03.03.2018

FinanzindustrieVerlust der Kontrolle

Joachim Faber, Aufsichtsratschef der Deutschen Börse, tut alles für seine Wiederwahl – notfalls auf Kosten guter Unternehmensführung.
Eigentlich müsste die Deutsche Börse einen besonders hohen Anspruch an ihr Führungspersonal haben. Das Unternehmen ist der Mittelpunkt des deutschen Kapitalmarkts, täglich werden Milliardenbeträge auf seinen IT-Systemen umgeschlagen. Die abendliche Schalte aufs Handelsparkett ist ein Fernsehritual.
Doch der Konzern wird offenbar nach laxen Regeln geführt, vor allem von Aufsichtsratschef Joachim Faber, 67. Der ist angeschlagen, seit er gemeinsam mit dem damaligen Vorstandschef Carsten Kengeter, 50, die Deutsche Börse mit der Londoner Konkurrentin LSE fusionieren wollte. Das Duo war so besessen von seinem Plan, dass es nicht einmal die Entscheidungsträger in Politik und Behörden im heimischen Hessen ausreichend umgarnte. Die legten sich prompt quer. Zudem spielten die beiden nicht die Folgen eines möglichen EU-Austritts der Briten durch – und wurden vom Brexit-Votum überrascht. Die geplante Fusion fiel in sich zusammen.
Kengeter musste das Unternehmen Ende 2017 verlassen – nicht allein wegen des geplatzten Zusammenschlusses. Der Vorstandschef hatte sich von Faber ein millionenschweres Paket von Gratisaktien schnüren lassen, während die Fusion bereits geplant, aber noch nicht öffentlich war. Noch immer ermittelt die Justiz deshalb wegen des Verdachts auf Insiderhandel und Marktmanipulation – schwerere Anschuldigungen sind für einen Börsenbetreiber kaum denkbar. Kengeter und die Börse bestreiten ein Fehlverhalten.
Trotz allem hält sich Faber bis heute an der Spitze des Kontrollgremiums. Er hat Kengeter inzwischen durch Theodor Weimer, 58, ersetzt – und will sich Mitte Mai auf der Hauptversammlung den Aktionären zur Wiederwahl stellen.
Dafür aber geht er offenkundig Kompromisse ein, die für den Chefaufpasser eines deutschen Großkonzerns zumindest ungewöhnlich sind: Im Herbst war die Kritik an Faber lauter geworden, seine Wiederwahl wackelte. Flugs nahm er Kontakt zu einem potenziellen Nachfolger, Gerd Häusler, 66, auf. Häusler ist noch bis April Aufsichtsratschef der Bayerischen Landesbank (BayernLB), kapitalmarkterfahren und auf der Suche nach einem Anschlussjob.
Ein Wechsel Häuslers zum Dax-Konzern Deutsche Börse wäre standesgemäß, ein Durchmarsch an die Spitze des nicht besonders hochkarätig besetzten Aufsichtsrats leicht möglich gewesen. Und: Fabers Erbe wäre mit einem Intimus gesichert gewesen. Die Familien kennen sich seit Jahren. Fabers Gattin Ute, 67, sitzt neben Häusler im Aufsichtsrat der BayernLB.
Zwischenzeitlich aber haben sich die Rahmenbedingungen geändert: Weil Faber Kengeter fallen ließ und Weimer, Ex-Vorstandschef der HypoVereinsbank, als Nachfolger installiert hat, sind seine eigenen Wahlchancen wieder gestiegen. Häusler wird als Nachfolger nicht mehr gebraucht und ist aus dem Rennen.
Offiziell begründet die Börse das Abrücken von Häusler mit dem Wunsch der Investoren, den Aufsichtsrat zu verjüngen, um langfristig Kontinuität zu gewährleisten. Doch das ist allenfalls die halbe Wahrheit, schließlich war Häuslers Alter schon im Herbst 2017 bekannt und damals noch kein Hindernis, Kontakt aufzunehmen.
Konzerninsider halten daher eine andere Sicht der Dinge für plausibler: Der neue Vorstandschef Weimer habe ein Problem mit dem machtbewussten Häusler gehabt – Faber habe dem designierten Ratsmitglied aus diesem Grund abgesagt.
Das freilich wäre eine groteske Umkehrung des Corporate-Governance-Prinzips, wonach der Aufsichtsrat den Vorstand benennt und nicht umgekehrt. Ein Prinzip, das gerade Faber kennen sollte: Seit 2013 sitzt er in der Regierungskommission Deutscher Corporate Governance Kodex.
Die Börse lässt ausrichten, dass einzig der Aufsichtsrat befinde, wer den Aktionären zur Wahl vorgeschlagen werde.
Klar ist aber, dass es sich für Weimer unter Faber angenehmer leben lässt als unter Häusler. Faber ist nach dem Kengeter-Fiasko angeschlagen, als Preis für seine Wiederwahl steht sein vorzeitiger Abgang nach spätestens zwei Jahren im Raum. Einen schwächeren Aufsichtsratschef als ihn dürfte es im gesamten Dax nicht geben. Weimer ist damit der neue starke Mann, Faber selbst dürfte künftig nur noch eine Statistenrolle spielen.
Seine beinah uneingeschränkte Machtfülle nutzt Weimer bereits, um den Konzern umzubauen: Den erweiterten Vorstand der Börse will er abschaffen, den mit Kengeters seltsamen Aktiengeschäften befassten Chefjuristen hat er gefeuert. Insider rechnen mit weiteren Veränderungen im überalterten fünfköpfigen Kernvorstand. Um Transparenz und internen Renditedruck zu erhöhen, werden aus bislang vier Geschäftssparten künftig neun. Im Mai will Weimer seine Vision für die nächsten Jahre vorlegen.
Bis dahin ist auch klar, wer neu in den Aufsichtsrat einzieht. Drei Plätze sind insgesamt zu besetzen. Eine Frau und einen IT-Spezialisten jüngeren Alters soll sich Weimer wünschen, heißt es. In Aktionärskreisen wird auch der Name Volker Potthoff, 63, ins Spiel gebracht. Der frühere Börsenvorstand gilt als unabhängiger Kopf, der dringend benötigtes Fachwissen beisteuern könnte und selbst Mitglied der Corporate-Governance-Kommission war.
Aufsichtsratschef Faber, so viel scheint sicher, wird Weimer jedenfalls kaum dazwischenfunken.
Von Tim Bartz und Martin Hesse

DER SPIEGEL 10/2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 10/2018
Titelbild
Der digitale SPIEGEL
Diese Ausgabe jetzt digital lesen

Die digitale Welt der Nachrichten. Mit interaktiven Grafiken, spannenden Videos und beeindruckenden 3-D-Modellen.
Sie lesen die neue Ausgabe noch vor Erscheinen der Print-Ausgabe, schon freitags ab 18 Uhr.
Einmal anmelden, auf jedem Gerät lesen - auch offline. Optimiert für Windows 8, Android, iPad, iPhone, Kindle Fire, BlackBerry Z10 sowie für PC/Mac.

Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Finanzindustrie:
Verlust der Kontrolle

  • Fall Lübcke: Stephan Ernst legt Geständnis ab
  • Sizilien: Großbrand zerstört Dutzende Autos am Strandparkplatz
  • Der Mordfall Lübcke: Spurensuche im braunen Netzwerk
  • Hitze in Deutschland: Hier kommt die virtuelle Abkühlung