17.02.2018

KinoKlassenfeinde

In seinem Film „Das schweigende Klassenzimmer“ erzählt Regisseur Lars Kraume von 20 Schülern, die im Winter 1956 die Staatsmacht der DDR herausforderten.
Sie taten nichts. Sie warfen keine Steine, gingen nicht auf die Straße, sangen auch keine Parolen. Sie wagten kein Widerwort. Im Gegenteil, sie schwiegen. Fünf Minuten lang saßen 20 Primaner der Kurt-Steffelbauer-Oberschule in Storkow am 29. Oktober 1956 vor ihrem Geschichtslehrer und hielten den Mund. Bald darauf stand der Bildungsminister der DDR vor ihnen und stellte ihnen ein Ultimatum.
Lars Kraumes Film "Das schweigende Klassenzimmer", der in diesen Tagen auf der Berlinale läuft und am 1. März ins Kino kommt, erzählt von einer seltsamen Staatsaffäre. Ein paar aufmüpfige Schüler wurden von einem hypernervösen Regime zu Landesverrätern erklärt. Kraume macht aus einer kleinen Episode der DDR-Geschichte die Chronik einer Eskalation.
Im Juni 1953 hatte die Ostberliner Regierung Demonstrationen der Bevölkerung gegen die schlechte Versorgungslage mit Waffengewalt niedergeschlagen. Nun, im Herbst 1956, protestierten Menschen in Ungarn gegen das kommunistische Regime und die sowjetische Besatzungsmacht. Als der Aufstand außer Kontrolle geriet, marschierte die Rote Armee ein. Tausende starben.
Dietrich Garstka, heute 77, ging damals auf die Kurt-Steffelbauer-Schule. Mit seinen Eltern lebte er in Storkow, 65 Kilometer südöstlich von Berlin. Er hatte Verwandte im Westen und besuchte sie ab und zu. Es war noch möglich, zwischen beiden Teilen Deutschlands hin- und herzureisen, die Mauer wurde erst fünf Jahre später gebaut.
Damals verließen jedes Jahr im Schnitt über 200 000 Menschen die DDR und siedelten sich in der Bundesrepublik an. Das Ostberliner Regime nannte sie "Republikflüchtlinge". Als immer mehr Akademiker "rübermachten", verbot die DDR ihren Studenten, die Westsektoren zu besuchen. Zu groß war die Angst, die Bildungselite zu verlieren.
"Ich wurde 1945 eingeschult und habe ständig ideologische Beeinflussung erlebt", erzählt Garstka. Er wuchs mit dem Hass auf die sowjetische Besatzungsmacht auf, minutenlang kann er noch heute über den Geruch der Abgase ihrer Panzer reden. Als Teenager trug Garstka ein Texashemd, wildes Muster auf grellem Orange, auch das schon ein stiller Protest und ein Kontrapunkt zu den Blauhemden des kommunistischen Jugendverbands FDJ. Garstka war einer der Schüler, die sich 1956 an der Schweigeaktion beteiligt hatten. Jahrzehnte später rekonstruierte er die damaligen Vorgänge, suchte Mitschüler und Lehrer auf und sah Stasi-Akten ein. Sein 2006 erschienenes Buch "Das schweigende Klassenzimmer" ist Grundlage von Kraumes Film.
Garstka erzählt, wie er damals immer den Westberliner Radiosender RIAS (Rundfunk im amerikanischen Sektor) hörte, süchtig fast, wie er die Nachrichten aufsog, weil er sie für die Wahrheit hielt. Die DDR-Sender hätten nur "Verlautbarungen" verbreitet, beim RIAS seien "Menschen von der Straße zu Wort" gekommen. Der RIAS forderte seine Hörer 1956 auf, für die getöteten Aufständischen in Ungarn eine Schweigeminute einzulegen.
Der Sender war allerdings auch ein Propagandainstrument der Westalliierten, das die Menschen von der Überlegenheit des bundesrepublikanischen Systems überzeugen sollte. Die Schläge der sogenannten Freiheitsglocke des Schöneberger Rathauses, die der RIAS jeden Tag um 18 Uhr übertrug, sollten die Menschen im Osten des Landes anlocken.
