17.02.2018

AutorenEr hofft und spottet

In türkischer Haft wurde der Journalist Deniz Yücel zu Erdoğans Geisel. Nun ist ein Sammelband seiner Texte erschienen – prall gefüllt mit persönlich Erlebtem. Von Günter Wallraff
Das Regime, in dessen Gewalt ich mich befinde, ist zwar islamistisch und neuerdings auch nationalistisch. Doch das ist bloß ideologischer Überbau. Oder wem das zu ökonomistisch ist: All das ist nur Hobby. Hauptberuflich sind diese Leute in etwa das Gleiche wie die Häftlinge mit dem Sittich, nämlich Gangster. (Seite 213)

Diese Zeilen sind eine der Kernaussagen des neuen Buchs von Deniz Yücel. Es ist ein Sammelband mit Beiträgen aus 13 Jahren seines journalistischen Schaffens, erweitert um vier Texte, die der Autor in seiner Zeit als politischer Häftling der Türkei geschrieben hat. Die Gangstermetapher dürfte die Lage Yücels, der seit einem Jahr ohne Anklageschrift eingesperrt ist, nicht erleichtert haben – auch wenn der türkische Ministerpräsident Binali Yıldırım nun seine Freilassung in Aussicht stellt. Yücel ist keiner, der das direkte Wort scheut, auch in prekärer Situation nicht. Er ist ein untaktisch mutiger Mann, ein Journalist, der bei aller Differenziertheit seiner Beobachtungen vor Eindeutigkeiten nicht zurückschreckt.
Was das für "Häftlinge mit dem Sittich" sind? Die lernen wir in einer der amüsanten bis herzzerreißenden Geschichten kennen, die Yücel in seinen zwölf Monaten im türkischen Knast festgehalten hat. "Alle, die ich hier kennengelernt habe – kurdische Aktivisten, Makler, Katasterbeamte, festgenommene Richter und Polizisten, Gangster –, alle haben mir gesagt: 'Du musst das aufschreiben, Deniz Abi.' Ich habe gesagt: 'Logisch, mach ich. Ist schließlich mein Job. Wir sind ja nicht zum Spaß hier.'" Und die Sittich-Geschichte gehört dazu: Einer seiner Mithäftlinge, Ahmet Cengiz, einst aktiver PKK-Kämpfer, im Gefängnis seit 1996, damals 22-jährig, mehr drinnen als draußen, luchste den Kriminellen im anderen Trakt einen Sittich mit gebrochenem Flügel ab, damit der Vogel nicht getötet wird. Die Kriminellen verlangen Bezahlung, erst Zigaretten, dann Tee.
Yücel bekommt von Cengiz Tee und Zigaretten ganz ohne Gegenleistung. Er ist ja Neuling im Knast. Also braucht er Solidarität. Yücel freut sich, ist dankbar. Cengiz erzählt ihm von der Folter, der man ihn vor mehr als 20 Jahren unterworfen hatte. Cengiz erzählt so plastisch und ergreifend, dass Yücel "davon Albträume" bekommt. "Man hört eine solche Schilderung mit anderen Ohren, wenn man sich selbst in der Gewalt des Staates – ebendieses Staates – befindet." Aber Yücel bleibt ganz der Yücel, der er ist, er diskutiert, offen und streitbar, auch mit Cengiz. In einem nächsten Gespräch mit dem früheren Kurdenkämpfer kritisiert Yücel den PKK-Krieg in den Städten und die Anschläge, bei denen Zivilisten zu Tode kommen, als "nicht nur politisch falsch, sondern auch ethisch zutiefst verwerflich". Natürlich widerspricht ihm Cengiz, immerhin sitzt er sein halbes Leben lang für die kurdische Sache hinter Gittern, und für ihn sind die kurdische Sache und die PKK ein und dasselbe. Yücel weiß das, aber er nimmt seine Kritik trotzdem nicht zurück und registriert, wie schnell "dieser warmherzige und kluge Mensch plötzlich in den kalten Jargon eines Parteisoldaten verfallen konnte".
Yücel lässt das so stehen in seiner Sittich-Reportage. Diese Merkwürdigkeit. Diesen nicht auflösbaren Widerspruch. Hinter dem so deutlich die Tragödie aufscheint, die aus dem Leugnen des Vielvölkerstaats Türkei durch die offizielle Doktrin von der einheitlichen stolzen Türkennation folgt, der sich alle Regierungen seit Mustafa Atatürk verpflichtet sehen. Täglich, seit knapp einem Jahrhundert. Wie auch die Tragödie eines mörderisch geführten Widerstandskampfes in den zwei Gesichtern des Cengiz' aufscheint.
Auch in Yücels Buch nachzulesen ist nun das Interview mit Cemil Bayık, einem leitenden Funktionär der PKK, das er in den irakischen Bergen führte und das 2017 als Vorwand für seine Verhaftung herhalten musste. Ein Interview, in dem Yücel seinem Interviewpartner eine selbstkritische Antwort auf die Frage zu den Morden der PKK in den eigenen Reihen abverlangt. Ja, so etwas habe es gegeben, entgegnet Bayık verärgert. Auch die Terroraktionen in den Städten, die PKK-Gliederungen 2015 durchgeführt haben, nachdem Recep Tayyip Erdoğan die Friedensverhandlungen mit der PKK aufgekündigt hatte und türkische Nationalisten Anschläge in den kurdischen Gebieten verübt hatten, kritisiert Yücel unmissverständlich. Und dieses Interview soll Terrorpropaganda sein?
