27.01.2018

SyrienKrieg und kein Ende

Mit der Invasion in Afrin, einer der letzten unzerstörten Regionen des Landes, will die Türkei einen Kurdenstaat verhindern. Die USA schauen machtlos zu, Russland triumphiert – und am Ende könnte vor allem einer siegen: Baschar al-Assad.
Die ersten Opfer auf beiden Seiten der Front hatten nichts getan. Sie wollten einfach nur überleben. Als am Samstag vergangener Woche die türkische Luftwaffe begann, kurdische Stellungen rund um das syrische Afrin zu beschießen, traf eine ihrer Raketen eine Hühnerfarm in der Nähe des Dorfes Dschalbara und löschte die Familie Hussein fast völlig aus. Die Mutter und sechs Kinder starben, nur der Vater überlebte. Sie waren Flüchtlinge aus Maarat al-Numan, einer Stadt weiter südlich in der Provinz Idlib, die seit Dezember wieder massiv von der syrischen Luftwaffe bombardiert wird.
Am nächsten Morgen schlug dann eine Rakete, abgefeuert aus der kurdischen Enklave Afrin, nahe der türkischen Grenzstadt Reyhanlı ein, zwei Meter neben dem Auto von Nadir al-Fares. Der Taxifahrer war sofort tot, als die messerscharfen Metallsplitter sein Auto zerfetzten. Fares war schon 2012 vor Baschar al-Assads Armee in die Grenzregion geflohen. Er hatte es noch bis in die Türkei geschafft, während die Familie Hussein nur bis Afrin gekommen war, wo sie den Gestank der Hühnerfarm ertrug, um im eisigen Winter wenigstens ein Dach über dem Kopf zu haben. Der Tod dieser Unbeteiligten zeigt im Kleinen das große Drama: wie stetig neue Kampflinien und Gefechtsherde erwachsen aus dem Krieg um Syrien, den zu beenden die Beteiligten nicht einmal mehr versuchen.
Seit einer Woche gibt es nun eine neue Front um Afrin. Immer wieder hatte der zunehmend autokratisch regierende Präsident Recep Tayyip Erdoğan angekündigt, den Krieg gegen die kurdische Arbeiterpartei PKK auch jenseits der türkischen Grenze führen zu wollen: in Syrien, wo die PKK im Namen ihres dortigen Ablegers YPG, der "Volksschutzeinheiten", etwa ein Viertel des Landes beherrscht – und einen De-facto-Kurdenstaat errichtet hat. Ein Gebiet, das sowohl die traditionell kurdischen Siedlungsgebiete umfasst sowie mehrheitlich von Arabern besiedelte Gegenden.
Die Kurdenpartei tritt zwar unter verschiedenen Akronymen auf, als PKK, YPG und PYD, agiert aber letztlich unter derselben Führung und dem Bild des heiligengleich verehrten Parteigründers Abdullah Öcalan. Daraus machten die Funktionäre früher nie einen Hehl, erst seit es darum ging, die USA als Partner zu gewinnen, wurde so getan, als gäbe es gravierende Unterschiede. Doch die Entscheidungen werden letztlich im Hauptquartier in den Kandil-Bergen im Nordirak gefällt.
Am 20. Januar war es so weit: Von Norden und Westen flogen türkische Jets Angriffe auf Militärstellungen und Funkstationen der YPG. Panzer, auch vom Typ "Leopard 2" aus deutscher Produktion, rollten durchs hügelige Terrain, begleitet von syrisch-arabischen Rebellen unter türkischem Kommando. Die Rebellen stammen aus Gruppen der früheren "Freien Syrischen Armee" (FSA), sie kommen vor allem aus dem Norden der Provinz Aleppo, wo die türkische Armee im Sommer 2016 ein größeres Gebiet besetzt hat.
Bis Mitte vergangener Woche nahmen die Angreifer nach eigenen Angaben fünf Dörfer in Grenznähe ein, während die YPG verkündeten, sämtliche Attacken zurückgeschlagen zu haben. Unabhängige Informationen sind schwer zu bekommen, denn viele Internetverbindungen in Afrin waren ans Netz der türkischen Mobilfunkfirma Turkcell gekoppelt. Und diese mussten die Behörden nur kappen.