Es sei gar nicht so einfach gewesen, bei dem Film falsches Pathos zu vermeiden, erzählt Kraume. Doch eine klare Grenze zwischen Gut und Böse sei langweilig. Er will davon erzählen, wie politisches Bewusstsein geweckt wird, erzwungen wird. "Welcher junge Mensch ist schon mit 17 Jahren politisch wach?"
Kraume, Jahrgang 1973, wuchs in Frankfurt am Main auf. In "Das schweigende Klassenzimmer" inszeniert er ein fernes Land, das er selbst nicht kannte. Es ist schwierig, die damalige DDR heute noch zu filmen. In Storkow fand Kraume kaum geeignete Drehorte, er verlegte die Handlung deshalb nach Eisenhüttenstadt.
Es ist aus heutiger Sicht schwer zu verstehen, dass der damalige Bildungsminister Fritz Lange ins verschlafene Storkow fuhr und eine Schule aufsuchte, in der sich eine Handvoll Lehrer um 140 Jungen und Mädchen kümmerte. Dass er sich vor Garstkas Klasse stellte und sie aufforderte, ihm die Rädelsführer zu nennen.
Garstka erinnert sich genau, wie er am 13. Dezember 1956 zum Unterricht ging und sofort merkte, dass etwas nicht stimmte. Vor der Schule stand eine ZIM-Limousine, hergestellt im sowjetischen Molotow-Werk, im DDR-Alltag ein seltener Anblick. ZIM-Limousinen waren die Wagen der politischen Führung.
Der Minister, im Film von Burghart Klaußner gespielt, habe Storkow gut gekannt, erzählt Garstka. Als junger Mann war Lange dort bei der Kartoffelernte eingesetzt worden. Er habe vermutlich geglaubt, kurz mal ein Machtwort zu sprechen und damit im Nu für Ordnung zu sorgen. Aber dann stand einer von Garstkas Mitschülern auf und sagte: "Herr Minister, Sie werden laut, aber deshalb haben Sie noch nicht recht."
Man hätte aus diesem Stoff auch eine Komödie entwickeln können, über eine Regierung, die aus einer Mücke einen Elefanten macht und dann aufpassen muss, dass er nicht über sie hinwegtrampelt. Besser und schlauer wäre es aus Sicht des Staates gewesen, er hätte die schweigenden Schüler selbst wiederum einfach totgeschwiegen. Aber tatsächlich machte er sie zu Stars.
Nachdem sie sich immer wieder geweigert hatten, einen Schuldigen zu nennen, und daraufhin von der Schule flogen, gingen die meisten von ihnen in den Westen. Dort wurden sie von bundesrepublikanischen Zeitungen und Sendern gefeiert. Nun posierte sogar ein Außenminister mit ihnen für ein Gruppenfoto, Heinrich von Brentano, CDU, 1957 im Bundestagswahlkampfmodus, lässig grinsend, Zigarette in der Hand.
Mit Ironie erzählt Garstka, wie sie herumgereicht wurden, wie sie ins hessische Bensheim kamen und ihr Abitur machten, ein Jahr später als ihre Kameraden in Storkow, denn im Westen musste man 13 statt 12 Schuljahre absolvieren. Garstka studierte und wurde selbst Lehrer.
Er war damals als Erster rübergegangen. Hätten seine Mitschüler ihn daraufhin zum Rädelsführer erklärt, wäre das für Garstka folgenlos geblieben. Der Staat wäre zufrieden gewesen, und sie hätten ihr Abitur machen können. Aber sie schwiegen weiterhin. Denn sie wollten nicht lügen. Es habe keine Rädelsführer gegeben, sagt Garstka. Die Schweigeaktion sei ihre gemeinsame Idee gewesen.
Vielleicht reagierte das Regime damals gerade deshalb so unverhältnismäßig hart, weil die Situation viel zu beunruhigend, ja geradezu staatsgefährdend war: Nicht ein bürgerliches Individuum stellte sich gegen das System – sondern das Kollektiv.
* Von der Storkower Oberschule in Bensheim.
Von Lars-Olav Beier

DER SPIEGEL 8/2018
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