Deutlicher noch kritisiert Yücel die PKK in einer Reportage aus Diyarbakır, der heimlichen Hauptstadt Kurdistans. Von der "Verrohung einer Generation" spricht er, und wenn er auch dem türkischen Regime die Hauptverantwortung dafür zuweist, entlässt er die kurdischen Militanten nicht aus ihrer Verantwortung für diese schreckliche Entwicklung.
Dennoch wird dieser Aufklärer eingesperrt. Dennoch soll er mundtot gemacht werden und wird aus dem Verkehr gezogen. Yücel ist ein Ärgernis für Erdoğan, ein Hassobjekt, weil er von den wahren Zuständen im Lande des Despoten kenntnisreich und detailgenau berichtet. Aber einem Geiselnehmer kommt es ja auch nicht auf Fakten an, sondern darauf, welche Geisel ihm am ehesten zum Erfolg verhilft. Yücel ist eine Geisel. Und Erdoğan ein Geiselnehmer, der sich auch von der Aufforderung des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte nicht beeindrucken lässt, in der Sache des vermeintlichen Terroristen Yücel endlich die fällige Anklageschrift vorzulegen.
Yücel weiß, dass Geiselnahme ein übliches Politikmuster Erdoğans ist. Er erinnert an den schmutzigen Deal, den Emmanuel Macron mit Erdoğan geschlossen haben soll, als ein französischer Journalist im September 2017 vom türkischen Regime freigelassen wurde. Vier Monate später, im Januar 2018, soll Macron einen Rüstungsvertrag mit der Türkei über die Lieferung von Luftabwehrsystemen unterschrieben haben. "Bei dieser Gelegenheit", stellt Yücel fest, "drehte Macron seinem Gast noch ein paar Tonnen Rindfleisch und zwei Dutzend Airbus-Flugzeuge an. Kann man vielleicht so machen."
Wahrlich entwaffnend, diese Lakonie, "kann man vielleicht so machen". Mehr ist eigentlich nicht dazu zu sagen. Nur dass man selbst nicht Teil eines ähnlich "schmutzigen Deals" sein möchte. Das liegt auch Yücel am Herzen, als er in einer Stellungnahme unmissverständlich klarstellt: "Für schmutzige Deals stehe ich nicht zur Verfügung. Meine Freiheit möchte ich nicht mit Panzergeschäften von Rheinmetall oder mit dem Treiben irgendwelcher anderen Waffenbrüder befleckt wissen noch mit der Auslieferung von gülenistischen Ex-Staatsanwälten oder putschistischen Ex-Offizieren, also Erdoğans früheren Komplizen."
Deniz Yücel war einer der wenigen für deutsche Medien tätigen Journalisten in der Türkei, die den Putschversuch im Sommer 2016 von Anfang an als gewaltsamen Akt verurteilt haben. Einen Tag nach dem gescheiterten Putsch berichtet er: "Den Putschisten mag es an vielem gemangelt haben – es fehlte ihnen jedoch nicht an der Skrupellosigkeit, um mit Kampfhubschraubern und Maschinengewehren unbewaffnete Menschen niederzumetzeln und sie mit Panzern zu überrollen." Im selben Artikel warnt er bereits vor dem Gegenputsch Erdoğans. Einige Monate später, im November, als schon Zehntausende vermeintliche oder tatsächliche Putschverantwortliche, Gülen-Leute, Oppositionelle, Staatsbedienstete und Journalisten, in Haft sitzen, zitiert er einen der bekanntesten türkischen Journalisten, Ahmet Şık: "Wenn es wirklich darum ginge, die Komplizen des Putschversuchs zu finden, dann müsste man mit Recep Tayyip Erdoğan anfangen. Die AKP versucht jetzt im Mafiastil, alle Zeugen auszuschalten. Die AKP ist keine Partei, sie ist eine Mafiabande."
Die Beiträge, die Deniz Yücel verfasst und in diesem Buch veröffentlicht hat, sind großer Journalismus. In die Tiefe gehend, prall gefüllt auch mit persönlich Erlebtem, nicht geschwätzig-feuilletonistisch überladen, sondern in den Kontext passend und von großer Einfühlsamkeit.
Yücel hilft sicherlich, dass er zweisprachig aufgewachsen ist. Er denkt, fühlt, analysiert, hofft und spottet gleich in zwei Sprachen und in zwei Kulturen, auf Deutsch und auf Türkisch. Mithin: Er kann vergleichen, er fokussiert aus zwei Blickwinkeln, er beurteilt und urteilt über die Türkei und über Deutschland jeweils auch aus der Außenperspektive und damit schärfer als viele, die in einer einzigen Kultur zu Hause sind. Auch im Knast und nach Monaten in Isolationshaft ist er, das zeigt dieses Buch, ein unbeugsamer rotzfrecher Rebell geblieben.
Ich würde allzu gern eine türkische Übersetzung in der Türkei unter die Leute bringen. Ich glaube nämlich noch an die Kraft des Wortes. Seines Wortes jedenfalls. Und dieses Buches.

