27.01.2018

Kolumne12 Wochen in Riad

Die Jugend flaniert abends ungeniert über die Tahlia-Straße von Riad, vor allem junge Männer suchen hier Zerstreuung und Kontakt zum anderen Geschlecht. Für die Moralwächter gibt es also jede Menge zu tun – eigentlich. An einem Abend um kurz nach 20 Uhr springt ein Mutawwi, ein Religionspolizist, neben mir aus einem Auto mit der Aufschrift "Komitee für Tugend und Verhinderung von Fehlverhalten". Er trägt einen langen Bart und Hosen, die über dem Knöchel enden, so wie angeblich die Gewänder des Propheten. "Schwester, verhülle dein Haar!", ruft er hinter mir her, "so ist das System hier in Saudi-Arabien."
Dabei gibt es im Königreich gar kein Gesetz, das Frauen den Schleier vorschreibt oder das Autofahren verbietet. Die Religionspolizei hat jahrzehntelang einfach selbst definiert, was Sünde ist: öffentlich Make-up zu tragen etwa oder mit einem Mann spazieren zu gehen, der nicht Bruder, Ehemann oder Sohn ist. Wer gegen ihre Regeln verstieß, wurde festgenommen und vor ein Religionsgericht geschleppt.
Doch inzwischen sind die Mutawwis entmachtet. Vor knapp zwei Jahren verfügte das Herrscherhaus, dass sie nur noch die Polizei über Verstöße informieren dürfen. Seither sind sie fast komplett aus dem Straßenbild verschwunden. Von Religionspolizisten angesprochen, gehen die jungen Leute auf der Tahlia-Straße einfach wortlos weiter. Diskussionen, sagen sie, seien Zeitverschwendung. "Schwester, dein Schleier", ruft der Mutawwi noch mal. Dann verhallt seine Stimme im Wind.
Susanne Koelbl berichtet an dieser Stelle bis März aus Saudi-Arabien.

DER SPIEGEL 5/2018
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