24.01.2000

SCHRIFTSTELLERDie Gnade der späten Geduld

„Aus dem Tagebuch einer Schnecke“, neueste Auflage: wie der Nobelpreisträger Günter Grass in Schleswig-Holstein für Rot-Grün trommelt.
Nein, er ist nicht explodiert, weder vor Zorn noch sonst irgendwie. Schließlich hatten Sprengstoffspürhunde die Halle abgeschnüffelt, weil sich nicht nur ein Nobelpreisträger angekündigt hatte, sondern auch eine echte Ministerpräsidentin. Und die von der CDU-Führung "womöglich jahrzehntelang praktizierte systematische und bewusste Verletzung von Verfassung, Recht und Gesetz" ("FAZ"), kurz: dass Kohl & Co. ein krimineller Sauhaufen sind, hatte er ja sowieso schon immer geahnt, oder?
Warum also sich aufregen? Günter Grass, 72, schlurft auf die Bühne, stopft seine Pfeife, nippt am Rotwein, genießt. Genießt, dass ihm 500 Leute schon zu Beginn des Abends stehend applaudieren (Eintritt: zehn Mark). Dass bei Heide Simonis, für deren Wiederwahl der ganze Zirkus hier veranstaltet wird, auch alle klatschen, dabei aber sitzen bleiben. Und dass der Kunstprofessor von der SPD-Wählerinitiative die "lockere Runde mit Grass und Simonis" (so der Programmzettel) mit einem langen Redeschwall in Gang bringen will, obwohl die beiden das auch ohne den Moderator sicher ganz gut hinbekommen hätten. "Ich bin ein geduldiger Mensch", wird Grass später sagen.
Wahlkampf 2000. Am 27. Februar wird in Schleswig-Holstein ein neuer Landtag gewählt, und nach den neuesten Umfragen sieht es nicht so aus, als könne CDU-Herausforderer Volker Rühe mehr gewinnen als einen Trostpreis.
Ach ja, der Rühe. Als "Rambo" hatte Günter Grass ihn Ende November bezeichnet und bei der Gelegenheit an den Niedergang der Weimarer Republik erinnert. Woraufhin die "Welt am Sonntag" ein paar Autoren anrief, die lange nicht mehr in der Zeitung gestanden hatten, dafür aber jetzt prompt "empört über Grass" waren und dessen Äußerung "schrecklich" (Walter Kempowski), "merkwürdig" (Lutz Rathenow), "lächerlich" (Hanns-Josef Ortheil) und "anachronistisch" (Hans Joachim Schädlich) fanden. Schädlich weiter: "Der Nobelpreis beglaubigt nicht jeden politischen Irrtum eines Schriftstellers."
Dafür stimmt eine Preisverleihung in Stockholm offenbar milde. "Ich glaube Rühe", sagt Grass tatsächlich vor dem Wahlkampfauftritt in vertrauter Runde und ganz ohne Häme, "ich glaube Rühe, dass er nichts gewusst hat. Aber dann war er ein ahnungsloser Generalsekretär und ein ahnungsloser Verteidigungsminister." Nicht gerade ein Kompliment, aber auch kein Wort mehr vom Rambo.
So viel Zurückhaltung ist neu bei Günter Grass. "Wählt SPD", schrieb der Blech-
trommler bereits 1961, "unter diesem Zeichen werdet ihr zwar nicht siegen, aber auch nicht vor die Hunde gehn."
1965 und 1969 ging er dann richtig auf Wahlkampftour für Willy Brandt und die SPD, mit dem Kleinbus und am liebsten dort, wo die Union regierte. Für ein Plakat zeichnete er einen "Es-Pe-De"-krähenden Hahn und machte auch selber den Mund unter dem schon damals eindrucksvollen Schnauzbart ziemlich weit auf. Der Schriftsteller Grass drohte darüber fast in Vergessenheit zu geraten. Er musste ausdrücklich klarstellen, "dass ich am liebsten Bücher schreibe". Sein nächstes, 1972 erschienen, hieß "Aus dem Tagebuch einer Schnecke" und beschrieb, logisch, den Wahlkampf.
