17.02.2018

ÄgyptenDie Kirche der Märtyrer

Dreizehn der vom IS in Libyen enthaupteten Christen stammten aus El-Or. Nun soll das Dorf zum Wallfahrtsort werden – mit dem ausdrücklichen Segen des autokratischen Präsidenten Sisi.
Wer Atef Saad sucht, findet ihn im Dorf El-Or vor der fast fertigen neuen Wallfahrtskirche. Sie ist jenen 21 Männern gewidmet, die seine Freunde waren: Wanderarbeitern in Libyen wie er, getötet von Mördern im Auftrag des "Islamischen Staates" (IS). Atef Saad ist diesem Schicksal nur knapp entgangen.
Auf einem Smartphone sieht sich der junge Ägypter das Video von der Enthauptung seiner Gefährten durch maskierte IS-Henker an: Zu sehen sind koptische Christen im orangefarbenen Overall am Meeresstrand, die Hände auf den Rücken gefesselt, die Knie im Sand, einen Dolch an der Halsschlagader. Am Schluss des Films liegen die abgetrennten Köpfe der Wehrlosen – 20 Ägypter, ein Ghanaer – wie Trophäen auf den reglosen Leibern.
Der IS-Propagandafilm vom Februar 2015 hat einen unbeabsichtigten Nebeneffekt: Er zeigt den tief wurzelnden Glauben der Todgeweihten. Keiner von ihnen wehrt sich, bevor ihm die Kehle durchgeschnitten wird. Einer ruft sogar noch "Jarab Jesoa", Herr Jesus.
Dass er überlebt habe, sagt Saad, verdanke er einem Wunder. Als die IS-Männer in der Sammelunterkunft der Arbeiter auch an seiner Tür klopften, stellte er sich tot. Unversehrt ist der kräftige junge Bauarbeiter, dessen nackte Füße in Sandalen stecken, später in sein ägyptisches Heimatdorf El-Or am westlichen Nilufer zurückgekehrt. Hier mauert er nun im Hof der neuen Wallfahrtskirche so fleißig mit, als sei er das seinen toten Freunden schuldig.
Dreizehn der Enthaupteten kamen aus El-Or. Der Ort soll nun mit staatlicher Hilfe zu einer Wallfahrtsstätte werden. Durch den koptischen Patriarchen Tawadros II. im Schnellverfahren heiliggesprochen, sind die in Libyen Ermordeten Gegenstand höchster Verehrung unter den Kopten – in der selbst ernannten "Kirche der Märtyrer".
El-Or ist je zur Hälfte von Christen und Muslimen besiedelt. Noch heute treiben hier die Männer magere Esel durch die Gassen, balancieren Frauen Fladenbrot auf dem Kopf und hüten Kinder das Kleinvieh. Vom Leben im 21. Jahrhundert zeugt vor allem der Plastikmüll, der in der Kanalböschung versenkt oder mitten im Dorf verbrannt wird.
Als Feld- und Bauarbeiter, Elektriker und Bodenleger waren die Tagelöhner aus El-Or und Umgebung 2014 aufgebrochen, um Geld zu verdienen im ölreichen Libyen. Ihre sterblichen Überreste sind mittlerweile geborgen worden – verscharrt unweit der libyschen Küstenstadt Sirt. Feierlich sollen sie demnächst nach El-Or überführt und in der neuen Kirche bestattet werden.
Der gewaltige Sakralbau am Ortsrand gleicht einem in der Wüste gelandeten Ufo. 45 Meter hoch ist der Kirchturm mit dem Kreuz darauf. Zwischen den zierlichen Ziegelmoscheen der Umgebung gleicht das Gotteshaus der Kopten einem architektonischen Ausrufezeichen. In Ägypten ist der Islam Staatsreligion. Doch 10 bis 20 Millionen Menschen, die Angaben schwanken, bekennen sich zur koptischen Kirche. Der Frankfurter Büchner-Preisträger Martin Mosebach widmet sich in seinem neuen Buch "Die 21" dem Schicksal der koptischen Christen(*). Am Umgang mit ihnen, sagt Mosebach, müssten sich Ägyptens Machthaber messen lassen: "Es gibt ja keinen anderen Ort, wo die Kopten hingehen könnten – das ist ihre Heimat, sie sind die eigentlichen Ägypter, die Nachfahren der Pharaonen."
Wochenlang war Mosebach unterwegs und kam dabei zu dem Schluss, dass das Bild, "das wir im Westen von der verfolgten Christenheit im Nahen Osten haben", für Ägypten nur teilweise zutreffend sei: "Vorgefunden habe ich eine starke, wachsende Kirche voller Leute, die in keiner Weise an die Wand gedrückt schienen."
Zwar dürfen Kopten keine Führungspositionen in der Gesellschaft einnehmen, gleichzeitig aber schmückt sich Staatspräsident Abdel Fattah el-Sisi mit dem Ruf, Beschützer der Christen zu sein. Die neue Wallfahrtskirche in El-Or hat der per Militärputsch ins Amt gekommene General mithilfe von Steuergeldern bauen lassen. Am 26. März steht die Präsidentschaftswahl an, und Amtsinhaber Sisi, auf seinen Ruf als Garant für Sicherheit und Ordnung bedacht, hofft auf einen überwältigenden Wahlsieg – auch dank der Stimmen der Kopten.