Am verlässlichsten dürften die Angaben der Syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte aus Großbritannien sein, nach denen auf beiden Seiten bis Mittwoch jeweils mehr als 40 Kämpfer ums Leben kamen. Stürme und schwere Regenfälle haben den Vormarsch zwischenzeitlich erschwert.
Doch die Gefahr ist groß, dass noch weit mehr Menschen, insbesondere Zivilisten, bei den Kämpfen sterben werden. Afrin ist eines der wenigen unzerstörten Gebiete in Nordsyrien. Mehr als hunderttausend Binnenflüchtlinge aus Aleppo und anderen Gebieten haben in dem etwa 2000 Quadratkilometer großen Gebiet Zuflucht gesucht – sowohl Kurden als auch Araber.
Afrin hatte einfach Glück. Die syrischen Kurden hatten sich dem Aufstand gegen Assads Diktatur nie angeschlossen, sondern sich ab 2011 neutral verhalten: mal mit Damaskus taktiert, mal mit den Rebellen, später mit den Russen, dann mit den USA, am liebsten mit beiden. Assads Armee zog ab, Afrin wurde nie bombardiert. Auch vom "Islamischen Staat" (IS), der 2013 im Südosten von Afrin Dorf um Dorf überrannte, blieb die Enklave verschont.
Als Washington dann ab Sommer 2014 angesichts der dramatischen IS-Angriffe auf die Jesiden im Irak sowie die syrische Kurdenstadt Kobane seine Strategie änderte und den IS zum Hauptfeind erklärte, boten sich die syrischen Kurden als Wunschpartner an. Denn die Rebellen der FSA hatten sich zuvor Washingtons Bedingung verweigert, nur gegen den IS zu kämpfen, nicht aber gegen Assads Armee, die fortwährend ihre Heimatorte bombardierte.
So avancierte die Kurdenmiliz mit Waffenlieferungen und Luftunterstützung der Amerikaner zu deren Bodentruppe im Kampf gegen das "Kalifat". Die USA lieferten vor allem simple Technik, aber das in gigantischen Mengen: Munition, Kalaschnikows und, unbestätigten Berichten zufolge, auch russische Grad-Raketen.
Das Problem, mit der PKK eine in den USA offiziell als Terrororganisation deklarierte Gruppe zu unterstützen, umging Washington mit rhetorischer Akrobatik: Fortan wurden die YPG als wertvolle Verbündete im Antiterrorkampf bezeichnet – und die PKK weiterhin als Terrortruppe. Eine Linie, die Donald Trump in einem Telefonat mit Erdoğan am Dienstag beibehielt, als er ihn aufforderte, sich in Nordsyrien militärisch zurückzuhalten – ihm gleichzeitig aber Beistand im Kampf gegen die PKK-Terroristen versprach.
Damit wird es nun gänzlich paradox: Washington äußert Verständnis, dass die Türken eine Miliz bombardieren, die die USA selbst gerade erst aufgerüstet haben.
Erdoğans Kalkül ist dagegen einfach zu durchschauen: Er beendete schon 2015 den von ihm selbst initiierten Friedensprozess mit der PKK, um dank des kurdischen Feindes die Türken hinter sich zu versammeln. Eine zynische Strategie, aber sie ging auf.
Trotz aller Unterschiede haben die drei Akteure USA, Türkei und YPG eines gemeinsam: ihre Ignoranz. Jeder glaubt, inmitten der syrischen Kampfzone seinen ganz eigenen Krieg führen zu können:
Die USA wollen nur gegen den IS zu Felde ziehen.
Erdoğan will partout den Krieg gegen Öcalans Parteigänger führen.
Die YPG wollen so viel Territorium wie möglich unter ihre Kontrolle bringen, auch weit jenseits kurdischer Kerngebiete.
Keiner der drei kann oder will den Krieg beenden. Solange der gemeinsame Feind IS noch stark war, funktionierte dieses Nebeneinander. Doch seit dem Untergang des "Kalifats" ist das vorbei.
