03.02.2018

Im Angesicht des Affen

Die Tierversuche der Autoindustrie werden zum Symbol für die Skrupellosigkeit der Branche.
Seit mehr als zwei Jahren wissen wir, dass die Autoindustrie manipulierte Dieselfahrzeuge baut, die giftige Abgase weit jenseits der Grenzwerte ausstoßen. Doch die Empörung über diese Praxis, die unser aller Gesundheit gefährdet, hielt sich bislang in Grenzen. Das ändert sich jetzt. Der Grund sind aber nicht Krebstote oder asthmakranke Kinder.
Es sind Fotos von Javaneraffen in einem Kasten, die uns mit weit aufgerissenen Augen anstarren, nachgestellte Szenen aus einer Filmdokumentation über jene Tierversuche mit Dieselabgasen, die deutsche Autokonzerne vornehmen ließen. Erst diese Fotos lösen nun jenes Gefühl aus, das wir schon seit September 2015 beim Gedanken an die Autokonzerne empfinden müssten: Wut.
Das Antlitz unserer tierischen Verwandten macht uns die Skrupellosigkeit dieser Industrie bewusst, ihre Bereitschaft, moralische Grundsätze zu missachten, wenn es dem Geschäft dient. Wir verstehen, dass unsere Gesundheit von Managern und Ingenieuren aus Profitgier gefährdet wird, millionenfach, und dass Behörden und Politik sie schützen. Die Fotos beschämen. Denn die Tiere wurden im Auftrag von VW, Daimler und BMW missbraucht, weil die Firmen dreckige Dieselfahrzeugen als sauber präsentieren wollten – mit wissenschaftlichem Testat.
Die Konzerne verdienen an Dieselautos mehr als an anderen Modellen. Doch das reichte ihnen nicht. Um den Gewinn weiter in die Höhe zu treiben, verzichteten sie auf Reinigungstechnik, die längst bereitstand, ihnen aber zu teuer war und damit schlecht für die Marge. Das zynische Kalkül: Warum sollte man den Aufwand betreiben, wenn eine kleine Manipulation an der Software ausreicht, damit die Autos den Zulassungstest bestehen? Nun sind die Affen zum Symbol für den dramatischen Werteverfall in den Chefetagen geworden. Er betrifft nicht nur die Autoindustrie. Er grassiert auch dort, wo wir Energie gewinnen oder Lebensmittel produzieren. Es ist ein Verhalten, das Lebewesen verachtet.
Die demonstrative Bestürzung der Konzernchefs, nachdem die Experimente bekannt wurden, kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass diese noch immer nicht mit ihrem rücksichtslosen Gewinnstreben gebrochen haben. Gerade weigern sie sich, Hardware-Nachrüstungen an ihren Dieselfahrzeugen bereitzustellen und mitzufinanzieren. Die sogenannten SCR-Katalysatoren ließen sich mit technisch wie finanziell vertretbarem Aufwand in zehn Millionen deutsche Autos einsetzen. Das belegt ein unlängst erstelltes Gutachten der Regierung. Die benötigten Einzelteile liegen sogar für viele Fahrzeuge schon heute in den Ersatzteillagern der Konzerne bereit. Aber die Bosse wollen sie nicht anrühren. "Technische Nachrüstungen sind viel zu teuer", sagt etwa Audi-Vorstandschef Rupert Stadler. "Bis die eingeführt sind, vergehen mindestens vier Jahre." Stattdessen schlägt er vor, die Autoflotte zu erneuern. Na klar doch, das eine kostet ihn Geld, das andere spült Geld in seine Kassen!
Dabei hätte die Regierung die Konzerne zu diesem Umbau schon zu Beginn des Dieselskandals verpflichten sollen, anstatt sich mit halbherzigen Software-Updates abspeisen zu lassen. Vielleicht wird die Bestürzung über die Affenversuche nun einen Bewusstseinswandel bei Politik und Konzernen bewirken.
Technische Errungenschaften des Menschen wie das Auto haben oft Nebenwirkungen: Sie produzieren giftige Abgase und Abwasser, sie schaden der Natur und dem Klima. Doch für viele dieser Nebenwirkungen gibt es wiederum Erfindungen, die den Schaden für Umwelt und Gesundheit reduzieren. Sie müssen eingesetzt werden, ohne Kompromisse.
Für die Autokonzerne bedeutet das zunächst, die alten Diesel sauberer zu machen. Jedoch muss der nächste Schritt so schnell wie möglich kommen: der Abschied vom Verbrennungsmotor. Der Elektroantrieb steht als Alternative bereit. In der Energiebranche müssen die Kohlekraftwerke stillgelegt werden, die Alternative in Form von günstigen Wind- und Solaranlagen ist längst entwickelt.
Die Menschheit ist zum Glück in der Lage, viel von ihrer zerstörerischen Wirtschaftsweise hinter sich zu lassen. Das Zeitalter der Nachhaltigkeit ist angebrochen, dem menschlichen Erfindergeist sei Dank. Der Staat muss den rechtlichen Rahmen für den Wandel setzen, die Industrie muss ihn anschieben, die Bürger müssen ihn einfordern und auch bereit sein, für ihn zu zahlen.
Von Gerald Traufetter

DER SPIEGEL 6/2018
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