17.02.2018

USATote Kinder, mal wieder

Die 239. Schulschießerei seit fünf Jahren zeigt, wie zynisch das Land im Umgang mit Schusswaffen geworden ist.
Er sei ein ruhiger Schüler gewesen, sagt sein früherer Mathematiklehrer. Ein großartiger Kerl, sagt ein Ex-Kollege im Dollar Tree Store von Parkland, wo Nikolas Cruz als Kassierer gearbeitet hatte. Ein Furcht einflößender Einzelgänger, sagen ehemalige Mitschüler, ein Waffennarr, der Messer zum Unterricht mitgebracht und damit geprahlt habe, Tiere zu töten. Und der, wie sich später herausstellte, Mitglied einer paramilitärischen, rechtsextremen Miliz war.
Nikolas Cruz, 19 Jahre alt, ein Junge mit kurzen, rotbraunen Haaren und abstehenden Ohren, ist jetzt ein Mehrfachmörder. 17 Menschen erschoss er am Mittwochnachmittag an der Marjory Stoneman Douglas Highschool in Parkland, einer kleinen Stadt nördlich von Miami, Florida. Mindestens 14 wurden verletzt. Unter den Opfern waren viele Juden. Das Schulmassaker von Parkland ist das blutigste seit dem Attentat in der Sandy-Hook-Grundschule in Connecticut vor fünf Jahren, als ein junger Mann 26 Menschen umbrachte, die meisten von ihnen Kinder.
Opferstatistiken, Orte, Jahrestage, sie werden jetzt wieder heruntergebetet: die kühle Bestandsaufnahme einer nationalen Schande, die nicht endet. Laut der Organisation Everytown, die sich für strengere Waffengesetze starkmacht, ist es das 18. Mal, dass in oder nahe einer Schule in den USA geschossen wird – seit Anfang des Jahres. Kentucky, Texas, New York, Washington, Kalifornien, überall fielen seit Januar Schüsse. Die "Washington Post" schreibt, in den vergangenen knapp zwei Jahrzehnten seien bundesweit über 150 000 Schüler zu Zeugen von Schießereien in Schulen geworden.
Seit Sandy Hook soll es mindestens 239 dieser Vorfälle in Klassenzimmern, Kantinen, Turnhallen, auf Schulfluren gegeben haben. Über 400 Verletzte, 138 Tote. Darin sind Massaker fern von Schulen nicht eingerechnet, etwa die Wahnsinnstat von Las Vegas im Oktober, als ein Attentäter auf Konzertbesucher feuerte und 58 Menschen tötete.
Und jetzt Parkland, Florida. In Momenten des Schocks und der Trauer blickt Amerika üblicherweise auf seinen Präsidenten. Barack Obama hielt nach der Katastrophe von Sandy Hook eine bewegende Rede. Er las die Namen der toten Kinder vor, er weinte und versprach, solche Attentate zu verhindern, mit allen Mitteln.
Und heute? Ist da ein Präsident, der sich nach der Tat den ganzen Tag nur kurz auf Twitter äußert. Und der dann, am folgenden Morgen, wieder auf Twitter, den Bekannten des Täters eine Teilschuld zuspricht. Es habe Anzeichen dafür gegeben, schrieb Donald Trump, dass Cruz geistig verwirrt sei. "Nachbarn und Mitschüler wussten, dass er ein großes Problem war. Solche Fälle müssen den Behörden gemeldet werden, immer und immer wieder!" Am Donnerstag trat er vor die Presse und sagte, er wolle mit den Gouverneuren der Bundesstaaten eine Lösung erarbeiten. Das Wort "Schusswaffe" kam in seiner Rede nicht vor.
Ein Präsident, der nach fast jeder Straftat, die von Ausländern begangen wird, strengere Einwanderungsgesetze fordert, schweigt, sobald es um Waffen geht. Im Wahlkampf erhielt Trump 30 Millionen Dollar von der National Rifle Association. Vor einem Jahr machte er einen Erlass Obamas rückgängig, der den Waffenkauf für psychisch kranke Menschen erschwerte.
Nikolas Cruz kaufte sein halb automatisches Gewehr des Typs AR-15 völlig legal. Eine Nation, die wie besessen Rauchverbote durchsetzt und das Trinken von Alkohol erst ab 21 Jahren gestattet, lässt 19-Jährige Kriegswaffen kaufen. Und findet es normal, Kindern zu erklären, dass sie bei einem Angriff ihre Stühle gegen die Klassenzimmertür stellen sollen, um zu verhindern, dass sie zu Opfern werden.
In einem Interview mit dem Fernsehsender MSNBC erzählte die Lehrerin Melissa Falkowski der Highschool in Parkland, dass sie immer wieder geübt hätten, was im Fall einer Schießerei zu tun sei. Sie hatte 19 Schüler in einem Schrank versteckt. "Und trotzdem haben wir 17 Tote, 17 Menschen, die nicht zu ihrer Familie zurückkehren werden." Ihre Stimme brach. "Das kann ich nicht akzeptieren. Es ist an der Zeit, dass der Kongress, die Regierung, irgendjemand etwas tut, dass wir darüber reden, was das Problem ist. Dass wir versuchen, es zu lösen."
Der Kongress wäre in der Lage, halb automatische Waffen für den zivilen Gebrauch zu verbieten, aber es findet sich keine Mehrheit. Nach dem Massaker von Las Vegas kämpfte die demokratische Senatorin Dianne Feinstein für eine Regelung, die jene Bauteile verbietet, die halb automatische Waffen in automatische verwandeln. Selbst dieser Minimalkompromiss scheiterte. Stattdessen hat eine Initiative gute Chancen, die den Erwerb von Schalldämpfern erleichtert.
Als Donald Trump am Mittwoch noch nach Worten suchte, schrieb eine Schülerin aus Parkland auf Twitter, sie könne auf die Anteilnahme des Präsidenten verzichten. "Etliche meiner Klassenkameraden sind tot. Mach endlich etwas, anstatt Gebete zu schicken." Die Nachricht wurde doppelt so oft geteilt wie die des Präsidenten.
Von Christoph Scheuermann

DER SPIEGEL 8/2018
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