24.02.2018

Nils MinkmarZur ZeitDie große Krankheit

Alle sind krank. Es ist Ende Februar, und da gehört diese Aussage in jedes Gespräch, wie ein Satzzeichen. Alle sind krank, selbst die Ärzte und die Sprechstundenhilfen. Das führt dazu, dass die Wartezimmer leer sind. Die Patienten sagen ihre Termine reihenweise ab, wegen Krankheit. Der Arztbesuch ist in normalen Zeiten ja eine kommunikative Angelegenheit: Körpersignale deuten, in die Zukunft blicken, dann "was Pflanzliches" verschreiben. Das ist nichts für Kranke. Nun verlässt niemand mehr das Haus. Ist man selbst noch fit, erwischt es jemanden in der Familie, vielleicht ein Kind. Dann dehnen sich die Tage vom ersten Hustenbronchialtee bei Sonnenaufgang bis zur letzten Wärmflasche, dazwischen tausend gelegte und ein vermisstes Puzzleteil.
Die große deutsche Februarkrankheit ist zum Glück selten ernst oder tödlich. Sie gleicht einem kollektiven Ritual. Einmal im Jahr werden die sorgfältig komponierten Agenden, Projektpläne und Programme plötzlich ungültig. Alles absagen, alle krank. Das starke Land in der Mitte Europas, vorbildlich in so vielen Hinsichten, kann nicht mehr. Exportüberschuss, schwarze Null, Motor Europas – alles Fordern und Fördern verschwindet in Schwaden von Inhalationsdämpfen und Kräutertee. Die Winterendkrankheit sorgt für den passenden Seelenzustand, um die Zeitläufte in süßer, pauschalisierender Ferndiagnose zu ertragen – alle verrückt, alle krank –, und erleichtert den kulturellen Konsum. Wer Fieber hat und sich selbst die kuriosen Begriffe "Mattigkeitsgefühl" und "Gliederschmerzen" zuschreibt, der möchte keine gute Musik oder hohe Literatur. Der sehnt sich nach der B-Seite eines McCartney-Soloalbums oder den in Privatdruck erschienenen Erinnerungen einer Frau, die mal in Israel Hunde gezüchtet hat. Man sucht eine kulturelle Komfortzone, die es nur in der Krankheitssaison gibt. Manches Buch von Tom Wolfe erscheint als Meisterwerk – solange die Wirkung des Ibuprofens anhält. Hält man das Buch später mal in Händen, ohne Tablette, fasst man sich an die nun kühle Stirn: War ich krank?
Die Erkältungswelle ist der zeitgemäße Karneval. Plötzlich ist erlaubt, was das ganze Jahr über vermieden werden muss. Die Tage verstreichen. Alles Digitale wirkt frivol, immer wieder geht es um existenzielle Handgriffe beim Wadenwickelfertigen, Teekochen und Wärmflaschebefüllen. Hypochonder geben nun vor, gesund zu sein und täglich Blut zu spenden, denn nur Ausnahmen erregen Aufmerksamkeit. Die spätwinterliche Krankheit ist das letzte Reservat gegen den verrückten Kapitalismus und eine digitale Ökonomie, deren Produkt unsere Informationen und Entscheidungen, also wir selbst, sind. Und nun zieht sich ein ganzes Land die Decke über den Kopf und macht nicht mehr mit. Es ist leerer auf den Straßen, und weniger Mails kommen. Manche Reise wird verschoben, Treffen werden durch Telefonate ersetzt. Man trinkt viel, geht an die frische Luft und wäscht sich noch achtsamer die Hände. Dann ist endlich mal Zeit, gesund zu leben – wenn alle krank sind.
An dieser Stelle schreiben Nils Minkmar und Elke Schmitter im Wechsel.
Von Nils Minkmar

DER SPIEGEL 9/2018
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