Zwei offensichtlich unkoordinierte Statements – eines amerikanischen Presseoffiziers sowie des US-Außenministers Rex Tillerson – lösten die folgende Kettenreaktion aus, die schließlich im türkischen Einmarsch mündete. Am 13. Januar zitierte das Newsportal "The Defense Post" den US-Presseoffizier Oberst Thomas Veale: Die Anti-IS-Koalition sei mit ihren kurdischen Verbündeten dabei, so Veale, eine "syrische Grenzschutztruppe" mit ungefähr 30 000 Kämpfern aufzubauen, unter kurdischer Führung. Die ersten 230 hätten bereits mit dem Training begonnen.
Vier Tage später stellte Außenminister Tillerson in einer Rede an der Universität Stanford eine ambitionierte Syrien-Strategie vor: IS und al-Qaida sollten final geschlagen, eine in der Uno verhandelte Lösung inklusive Assads Rücktritt sollte gefunden werden. Irans Einfluss sollte zurückgedrängt, eine sichere Rückkehr für die Flüchtlinge gewährleistet werden, alle noch in Assads Arsenalen befindlichen Chemiewaffen sollten vernichtet werden. Und dann sagte er noch etwas, was den Nato-Partner Türkei besonders verschreckt haben dürfte: Die USA würden militärisch präsent bleiben in Syrien.
Erdoğan, offenbar überrascht, konnte seinen Ärger kaum zügeln: "Wir werden diese Terrorarmee versenken, bevor sie aus der Taufe gehoben wird."
Und so rächte sich ein weiteres Mal, dass Tillerson und Donald Trump ihrem eigenen Außenministerium nicht trauen und seit einem Jahr zig Stellen unbesetzt ließen. "Warum gibt es keinen amerikanischen Botschafter in Ankara?", schrieb Robert Ford, der als letzter US-Botschafter in Damaskus stationiert war, in einem wütenden Kommentar. "Warum wird da kein Sonderbotschafter hingeschickt? Wurde mit der Türkei überhaupt geredet, bevor diese Statements abgegeben wurden?"
Vermutlich nicht.
Von dem Streit zwischen der Türkei und den USA profitiert vor allem einer: Wladimir Putin. Für ihn ergab sich damit die Chance, gleichzeitig die Pläne der USA zu durchkreuzen, deren kurdischen Verbündeten zu desavouieren und die Nato der Spaltung einen Schritt näherzubringen. In Afrin waren zuletzt 170 russische Soldaten stationiert. Diese zog Moskau nun ab, es gab den Luftraum frei für türkische Jets – und ließ die Kurden schlicht fallen.
Drei Jahre lang hatten die YPG zuvor sowohl mit den USA wie mit Russland taktische Bündnisse gepflegt: Washington nutzte die Kurden im Kampf gegen den IS, war sogar Taufpate der "Syrian Democratic Forces" (SDF), einer kurdisch-arabischen Truppe unter YPG-Führung, die sich im Gegenzug auch arabische Städte und Dörfer einverleiben durfte.
Moskau setzte die YPG nach dem türkischen Abschuss eines russischen Jets Ende 2015 als Faustpfand gegen Ankara und als Bodentruppe gegen die Rebellen ein. Mit russischer Luftunterstützung eroberten YPG-Einheiten im Februar 2016 die Stadt Tall Rifaat nördlich von Aleppo und mehr als ein Dutzend Dörfer, vertrieben die meisten Bewohner, plünderten Krankenhäuser, Bäckereien und schlugen das Areal ihrem Kanton Afrin zu. Dabei hatten die lokalen Rebellen Tall Rifaat schon zwei Jahre zuvor in heftigen Kämpfen selbst vom IS befreit.
Dass die Strategie der vielfältigen Allianzen nicht ewig gut gehen würde, schwante der kurdischen Führung schon länger, erzählte vor Monaten ein Analyst des YPG-Geheimdienstes. Er erinnerte sich an eine lange Autofahrt mit einem russischen General Anfang 2017: "Ihr solltet euch entscheiden", habe der gesagt, "mit uns oder mit den Amerikanern!" Ja, schon, entgegnete der Angesprochene: "Aber wir wollen doch mit beiden verbündet sein, mit Russland wie mit den USA!" Der General habe nur lächelnd den Kopf geschüttelt.