Wallraff, Jahrgang 1942, lebt als Autor in Köln. Er veröffentlichte unter anderem den Bestseller "Ganz unten".


Aktualisierung

Yücel ist frei

Wie nach Redaktionsschluss der gedruckten SPIEGEL-Ausgabe bekannt wurde, hat die Türkei den deutschtürkischen Journalisten Deniz Yücel freigelassen. Sein Anwalt Veysel Ok teilte auf Twitter mit: „Und endlich gibt es für meinen Mandanten Deniz Yücel einen Entlassungsbefehl.“ Die Bundesregierung bestätigte die Freilassung. Am frühen Nachmittag twitterte Ok dann ein Foto von Yücel und dessen Frau Dilek Mayatürk Yücel vor dem Gefängnis. Yücel saß fast genau ein Jahr ohne Anklage in der Türkei im Gefängnis, ihm wurden „Terrorpropaganda“ und „Volksverhetzung“ vorgeworfen. Und auch nach der Freilassung droht Yücel eine lange Haftstrafe: Die türkische Nachrichtenagentur Anadolu meldete, die Staatsanwaltschaft fordere in einer Anklageschrift wegen „Propaganda für eine Terrororganisation“ und „Aufstachelung des Volkes zu Hass und Feindseligkeit“ zwischen vier und 18 Jahre Haft für Deniz Yücel. Die Agentur machte keine Angaben, ob im Fall Yücels eine Ausreisesperre verhängt wurde. Allerdings sagte Bundesaußenminister Sigmar Gabriel am Freitag am Rande der Münchner Sicherheitskonferenz, er rechne fest damit, dass Yücel bald ausreisen könne. red
Stand: Freitag, 17.30 Uhr
Deniz Yücel: "Wir sind ja nicht zum Spaß hier. Reportagen, Satiren und andere Gebrauchstexte". Nautilus; 224 Seiten; 16 Euro.

Von Günter Wallraff

DER SPIEGEL 8/2018
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