27.01.2018

Türkisch-kurdischer KonfliktDemokraten oder Terroristen?

Remzi Aru, 50, Chef der Erdoğan-nahen deutschen Partei ADD, und Ali Ertan Toprak, 48, Vorsitzender der Kurdischen Gemeinde Deutschland, über die Auswirkungen der türkischen Bodenoffensive in Syrien auf die Migrantengruppen hierzulande
SPIEGEL: Wie würden Sie die Stimmung in Ihrer Community derzeit beschreiben?
Aru: Die Stimmung in der türkischen Community ist doch schon lange konstant auf niedrigem Niveau. Anschläge auf Ditib-Moscheen, wie sie jetzt gerade erst wieder stattgefunden haben, sind nicht neu, auch die Hetze gegen Erdoğan-nahe Türken im Internet nicht. Die deutsche Öffentlichkeit hat das noch nie interessiert.
Toprak: Es ist schlimm, dass man mitten in Deutschland Gewalt gegen Andersdenkende befürchten muss. Wir erhalten Drohanrufe in unserer Geschäftsstelle. "Euer Ende naht", heißt es dann etwa. Wir machen uns Sorgen, dass die Situation eskalieren könnte, und versuchen, auf unsere Jugendlichen einzuwirken, sich nicht provozieren zu lassen.
SPIEGEL : Warum hat die türkische Armee das syrische Afrin angegriffen?
Aru: Die kurdischen Milizen dort, die YPG, und auch die PKK, sind terroristisch bis in die Haarspitzen. In der Türkei sterben immer wieder Unschuldige durch ihre Anschläge. Erdoğan tut auch Europa einen Gefallen, wenn er gegen diesen stalinistisch-marxistischen Haufen vorgeht. Wer glaubt, dass die an Demokratie interessiert sind, hat keine Ahnung. Es geht denen einzig und allein um Macht. Übrigens kämpfen auch sehr viele Kurden in den türkischen Streitkräften, weil sie Erdoğans Kurs unterstützen.
Toprak: Es heißt, die Türkei wolle einen kurdischen Korridor dort verhindern oder sogar einen eigenen Staat. Das mag einer der Gründe sein. In erster Linie geht es aber um Innenpolitik. Der türkische Staatspräsident Recep Tayyip Erdoğan braucht den Ausnahmezustand, um seine Macht zu sichern. Mit Nationalismus schafft er es, die Menschen mit vermeintlichen Feindbildern und Bedrohungsszenarien hinter sich zu vereinen. Im kommenden Jahr sind Wahlen.
SPIEGEL: Sehen Sie auch Versäumnisse auf der Seite Ihrer Leute?
Aru: Ja. Zum einen sind lange vor Erdoğans Zeit Fehler gemacht worden, nämlich von der heutigen Opposition. Die Kurden wurden lange unterdrückt. Erdoğan hat dann versucht, etwas zu ändern. Er wollte Gespräche mit den Terroristen führen. Das hätte er besser lassen sollen. Aus einer Schlange wird nie ein Haustier. Jetzt muss er umso härter durchgreifen.
Toprak: Nein, die Aggression geht nicht von den Kurden aus. Wir stehen für Frieden und Demokratie. Die Kurden haben in den letzten Jahren als Bündnispartner des Westens eine bemerkenswerte demokratische Reife gezeigt. Separatistisch sind die Kurden schon lange nicht mehr.
SPIEGEL: Was erwarten Sie von der Bundesregierung?
Aru: Die Deutschen sollten das machen, was sie am besten können: sich raushalten.
Toprak: Die deutsche Politik muss jede militärische Zusammenarbeit mit der Türkei beenden. Dass der deutsche Außenminister seinem türkischen Amtskollegen, also dem Gesandten eines Autokraten, Tee ausschenkt, hilft jedenfalls nicht.
Eine Analyse des Konflikts finden Sie auf Seite 76.
Von Elg,

DER SPIEGEL 5/2018
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