24.02.2018

Der AugenzeugeBitte lächeln!

Die Grippe geht in Deutschland um. Pfarrer Johannes Lukas, 47, aus dem bayerischen Weiden berichtet, wie manche Kirchengemeinden sich zu schützen versuchen: kein Händeschütteln als Friedensgruß, kein Weihwasser zum Bekreuzigen.
"Normalerweise reichen die Menschen einander die Hand, wenn ich als Pfarrer nach dem Vaterunser ,Friede sei mit euch' sage. Auf diese Weise können sich aber möglicherweise Krankheitserreger wie die Grippeviren ausbreiten. Ich werde der Gemeinde am Sonntag also vorschlagen, dass wir uns in den nächsten Wochen einfach anlächeln oder uns zunicken als Zeichen des Friedens und der Versöhnung.
Wir Oberpfälzer sind ein zurückhaltender Menschenschlag. Körperkontakt mit Fremden, zum Beispiel mit dem Banknachbarn in der Kirche, vermeiden wir eher. Ich bin mir deshalb sicher, dass es mir die Mitglieder meiner Kirchengemeinde nicht übel nehmen, wenn ich sie darum bitte, den Friedensgruß im Gottesdienst in Zeiten der Grippewelle anders zu praktizieren. Und die katholische Liturgie schreibt schließlich nicht vor, dass man sich beim Friedensgruß die Hand gibt. Diese Form des Friedensgrußes hat sich bei uns nur so eingebürgert. Es sollte jedenfalls kein Kirchgänger Angst haben müssen, sich bei diesem Ritual die Grippe einzufangen.
In dem Seniorenheim, das unsere Gemeinde betreibt, hängen in der Nähe jeder Tür Spender mit Desinfektionsmitteln. Für die Kirche kann ich mir solche Spender nicht vorstellen. Eine unserer Nachbargemeinden hat aber eine ungewöhnliche Grippeschutzmaßnahme ergriffen. Neben dem Eingang sind ja traditionell Weihwasserbecken. Gottesdienstbesucher haben meinen Kollegen in der Nachbargemeinde gebeten, dieses Wasser zu entfernen. Wenn jedes Gemeindemitglied seinen Finger in das Wasser tauche, um sich beim Betreten und Verlassen zu bekreuzigen, könnten Krankheitserreger in der Tat auch auf diesem Weg ihren Besitzer wechseln.
Ich möchte niemandem das Weihwasser verwehren, deswegen belassen wir hier bei uns es erst einmal dabei. Wir wechseln das Wasser zweimal wöchentlich. Ich finde, jeder sollte selbst entscheiden können, ob er das Risiko einer Krankheitsübertragung beim Bekreuzigen mit Weihwasser in Kauf nehmen will."
Von Anna Clauß

DER SPIEGEL 9/2018
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