17.02.2018

HomestoryWahre Lügen

Meine Kindheit unter Dementen
Ich spielte mit einem Luftballon in blassem Lila, da begegnete ich zum ersten Mal in meinem Leben einem Menschen mit Demenz. Damals war ich neun, ich stand mit meinem kleinen Bruder auf dem Flur des Seniorenheims, in dem meine Mutter arbeitete und der PVC-Boden nach Desinfektionsmittel roch und ein wenig nach Eau de Cologne. Den Ballon ließen wir zwischen uns schweben, stupsten ihn in die Luft, wenn er hinabsank. Da schrie eine Frau hinter uns: "Vorsicht", und immer wieder: "Nein!" Mein Bruder und ich rannten den Gang entlang davon, die alte Dame lief uns hinterher. Es wirkte wie ein Spiel auf uns, die Regeln kannten nur wir drei.
"Die Frau hat Angst", sagte meine Mutter später im Auto, als wir nach Hause fuhren. "Der Ballon erinnert sie an etwas, aber wir wissen nicht, was in ihr vorgeht." Meine Mutter erklärte uns, was das ist, Demenz. Ich begriff: Die Kranken leben in ihrer Vergangenheit. Ich begriff noch nicht: Die Demenz erschüttert die Gegenwart aller Beteiligten. Das lernte ich in den darauffolgenden Jahren.
Meine Mutter ist Altenpflegerin, sie hat uns allein großgezogen, also haben wir viel Zeit mit alten Menschen verbracht. Ich fuhr die Heimbewohner im Rollstuhl durch die Gänge oder über Kieswege im Park, versorgte sie mit Würstchen und Broten mit Diätmargarine. Und ich fand den Unterschied heraus zwischen den alten Menschen, die einfach nur vergesslich waren, und den Dementen, die völlig abgetaucht waren in ihre Welt.
Ich erinnere mich an Heiligabend im Seniorenheim, der Christbaum leuchtete in Gold und Rot und Grün. Mein Bruder und ich verteilten die Geschenke; Wecker, Wärmflaschen, Klosterfrau Melissengeist. An einem Tisch saß dieser Mann, um die 80 Jahre alt. Er nestelte am Geschenkpapier, da fragte er mich heiser: "Wann kommt denn die Renate?" Ich stutzte, brauchte ein wenig, bis ich begriff. Dann sagte ich: "Sie kommt später." Die Frau war lange tot, meine Mutter hatte mir davon erzählt. Doch sagen konnte ich ihm das nicht. An diesem Abend fragte mich der Alte immer wieder, blickte mich an aus Augen, grau und stumpf wie Kies, und ich belog ihn jedes Mal.
Es fühlte sich schlecht an. Lügen darf man nicht, das hatte ich gelernt. Inzwischen weiß ich, dass das Wort "lügen" eine andere Bedeutung annimmt, wenn die Menschen in ihrer eigenen Wirklichkeit leben. Von meiner Mutter weiß ich auch, dass lange Zeit die Pfleger, die Ärzte, die Angehörigen versuchten, bei der Wahrheit zu bleiben. Obwohl ihnen bewusst war, dass es nichts helfen würde, das Kurzzeitgedächtnis der alten Menschen funktionierte nicht mehr. Trotzdem versuchte man, sie herauszuzerren aus ihrer Realität.
Heute sind die Pfleger eher bereit, die Weltsicht der Verwirrten gelten zu lassen, sich dort selbst zu integrieren. Man flunkert, so wie ich als Kind. Es gibt Ethiker, die sich speziell mit dem Pflegealltag beschäftigen, sie sagen: Wenn die Lüge das Leben oder die akute Lage des Dementen verbessere, wenn es ihn beruhige, sei die Lüge in Ordnung. Besser jedenfalls, als den alten Menschen festzubinden oder mit Medikamenten ruhigzustellen.
Doch nicht immer kann man die Demenz begreifen, sich auf sie einlassen, auch das habe ich erfahren. Einmal wollte ich einer Frau Kamillentee in ihren Schnabelbecher gießen, da riss sie an meinen Haaren und warf mir die Plastiktasse ins Gesicht. Ich schrie sie an: "Sag mal, bist du bekloppt?" Ich presste die Kieferknochen aufeinander, hatte Trotztränen in den Augen. Sie starrte mich an, verständnislos, ein paar Sekunden nur, dann sah sie weg. Ich glaube, sie vergaß den Vorfall im selben Moment. Ich lief zu meiner Mutter, weil ich nicht wusste, wohin sonst mit meiner Wut, ein dementer Mensch ist ja nicht absichtlich dement. Ich tobte. Und sie? Sie zwinkerte mir zu und fragte: "Ah, hat sie diesmal dich erwischt?"
Meine Mutter wirkte auf mich damals unerschütterlich. Sie hielt die Hände einer Frau, wenn die nach ihrem Sohn schrie. Sie streichelte die Wange eines Mannes, der auf dem Gang herumirrte. Und wenn die eine Dame nach ihr schlug, berührte meine Mutter sie an den Schultern, flüsterte: "Es ist doch alles gut." Den Alten ging es dann besser. Wie sehr die harte Arbeit und die ständige Geduld meine Mutter auszehrten, das merkte ich an den Abenden kurz vor dem Schlafengehen. Dann setzte sie sich vor den Fernseher, eine Tasse Instant-Cappuccino in der Hand, und sprach kein Wort. Manchmal ist es auch in Ordnung, an der Krankheit zu verzweifeln, das lernte ich in Momenten wie diesen von meiner Mutter.
Vor zwei Jahren hat sie eine Tagesbetreuung eröffnet, einen Ort, an dem die Verwirrten vergesslich sein dürfen, anstrengend und trotzdem sie selbst. Wenn ich sie heute besuche, sind wir umgeben von Dementen, wie früher. Eine Frau deckt den Tisch für die Mittagssuppe und nimmt Gabeln statt Löffeln. Ein Mann hält mich für jemanden, der seinen Pflegestatus überprüft, immer wieder fragt er nach. Meine Mutter schaut mich an, wir lächeln, das hilft.
Manchmal revanchieren sich die Verwirrten mit kleinen Szenen, die wie dafür gemacht sind, dass man lacht. Ich denke gern an diese Dame mit Alzheimer, sehr alt, sehr klein und schmal, sie kam nach einem Spaziergang stundenlang nicht wieder. Die Pfleger riefen die Polizei, suchten nach ihr, sie blieb verschwunden. Plötzlich stand sie einfach wieder da, unversehrt, mitten im Speisesaal. Ihre Tischnachbarinnen fragten: "Mensch, wo bist du denn gewesen?" Die Frau war gut gelaunt, sie sagte: "Auf dem Friedhof halt, zum Probeliegen."
Von Cathrin Schmiegel

DER SPIEGEL 8/2018
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