13.01.2018

Der Augenzeuge„Ich hatte Gänsehaut“

Die Berliner Staatssekretärin Sawsan Chebli schlägt vor, dass Asylbewerber und grundsätzlich jeder, der in Deutschland lebt, wenigstens einmal eine KZ-Gedenkstätte besuchen sollten. Saher Blasini, 22, ist 2009 aus dem Irak nach Deutschland geflohen. Er beschreibt, was er bei einem Besuch in Auschwitz erlebte.
"Ich bin vor gut vier Jahren mit dem Berliner Verein 'Stark ohne Gewalt' nach Auschwitz gefahren, in meiner Gruppe waren überwiegend türkisch- oder arabischstämmige Jugendliche. Als man uns über die Gedenkstätte führte, hatte ich die ganze Zeit Gänsehaut. Es hat mich im Herzen getroffen, als wir die Haare, das Kinderspielzeug, die Asche der ermordeten Menschen betrachtet haben. Wir haben auch Öfen gesehen. Sie erinnerten mich daran, wie ich in meiner kurdischen Heimat im Nordirak zum Bäcker gegangen bin, dort gab es ähnliche Öfen. Wie schrecklich, dass in den Öfen von Auschwitz Menschen verbrannt wurden!
Auf dem Gelände hat man uns vor jedem Gebäude erzählt, was dort passiert war. Ich habe mich gefühlt, als hätte ich selbst dort als Häftling gelebt, das hat mich nicht in Ruhe gelassen. Später habe ich ein Gedicht geschrieben, um diese Erfahrung zu verarbeiten.
Im Irak hatte ich von Auschwitz und dem Holocaust nie etwas erfahren. Da hatten wir nur von Hitler gehört. Es hieß, dass er ein großer, mächtiger Mann war. Bei uns ging es damals um andere Themen, zum Beispiel wie die USA gegen den Irak Krieg geführt haben. Juden spielten nur eine Rolle, wenn arabische Medien gezeigt haben, wie Palästinenser von israelischen Soldaten angegriffen und geschlagen wurden.
Der Besuch in Auschwitz hat mir eindringlich gezeigt, wie wichtig Menschlichkeit ist. Es ist doch völlig egal, welche Religion jemand hat. Ich finde, jeder Mensch muss sich mit Auschwitz auseinandersetzen, egal ob er im Irak, in Deutschland oder sonst wo aufgewachsen ist. Jeder Jugendliche sollte an einem Besuchsprogramm teilnehmen. Ob man aber jemanden dazu zwingen sollte, weiß ich nicht. Auf jeden Fall darf es bei uns nie wieder passieren, dass Menschen wegen ihrer Religion oder ihrer Behinderung versklavt und umgebracht werden. Aufklärung ist extrem wichtig. Vielleicht kann ich dazu selbst etwas beitragen. Wenn ich meinen Schulabschluss nachgeholt habe, möchte ich Erzieher werden."
Von Aufgezeichnet von Frank Hornig

DER SPIEGEL 3/2018
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