Bevor die Russen jetzt aus Afrin abzogen, hätten sie den YPG ein Ultimatum gestellt, sagt Aldar Khalil, Mitglied der Parteiführung: Wenn Afrin sich wieder der Kontrolle von Damaskus unterstelle, würden sie nicht angegriffen. Die YPG lehnten ab und wollten die Amerikaner zu Hilfe rufen. Aber von denen sei niemand ans Telefon gegangen, sagt Salih Muslim, Vorsitzender der Kurdenpartei in Syrien. Das Pentagon teilte nach Beginn des türkischen Einmarsches nur mit, Afrin sei nicht Teil des US-Einflussgebiets.
Die Raketen aus Afrin aber, die nun auf türkischer Seite einschlagen, sollen aus amerikanischen Lieferungen stammen. Ein arabischer Ex-Kämpfer der SDF aus Afrin erinnert sich: "1200 der von Amerika gelieferten Grad-Raketen kamen nach Afrin, ihr Transport wurde von der russischen Militärpolizei eskortiert."
Moskau wiederum erkaufte sich mit der Tolerierung der türkischen Invasion Erdoğans Schweigen zu einer weit verheerenderen Offensive, die seit Kurzem südlich von Afrin, in Idlib, im Gange ist. Dort bombardieren russische und syrische Jets die Städte Maarat al-Numan, Sarakib, Chan Scheichun sowie Dutzende Dörfer. Bisher haben sie mehr als 200 000 Menschen zur Flucht nach Norden getrieben.
Erdoğan hatte diese Angriffe harsch kritisiert, auch weil die Türkei keine weiteren syrischen Flüchtlinge aufnehmen will – bis Russland ihm mit dem Abzug aus Afrin entgegenkam. Seither schweigt Ankara zu Assads anhaltenden Bombardements. In der Türkei hat die Offensive die nationalistisch-religiöse Hysterie weiter angeheizt. "Gott ist mit uns in Afrin", verkündete Erdoğan und pries den Einsatz der Armee als göttliche Mission.
Als Nächstes hat Erdoğan angekündigt, die Kurden im Nordosten Syriens angreifen zu wollen, wo wohl um die tausend US-Soldaten stationiert sind, und die Stadt Manbidsch zu erobern. Diese hatten kurdische Truppen 2016 vom IS befreit, aber entgegen der Absprache mit den USA für sich behalten.
Doch in der Realität dürfte es eher darauf hinauslaufen, dass die türkische Invasion am Ende nur dem Mann nützen wird, dessen Absetzung Erdoğan jahrelang gefordert hatte: Baschar al-Assad. Schon Donnerstagabend verlangte die kurdische Parteiführung in Afrin, was sie eine Woche zuvor noch empört zurückgewiesen hatte: "Wir rufen den syrischen Staat auf, seinen staatlichen Pflichten bezüglich Afrins nachzukommen und seine Grenze gegen die türkischen Besatzer zu verteidigen." Also: eine Einladung an Assads Armee, doch bitte wiederzukommen.
Das war ohnehin der Wunsch der Russen, nun geht er in Erfüllung.
Für all jene, die vor Assads Truppen einst nach Idlib geflohen sind, sieht die Lage dann düster aus: Nach Süden können sie nicht, von dort rücken Assads Truppen seit Monaten vor. Nach Norden können sie nicht, denn dorthin wurden Assads Truppen gerade eingeladen.
Glücklich, wer von ihnen es in die Türkei geschafft hat. Glücklich?
Der Vater der von einer türkischen Rakete ausgelöschten Familie Hussein ist im Krankenhaus in Afrin und auch nach Tagen noch nicht ansprechbar. Und Hassan, der Sohn des von einer kurdischen Rakete getöteten Taxifahrers Nadir al-Fares, fragt verzweifelt: "Was hat mein Vater falsch gemacht?" Er muss sich jetzt mit einer Schwägerin um zwölf Kinder kümmern, "alle anderen Angehörigen sind tot. Aber wovon sollen wir leben?"

Über den Autor

Christoph Reuter, Jahrgang 1968, kennt Syrien seit 30 Jahren, er hat dort studiert. Seit 2011 beim SPIEGEL, vorher jahrelang als Korrespondent in Bagdad und Kabul, ist er seit Beginn des Aufstandes auf unterschiedlichen Wegen mehr als 20-mal nach Syrien gereist, zuletzt im September 2017 nach Rakka, Ende 2014 auch in das heute umkämpfte Afrin.
Von Christian Esch, Maximilian Popp, Christoph Reuter und Christoph Scheuermann

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