Später ließ dann die Begeisterung an der gemeinsamen Sache nach, auf beiden Seiten. "Keine Partei ist verpflichtet, alles durchzuführen, was ich vorschlage", lärmte Grass zwar, war dann aber doch beleidigt, wenn niemand auf seine Unkenrufe hörte: weder bei der deutschen Einheit, vor der er sich fürchtete ("Ein Monstrum will Großmacht sein"), noch bei der Einschränkung des Asylrechts ("Bauphase zur Festung Deutschland"), wegen der er aus der SPD austrat. Meist war sein Ton ein wenig zu schrill, um mehr als nur aufzufallen im Chor der ewigen Mahner. Die neue deutsche Spaßgesellschaft der scheinbar ewigen Ära Kohl wollte auf den zornigen alten Mann aus Lübeck nicht mehr hören.
Und heute? Heute übt er die Gnade der späten Geduld und wehrt sich gegen die Zumutung, ständig als "moralische Instanz" in Anspruch genommen zu werden: "Auch Böll hat schon darunter gelitten." Lieber spottet Grass über sein eigenes chronisches Misstrauen - bevor sie letzten Dienstag in Reinbek bei Hamburg auf die Bühne müssen, will er von seiner Duzfreundin wissen, ob er sich wirklich für eine gute Sache engagiere: "Heide, deine Hüte - hast du die alle selbst bezahlt?"
Dann setzen sie sich auf zwei sozialdemokratisch-korrekte, also grottenhässliche Ledersofas, warten, bis der Moderator fertig ist, siehe oben, und plaudern schließlich über die Weltlage im Allgemeinen (Grass) und die in Schleswig-Holstein im Besonderen (Simonis), liefern quasi den Soundtrack zum Verkaufstisch im Foyer. Dort liegen Grass-Romane gleich neben dem Simonis-Werk "Kein Blatt vorm Mund", Untertitel: "Für eine aktive Bürgergesellschaft". Na denn.
"Ich habe die Neigung, Menschen zu etwas anzustiften", beginnt der Dichter, in diesem Fall "zu Rot-Grün, daran wirst du" - Blick zu Simonis - "dich gewöhnen müssen". Ihn interessiere auch immer noch, "was aus diesen ehemaligen Jungsozialisten geworden ist", die "damals alle weit links" von ihm gestanden hätten und von denen einer heute Bundeskanzler sei. Außerdem, nächstes Thema, solle man an den Schulen doch "das Leistungsfach Muße einführen", und neulich habe er überlegt, bei der IG Metall einzutreten ("Ich arbeite ja manchmal mit Kupferplatten"), auch er habe so seine Vorstellungen zum Thema Rente mit 60.
In diesem Stil geht es weiter, Tonlage heiter ("Im Grunde ist Helmut Schmidt der Gründer der grünen Partei") bis wolkig ("Wie sieht dieser blaue Planet aus?"). Das schmutzige Wort "CDU" nimmt Grass nicht in den Mund. Allerdings müsse man verhindern, dass "eine große Volkspartei den Überdruss an der Demokratie stärkt". Selten konnten SPD-Anhänger sich so sicher fühlen wie an diesem Abend, damit nicht gemeint zu sein.
Nach gut 20 Minuten ist Schluss mit der Talkshow, ein Gitarrenduo gibt "Musik zum Entspannen" (wovon?) und Günter Grass Autogramme.
Am Ende liest er, ganz professioneller Unterhalter, fast eine Stunde aus seinem "Jahrhundert"-Wälzer, zuletzt das Kapitel über 1998 und die letzte Bundestagswahl. Bei Familie Grass, so heißt es da, isst man zu den neuesten Hochrechnungen Pilze und hinterher, als der Sieg der SPD feststeht, Linsensuppe - "geeignet, aufkommenden Hochmut zu dämpfen".
Paradox: Mögen die aktuellen Affären noch so sehr den strengen, alten Erbsenzähler Grass erfordern - dieser gibt inzwischen lieber den bescheidenen Linsenfreund. MARTIN WOLF
* Vorigen Dienstag im Reinbeker Sachsenwald-Forum.
Von Martin Wolf

DER SPIEGEL 4/2000
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