03.02.2018

Was nicht passt ...

Wie die Studie zu einem Krebsmedikament entstand
Eine Umfrage per Telefon durchzuführen, das kann so lästig sein: Man muss Menschen anrufen, die Menschen müssen ans Telefon gehen, sie müssen mitmachen wollen und auch noch halbwegs brauchbare Antworten geben. Das kostet Zeit, Geld, Nerven.
Eine Telefonumfrage kann allerdings auch wunderbar einfach sein: wenn man nicht nur die Fragen stellt, sondern gleich auch die Antworten gibt. Genau das passiert offenbar nicht selten in der Marktforschung. Dann erfinden Interviewer die Ergebnisse.
Ein Beispiel: Xtandi, ein Medikament für Männer, die an Prostatakrebs erkrankt sind und bei denen der Tumor bereits gestreut hat. Wie kommt es bei Ärzten an? Das wollte der Hersteller, das Unternehmen Astellas, wissen und beauftragte die GfK (Gesellschaft für Konsumforschung), den Marktführer in Deutschland. Eine recht aufwendige Studie, denn zu befragen waren niedergelassene Urologen, denen es möglicherweise an Zeit oder Bereitschaft mangelt, am Telefon Auskunft über ihre bevorzugten Therapien und Medikamente zu geben.
Die GfK leitete den Auftrag im Sommer 2015 weiter: an CSI International, ein Unternehmen, das ein "spezialisiertes Interviewerfeld mit 80 Interviewern für medizinisch-pharmazeutische Befragungen bundesweit" unterhält – oder das jedenfalls in seiner Werbung verspricht. CSI-Mitarbeiter riefen offenbar tatsächlich einige Ärzte an. Einen Großteil der Arbeit aber sollte eine weitere Firma übernehmen, CSI reichte den Auftrag teilweise weiter.
Die Firma, die nun ins Spiel kam, kennt sich damit aus, Daten zu generieren, ohne Anrufe zu tätigen: Ihre "Interviewer" hätten Fragebögen selbst ausgefüllt, so der Subunternehmer, und sich dabei an echten Daten orientiert, damit die Ergebnisse glaubwürdig wirken. Im Fall des Medikaments Xtandi war das einfach. Eine ähnliche Befragung war schon mehrmals, im Juli und November 2013 und im April 2014, durchgeführt worden.
In einer E-Mail an den Subunternehmer gab CSI vor, dass innerhalb einer Woche noch 90 Interviews geführt werden müssten. Einzige Bedingung: Die Antworten müssten passen – und zwar dem Auftraggeber Astellas, der mit den vorliegenden Ergebnissen offenbar unzufrieden war.
"Der Kunde ist irritiert über das relativ schlechte Abschneiden von Xtandi", hieß es in der E-Mail, "deshalb muss es diesmal besser aussehen." Was nicht passte, sollte offenbar passend gemacht werden.
Im Anhang: der Fragebogen der GfK. Eine weitere E-Mail enthielt die Daten aktueller und früherer Befragungen. Der Subunternehmer akzeptierte den Auftrag, "aber ich werde es wohl nicht schaffen, mich durch die jeweils knapp 70 Seiten der beiden PDFs zu arbeiten". Der Nichtmediziner musste sich an den wenigen echten Interviews orientieren, um eine passende Antwort auch auf schwierig klingende Fragen zu finden: "Welchen Stellenwert hat Bicalutamid in der Behandlung Ihrer mCRPC-Patienten nach Versagen der ADT?"
Die CSI-Managerin beruhigte ihn: "Es reicht, wenn du dich an den neuen Interviews orientierst und Xtandi etwas besser bewertest. :-)" Mit diesen Vorgaben schaffte der Auftragnehmer 83 Interviews in weniger als drei Tagen. Dafür durfte er fünf Euro pro "Interview" in Rechnung stellen, ein lächerlich niedriger Preis. Der Medikamentenhersteller schien zufrieden zu sein: Knapp zwei Jahre später, im April 2017, erreichte den Subunternehmer ein neuer Xtandi-Auftrag – wieder via GfK und CSI.
Astellas beteuert auf Anfrage des SPIEGEL, bis dato davon ausgegangen zu sein, dass alles mit rechten Dingen zugegangen sei. Die GfK distanziert sich von etwaigen Manipulationen, verweist auf diverse "Qualitätssicherungsmaßnahmen" und versichert, dass "Geschäftspartner von uns sich grundsätzlich zur Einhaltung von Normen, Grundsätzen und Gesetzen verpflichten". Zu Details wolle man sich nicht äußern.
Mehr Informationen unter www.spiegel.de/marktforschung und im SPIEGEL TV Magazin am Sonntag, 4. Februar, 22.30 Uhr, bei RTL
Von Nicolai Kwasniewski

DER SPIEGEL 6/2018
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