24.02.2018

SaarlandDer nächste Unbekannte

Tobias Hans soll Annegret Kramp-Karrenbauer als Ministerpräsident nachfolgen. Wer ist dieser Mann?
Das ging flott: mit 14 Jahren in der Jungen Union, mit 31 im Landtag als Abgeordneter, dann Fraktionschef und nun, drei Wochen nach dem 40. Geburtstag, designierter Ministerpräsident. "Und, ja, wenn ich gewählt werde", sagt Tobias Hans und lehnt sich in seinem Stuhl zurück, "bin ich der jüngste derzeit amtierende Ministerpräsident in Deutschland."
Tobias wer? Den CDU-Mann aus dem 1000-Einwohner-Örtchen Münchwies kannten bisher fast nur die Hardcorefans der saarländischen Landespolitik. Für den Rest der Republik, der sich gerade an den Namen Annegret Kramp-Karrenbauer als künftige CDU-Generalsekretärin zu gewöhnen versucht, kommt er wie Kai aus der Kiste: wieder so ein No-Name.
Ohne Testlauf als Minister oder Staatssekretär direkt von einem Abgeordnetensitz ins höchste Regierungsamt eines Landes – das hatten zuletzt ebenfalls Daniel Günther, 44, in Schleswig-Holstein und Michael Kretschmer, 42, in Sachsen geschafft.
Auf den ersten Blick wirkt es wie ein Nachwuchsförderprogramm der Union, um eine Auswahl unverbrauchter U-50-Politiker als Ersatz für das verschleißende Spitzenpersonal in Berlin bereitzustellen. Tatsächlich profitierte Hans auch von Zufällen und den im Saarland üblichen Skandalen und Skandälchen.
Der schlaksige Mann, 1,94 Meter groß, sitzt entspannt in seinem Fraktionschef-Büro und beantwortet freundlich Fragen. Auch solche nach seinem Studium: Informationswissenschaft, Wirtschaftsinformatik und Anglistik, so präsentiert er es im Lebenslauf auf seiner Website. Das klingt nach einer fundierten Ausbildung. Einen Abschluss habe er nicht, räumt Hans ein. Das Studium habe er abgebrochen, als er Referent im CDU-geführten Arbeits- und Sozialministerium des Landes werden konnte. Vorher habe er Prüfungen abgelegt und mehrere Jahre lang ordentlich studiert – und nicht nur ein Jahr lang, wie derzeit im Saarland gestreut wird.
Aufsteiger wie Hans geraten leicht in Verdacht, ohne nennenswerte Berufs- und Lebenserfahrung außerhalb der Parteienwelt zu schnell Macht zu erlangen. Das gilt besonders, wenn der Vater schon Berufspolitiker war: Peter Hans, 2007 verstorben, saß wie später sein Sohn der CDU-Landtagsfraktion vor. Der damalige Ministerpräsident Peter Müller (CDU) sei früher oft bei ihnen zu Hause gewesen, sagt Tobias Hans. "Das war ein guter Freund meines Vaters." Gleichwohl sei sein eigener Weg in die CDU keineswegs vorherbestimmt gewesen, zeitweise habe er über einen Beitritt bei den Grünen nachgedacht.
Das kann man glauben oder nicht, sicher ist: Die Entscheidung für die CDU hat sich für ihn ausgezahlt. Dass Kramp-Karrenbauer sich Hans als Nachfolger ausschaute, war auch für Parteifreunde eine Überraschung. Die scheidende Ministerpräsidentin hatte zuvor vor allem ihren Finanzminister Stephan Toscani, 51, ins Rampenlicht gestellt und wiederholt gelobt, wie Toscani vor anderthalb Jahren die Verhandlungen über den Bund-Länder-Finanzausgleich vorbereitet habe. Das Saarland, hoch verschuldet, darf ab 2020 rund eine halbe Milliarde Euro mehr erwarten.
Hans dagegen blieb blass. 2015 hatte ihn Kramp-Karrenbauer als Landratskandidat in Neunkirchen getestet. Hans unterlag einem SPD-Bewerber, sein Kampagnenslogan zündete nicht: "Hans – der kann's".
Als Fraktionschef der größeren Regierungspartei fiel ihm dann die Aufgabe zu, echte und vermeintliche Erfolge der Regierungschefin zu preisen. Zur Profilierung taugt so ein Job nicht. Aber Kramp-Karrenbauer konnte sich auf Hans verlassen. Als sie vor einigen Jahren in die Kritik geriet, weil ein Museumsbau viel teurer wurde als angekündigt, hielt Hans ihr als Vorsitzender eines parlamentarischen Untersuchungsausschusses den Rücken frei.
Am Ende profitierte er von einer weiteren Affäre. Sein Parteifreund Klaus Meiser trat als Landtagspräsident zurück: Er hatte nicht erklären können, warum ihm in seinem Nebenamt als Präsident des Landessportverbands ein Millionendefizit jahrelang angeblich nicht aufgefallen war – und seine Lebensgefährtin, die ihm schon im Landtagspräsidium als enge Mitarbeiterin diente, gleichzeitig auch im Sportverband ein Zusatzgehalt beziehen durfte.
Den frei gewordenen Job des Landtagspräsidenten soll Finanzminister Toscani bekommen. Für Hans öffnete sich damit der Weg in die Staatskanzlei. Kramp-Karrenbauer machte es mit ihm wie die Kanzlerin mit ihr: Gefördert werden verlässliche Vertraute, die im Hintergrund auf ihre Chance warten und loyal zu ihren Vorsitzenden stehen.
"Ich bin konservativ und katholisch, aber mein Politikstil ist pragmatisch", sagt Hans. Kramp-Karrenbauer hätte sich vermutlich nicht anders beschrieben.
Beide stehen für eine fast sozialdemokratisch geprägte Arbeits- und Sozialpolitik. Hans ist Mitglied der CDU-Sozialausschüsse. Als Fraktionsvorsitzender habe er dazu beigetragen, bei Streitigkeiten "die Spitzen rauszunehmen", sagt SPD-Fraktionschef Stefan Pauluhn. Die Zusammenarbeit mit ihm sei "angenehm und von Vertrauen geprägt". Sogar von linksaußen wird Hans gelobt: Jochen Flackus, parlamentarischer Geschäftsführer der Linksfraktion im Landtag, attestiert ihm "weniger Berührungsängste mit der Linken als mancher Sozialdemokrat".
Hans verspricht, eigene Akzente zu setzen, etwa die Informationstechnologie auszubauen. "Aber ich werde das Land sicherlich nicht auf den Kopf stellen." Im kleinen Saarland ist das ein Erfolgsrezept, mit dem schon Kramp-Karrenbauer Wahlsiege einfuhr: nur nicht zu viel ändern.
Von Matthias Bartsch

DER SPIEGEL 9/2018
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