Missgunst vor allem im Lager der radikalen Muslimbrüder ist die Folge. Aus dem Gouvernement Minja, zu dem El-Or gehört, tauchten nach den Enthauptungen der 21 Männer im Internet Solidaritätsadressen an die Henker auf. 128 koptische Christen fielen allein 2017 tödlichen Anschlägen zum Opfer. Mehr als zwei Dutzend davon, darunter Frauen und Kleinkinder, sind nur 30 Kilometer entfernt von El-Or auf dem Weg zu einem Kloster hingerichtet worden – nachdem sie sich der Forderung maskierter Terroristen widersetzt hatten, die Schahada aufzusagen, das islamische Glaubensbekenntnis.
"Wir werden ein nationales Sicherheitskonzept brauchen – nicht nur, aber auch für den Tag, an dem die sterblichen Überreste im Dorf ankommen", sagt ein ranghoher muslimischer Staatsbeamter in El-Or. Denn dann soll der Ansturm erst so richtig beginnen – auch für die Familien der "Märtyrer". Mit Heiligen verwandt zu sein verändert das Leben.
Kaum einer wüsste das besser als Beshir Stefanos Kamel. Der elegante Mann in bodenlanger Galabija empfängt im Masar, im neuen, mit kostspieligen Marmorplatten ausgelegten Empfangsraum, den jede der Märtyrerfamilien sich inzwischen zugelegt hat. Ehrengäste und Pilger müssen angemessen empfangen werden. Kamel hat bei der Tragödie am libyschen Strand zwei Brüder verloren: Samuel und Bishoj.
Alles, was an sie erinnert, Diakonshemden, alte Fotos, ein Plastiktannenbaum, ist nun in einem beleuchteten Reliquienschrank ausgestellt, den Pilger besichtigen und öffnen dürfen. Wer die Hinterlassenschaften Heiliger berührt, kann nach koptischem Glauben auf göttliche Gnade hoffen. Kamel musste für den zu erwartenden Besuch sein Haus umbauen. Die umgerechnet 30 000 Euro pro Opfer, die ägyptische, saudische und andere arabische Spender zahlten, waren willkommen. In El-Or liegt der Durchschnittsverdienst bei umgerechnet 70 Euro. Und seit drei Jahren fehlen die monatlichen Überweisungen der Wanderarbeiter aus Libyen, bis zu 1200 Euro. Nicht weit von Kamels neuem Salon mit den roten Samtsofas steht noch immer sein Nutzvieh und vor der Haustür der Eselskarren.
Tief in jener Nacht, als "das ganze Dorf weinte", wurde an die Haustür der Kamels geklopft: Abuna Makar war gekommen, der Priester, ein furchtloser Mann mit Kräuselbart, der zum schwarzen Talar ein Häkelkäppi trägt und sich wie die Mehrzahl seiner Glaubensbrüder das Koptenkreuz auf die Daumenwurzel hat tätowieren lassen. Makar versuchte zu trösten; versuchte, die Bilder, auf denen die blutverkrusteten Häupter der Männer aus El-Or zu sehen waren, aufzulösen in etwas Höheres, Transzendentes. Er gab den Angehörigen den Gedanken mit auf den Weg, dass ihre Söhne, Brüder, Vettern durch ihr Bekenntnis zum Christsein das Menschenmögliche auf Erden erreicht hätten.
Seit Donnerstag dieser Woche predigt der Pfarrer nun in der neuen Wallfahrtskirche, die Tausenden Gläubigen Platz bietet. Gleich nebenan hat ein Andenkengeschäft eröffnet, in dem neben Plastikpistolen und eingelegten Oliven auch Plakate mit den Porträts der 21 Heiliggesprochenen im Angebot sind. Nur: Wo werden die Pilger schlafen, wo sollen sie sich stärken in diesem armseligen Nest am westlichen Nilufer, das nicht einmal über eine Teestube verfügt, die diesen Namen verdienen würde? Keine Sorge, sagt lachend Abuna Makar, auch daran sei gedacht. Ein vierstöckiger Ziegelbau neben der Wallfahrtskirche soll 120 Schlafplätze bieten sowie im Erdgeschoss ein Restaurant.
Das Geheimnis seines Glaubens? "Wir Kopten sind ohne Furcht", sagt der Pfarrer, "gläubig zu sein und es zu beweisen, auch im Angesicht des Todes, diese Bereitschaft ist bei uns stärker als irgendwo sonst."
Sonntags, wenn in El-Or gegen halb vier Uhr morgens die Ersten zur Frühmesse kommen, wenn sich Männer links und Frauen rechts in die Kirchbänke zwängen, Bauern mit wettergegerbtem Gesicht und über den Turban gewundenen Schals, die Gattinnen samt Kindern und Enkeln in Sonntagstracht, dann nimmt ein Ritual seinen Lauf, das das Gefühl einer zutiefst verschworenen Gemeinschaft vermittelt.
Während vor dem Altar Abuna Makar das Weihrauchfass schwingt, singen und beten sie im Kirchengestühl, in kehligen ab- und anschwellenden Kadenzen – Schulter an Schulter, vom Jungdiakon bis zum Greis, drei Stunden lang. Im Kirchenschiff hängen die Porträts der Enthaupteten.
Manchmal fragt sich Atef Saad, der Bauarbeiter, warum gerade er überlebt hat, warum es die anderen getroffen hat. Saad sagt: "Hätte ich noch einmal die Wahl, ich würde mit ihnen gehen."

Mail: walter.mayr@spiegel.de

Kontakt

* Martin Mosebach: "Die 21. Eine Reise ins Land der koptischen Martyrer". Rowohlt; 272 Seiten; 20 Euro.
Von Walter Mayr

DER SPIEGEL 8/2018
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