtchen an der langen Grenze zu Iran, das der Zar dem Schah 1828 abgenommen hatte und das zum großen Teil von Muslimen bewohnt war, mit weit mehr Moscheen als Kirchen. Die Sowjetunion riss die Lehmhäuser, Karawansereien und Basare ab, um eine sozialistische Modellstadt zu bauen. So gleichförmig die Häuser sind, die aus dem gleichen braunroten, mit natürlichen Reliefs durchzogenen Stein gebaut wurden, hat doch das knappe Jahrhundert jeder Fassade eine besondere Geschichte aufgemalt. Und alles hatte noch menschliche Dimensionen, als die Sowjetunion begann; eine Stadt für ihre Bewohner, nicht umgekehrt Bewohner als Träger einer Weltanschauung wie im Stalinismus: die überschaubare Größe der Plätze und Gebäude, die warme Farbe der Fassaden, die vielen Parks und Grünstreifen, die Bäume entlang den Straßen.
Dazu gleicht die Innenstadt einem einzigen Straßencafé, in dem jeder Tisch belegt ist. Auch die Plätze und Promenaden sind voller Menschen, alt, jung, Kinder und unter den Touristen viele, die wie Armenier aussehen, aber breites Amerikanisch sprechen, Diaspora also. Ansonsten haben die Iraner Eriwan zurückerobert, wenn auch als zahlende Gäste diesmal. Wo anderswo für Zahnpasta oder Autos Reklame gemacht wird, leuchten an den Litfaßsäulen Fotos berühmter Dichter und Sänger, von denen meines Wissens nur Charles Aznavour noch lebt.
Später bin ich auf einer Party, die gerade so viele Gäste hat, dass sie noch spontan wirkt. Außer den einen oder anderen Doing-Nothings, die mal dies, mal das und am liebsten nichts tun, haben sich einige Literaten eingefunden, darunter die Übersetzerin von Orhan Pamuk, sowie eine Gruppe lesbischer Aktivistinnen aus Istanbul, deren Besuch womöglich der Anlass für die Party ist. Bezeichnend, dass die Verständigung mit der Türkei in denselben Kreisen vertreten wird, die sich für die Rechte der Homosexuellen einsetzen, als ob das eine mit dem anderen zusammenhinge. Vielleicht hängt es zusammen: Ob Frauen weniger nationalistisch als Männer sind, weiß ich nicht, aber Homosexuelle sind es vermutlich; sie wissen, dass in egal welcher Nation mit den anderen immer auch sie selbst gemeint sein können.
Ich frage nach Akram Aylisli, den alle Armenier in der Runde kennen, von "Steinträume" lägen gleich mehrere Übersetzungen vor. Was ihm nach der Veröffentlichung widerfuhr, sei in Armenien nicht recht denkbar, im Vergleich dazu seien die Verhältnisse hier noch liberal. Andererseits: Einen wie Aylisli, der einen großen Roman über die Leiden der anderen geschrieben habe, der Feinde, den suche man in Armenien vergebens.
Im nächsten Heft: Von Eriwan nach Bergkarabach
Von Navid Kermani

DER SPIEGEL 1/2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 1/2018
Titelbild
Der digitale SPIEGEL
Diese Ausgabe jetzt digital lesen

Die digitale Welt der Nachrichten. Mit interaktiven Grafiken, spannenden Videos und beeindruckenden 3-D-Modellen.
Sie lesen die neue Ausgabe noch vor Erscheinen der Print-Ausgabe, schon freitags ab 18 Uhr.
Einmal anmelden, auf jedem Gerät lesen - auch offline. Optimiert für Windows 8, Android, iPad, iPhone, Kindle Fire, BlackBerry Z10 sowie für PC/Mac.

Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Europa:
Geschichte seines Volkes

Video 01:41

Virales Mountainbike-Video Ausritt mit "Onkel Danny"

  • Video "Skandal in der J-League: Schiedsrichter übersieht Tor" Video 00:58
    Skandal in der J-League: Schiedsrichter übersieht Tor
  • Video "Krise in Europa: Worunter Menschen am meisten leiden" Video 54:33
    Krise in Europa: Worunter Menschen am meisten leiden
  • Video "Cannes: Tarantino feiert Premiere" Video 01:16
    Cannes: Tarantino feiert Premiere
  • Video "Thailand: Auto rast durch Polizeiposten" Video 00:44
    Thailand: Auto rast durch Polizeiposten
  • Video "80-Jährige Mieterin in Berlin: Rauswurf wegen Eigenbedarf?" Video 03:51
    80-Jährige Mieterin in Berlin: Rauswurf wegen Eigenbedarf?
  • Video "Affen als Einbrecher: Poolparty" Video 00:57
    Affen als Einbrecher: Poolparty
  • Video "Naturphänomen: Der horizontalen Sandfälle von Broome" Video 01:00
    Naturphänomen: Der "horizontalen Sandfälle" von Broome
  • Video "Stimmen zur Strache-Affäre: Sowas war keine b'soffene G'schicht" Video 02:46
    Stimmen zur Strache-Affäre: "Sowas war keine b'soffene G'schicht"
  • Video "Zum Tod von Niki Lauda: Rennfahrer, Unternehmer und Legende" Video 02:49
    Zum Tod von Niki Lauda: Rennfahrer, Unternehmer und Legende
  • Video "Widerstand in Ungarn: Anna Donáths Kampf gegen Orbán" Video 04:32
    Widerstand in Ungarn: Anna Donáths Kampf gegen Orbán
  • Video "Riesige Sturmwolke: Gleich geht die Welt unter..." Video 00:42
    Riesige Sturmwolke: Gleich geht die Welt unter...
  • Video "Experiment: Was passiert mit Duschgel im Vakuum?" Video 01:19
    Experiment: Was passiert mit Duschgel im Vakuum?
  • Video "Ich hatte immer Ups und Downs im Leben: Niki Lauda im Interview (1993)" Video 37:02
    "Ich hatte immer Ups und Downs im Leben": Niki Lauda im Interview (1993)
  • Video "US-Amateurvideo: Flugzeug wird vom Blitz getroffen" Video 00:55
    US-Amateurvideo: Flugzeug wird vom Blitz getroffen
  • Video "Virales Mountainbike-Video: Ausritt mit Onkel Danny" Video 01:41
    Virales Mountainbike-Video: Ausritt mit "Onkel Danny"