10.02.2018

BerlinaleHundstage

Der Wettbewerb um den Goldenen Bären wird überlagert von der Frage: Wer wird Nachfolger von Festival-Chef Dieter Kosslick?
Nach dem Gottesdienst kam die Predigt. Dieter Kosslick, der Chef der Berliner Filmfestspiele, hielt einen Vortrag über das neunte Gebot aus dem Alten Testament, "Du sollst nicht begehren deines Nächsten Haus". Eigentlich, witzelte Kosslick damals, im April vergangenen Jahres, würde er ja lieber über ein anderes Gebot reden, "Du sollst nicht begehren deines Nächsten Frau". Wenn diesen Grundsatz immer alle befolgt hätten, sagte Kosslick, würde es allerdings viele Filme überhaupt nicht geben.
Aber auch gegen das neunte Gebot wird bisweilen verstoßen, wie Kosslick in der Zwischenzeit selbst erlebt hat. Es ist sein eigenes Haus, das von anderen begehrt wird: sein Job als Direktor der Berlinale.
"Jeder ist ersetzbar", sagt Kosslick ein paar Tage vor dem Beginn des Festivals. Besonders überzeugt klingt er dabei nicht. Kosslick ist länger im Amt als Angela Merkel, seit Frühjahr 2001. Im Mai wird er 70 Jahre alt, 2019 läuft sein Vertrag aus, vorher soll noch seine Autobiografie erscheinen. Die Suche nach einem Nachfolger – oder einer Nachfolgerin – hat begonnen, ein zähes Prozedere, begleitet von Intrigen und schrillen Tönen.
Noch ist Kosslick Herr im Haus, er darf die Gäste auf dem roten Teppich vor dem Berlinale-Palast am Potsdamer Platz begrüßen. Am Donnerstag beginnt das Festival, zum Auftakt läuft Wes Andersons Animationsfilm "Isle of Dogs". Die gute Nachricht, für Kino- und Hundefreunde gleichermaßen: "Isle of Dogs" ist nicht die Fortsetzung von "Nobody Wants the Night", dem Eröffnungsfilm von 2015. Juliette Binoche spielte darin eine Polarforscherin, die ihre Schlittenhunde verspeist. Hinterher war die Stimmung am Buffet etwas mau, Kosslick musste seinen ganzen Charme aufbieten.
Doch ein Berlinale-Direktor ist nicht nur Grüßaugust. Er ist Filmkurator, Fundraiser, Finanzminister, Chefdiplomat und Krisenmanager in einem. Er – oder sie – muss wissen, welcher Regisseur gerade einen guten Film fast fertig hat; welche Schauspielerin sich kürzlich von ihrem Mann getrennt hat (weshalb man die beiden bei einer Premiere nicht nebeneinander platzieren sollte); wie man einem Konzern aus China vermittelt, dass einem Sponsor nicht das halbe Festival gehört. Oder womit man einen Hollywood-Star mitten im Oscar-Trubel nach Berlin lockt: Willem Dafoe zum Beispiel bekommt in diesem Jahr den Goldenen Ehrenbären.
Die Berlinale ist das größte Kulturfestival Deutschlands und zugleich eine der weltweit wichtigsten Messen für den Handel mit Filmrechten. Nur ein kleiner Teil des Budgets, in diesem Jahr 7,7 Millionen von insgesamt 25 Millionen Euro, sind Subventionen, also Steuergelder. Der Rest stammt von Sponsoren und aus dem Kartenverkauf, eine halbe Million Besucher in elf Tagen, Fachleute wie normale Filmfans. "Das Wichtigste, was dieses Festival legitimiert", sagt Kosslick, "ist, dem Publikum Lust aufs Kino zu machen." Daran gemessen, hat er in den bald 17 Jahren seiner Amtszeit fast alles richtig gemacht.
Das sehen jedoch nicht alle so. Ende November veröffentlichte SPIEGEL ONLINE eine Erklärung von 79 deutschen Regisseuren, darunter Maren Ade, Fatih Akin und Volker Schlöndorff. Sie forderten, "das Festival programmatisch zu erneuern und zu entschlacken", um es "auf Augenhöhe mit Cannes und Venedig in die Zukunft zu führen", den beiden anderen großen Festivals.
Klingt gut, aber ist das überhaupt sinnvoll?
In Wahrheit braucht eher Cannes eine Revolution. Seit Jahren laden dort die immer gleichen altehrwürdigen Autorenfilmer ihre Werke ab, Überraschungen: fast keine, im Zweifel kommt Woody Allen. Perfekt ist Cannes vor allem darin, das Protokoll am Hof von Versailles in der Zeit des Absolutismus nachzustellen. Versnobte Wärter bestimmen, welcher Besucher welchen Saal durch welche Tür betreten darf. Das Volk muss in Cannes – und in Venedig – ganz draußen bleiben, praktisch keine Chance auf Tickets. Sollen die Leute doch Kuchen essen und zu Hause Serien gucken!
Ein Festival mit elitärem Dünkel, das passt nicht zu Berlin. Doch offenbar hatten nicht alle Unterzeichner der Erklärung begriffen, was die Initiatoren um den Filmemacher Christoph Hochhäusler damit bezweckten: eine Abrechnung mit Kosslick. Als Intrigant ist Hochhäusler talentierter denn als Regisseur.
Mittlerweile ist vielen Unterzeichnern die Erklärung peinlich, einige haben das Kosslick-Bashing öffentlich kritisiert, darunter Dominik Graf und Andreas Dresen. Dennoch ist das Klima vergiftet.
Das spürt auch Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU), die maßgeblich über die Kosslick-Nachfolge entscheidet. Mehr als ein Dutzend Gespräche habe sie schon geführt, sagt Grütters, "es waren einige interessante Kandidaten dabei".
Doch der Shitstorm, den fast jeder Bewerber erwarten muss, schreckt viele ab. Ein Nachfolger für Kosslick, der über alle Zweifel erhaben wäre, ist nicht in Sicht.
Um die Branche zu befrieden, lud Grütters Ende Januar einige Filmemacher und Fachleute ins Kanzleramt ein, "zum Gedankenaustausch" über die Zukunft der Festivals. Soll es überhaupt bei einer Person an der Spitze der Berlinale bleiben? Oder lieber eine Doppelspitze, aus einem künstlerischen und einem organisatorischen Leiter? Ganz neu ist diese Idee nicht, schon Grütters' Vorvorvorvorgänger Michael Naumann hatte solche Pläne, im Jahr 2000 – vor der Berufung Dieter Kosslicks.
Am Ende, sagt Grütters, war sich die Expertenrunde nur in einem Punkt einig: "dass man den nächsten Berlinale-Chef nicht über eine Stellenanzeige suchen kann".
Bis Ende Juni soll eine Entscheidung fallen.
Von Martin Wolf

DER SPIEGEL 7/2018
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