03.03.2018

HumorVaseline im Bad

Schüren Schwulenwitze Vorurteile und Hass? Unterhalter wie Jürgen von der Lippe und Dieter Nuhr wehren sich gegen den Vorwurf der Homophobie.
Was immer funktioniert im hiesigen Humorbetrieb, sind Witze über Männer und Frauen. Alternativ: Männer in Frauenkleidern. Oder, noch effektvoller: Männer, die sich gewollt weibisch verhalten, als Parodie auf Schwule. Affektiert, mit Knick im Handgelenk, dazu ein – "Stößchen!" – Prosecco.
Der erfolgreichste deutsche Kinofilm der letzten Jahrzehnte, Bully Herbigs "Der Schuh des Manitu" (2001), hat einen schwulen Indianer zum Helden. Bei Herbigs "T(R)aumschiff Surprise" (2004), Platz zwei der Hitliste, sind es homosexuelle Raumfahrer. Als sie voriges Jahr im "Bullyparade"-Film ihr Comeback hatten, wollten das respektable 1,9 Millionen Kinogänger sehen.
Seit Wochen wird, auch in Deutschland, darüber gestritten, wo Sexismus beginnt. Für manche offenbar schon mit einem Gedicht, das Frauen und Blumen im selben Maße ehrt. Während um Deutungshoheit gerungen wird, zieht bereits die nächste Debatte herauf. Es geht um die Frage, wie schwulenfeindlich dieses Land ist.
Johannes Kram, 50, ist Theaterautor und Blogger und publiziert regelmäßig zu Schwulenthemen, wobei er auf Zwischentöne gern verzichtet. In seinem Buch "Ich hab ja nichts gegen Schwule, aber ..." beschreibt Kram eine "neue Homophobie" in der deutschen Gesellschaft, es erscheint kommende Woche und wird im Netz diskutiert, seit die Schwulenseite queer.de einige Thesen vorab veröffentlicht hat.
Kram macht Homophobie selbst in liberalen Kreisen aus, trotz der Errungenschaft der Ehe für alle. Medien wie "Zeit", "Focus" oder SPIEGEL ermahnt er zu sensiblerer Darstellung von Schwulenthemen. Homosexualität sei bis heute ein Erpressungsgrund, schreibt Kram, "schwule Sau" auf Schulhöfen noch immer ein gängiges Schimpfwort und die Suizidrate homosexueller Jugendlicher höher als bei heterosexuellen.
Eine Mitschuld für die Intoleranz gibt er der Comedyszene, einer Branche, in der er selbst gearbeitet hat, in den Neunzigerjahren, als Manager des Blödelbarden Guildo Horn.
Und Witzen wie jenem, den Entertainer Jürgen von der Lippe gern erzählt: Ein Ehepaar wird im Bett von einem Einbrecher überrascht. Da es zunächst so aussieht, als wolle der die Frau vergewaltigen, bittet ihr Mann sie, es geschehen zu lassen, um sie beide zu retten: "Sei stark, mein Schatz, ich liebe dich." Der Gag besteht darin, dass der Einbrecher schwul ist, es in Wahrheit auf den Mann abgesehen hat und von der Frau den Tipp bekommt, Vaseline finde er im Bad; nun sagt sie: "Sei stark, mein Schatz, ich liebe dich auch." Weil von der Lippe zur Ausführlichkeit neigt, dauert der Witz im Original etwas länger.
Kram mag darüber nicht lachen, dafür häuft der Witz ihm zu viele Klischees an. Die Pointe, so sieht er es, fuße auf "schwulem Sex als Vergewaltigung". Der Schwule werde als "triebgesteuerte Bestie" verunglimpft. "Homophobie bleibt Homophobie, auch wenn sie lustig ist", sagt Kram.
Von der Lippe hält dagegen: "Normalität schafft man nur durch Normalbehandlung." Schwule müssten wie Blinde, Behinderte oder Ausländer in Witzen vorkommen dürfen, "solange diese nicht gehässig sind oder die Person verächtlich machen". Ohnehin handele es sich nicht um einen Schwulenwitz: "Der Dumme ist nicht der Einbrecher, sondern der Ehemann." Krams Kritik sehe er gelassen.
Nicht so Dieter Nuhr. "Der Vorwurf der Homophobie ist, was meine Person angeht, absurd", schreibt der Kabarettist in einer Mail. "Es erscheint mir irre, mit welchen abstrus konstruierten Vorwürfen man sich heutzutage auseinandersetzen muss. Empörung braucht heute offensichtlich auf allen politischen Seiten keinen realen Anlass mehr." Er habe "zahllose Male" in Sendungen für die Schwulenehe plädiert, wofür ihm viele homosexuelle Freunde gedankt hätten. Ebenso habe er sich für die Möglichkeit ausgesprochen, ein drittes Geschlecht in die Geburtsformulare einzufügen.
Erzürnt hat Kram eine Folge von Nuhrs ARD-"Satiregipfel" aus dem Jahr 2014, in der es um Homophobie in Russland geht. Darin erklärt Nuhr den Russen, dass man "im Westen nicht automatisch schwul" werde. Er macht sich über Präsident Wladmir Putin lustig, der gern mit nacktem Oberkörper auf einem Pferd posiert, erklärt, die größten Schwulenfeinde hätten "selber Popoträume", und mündet in einen Exkurs über gleichgeschlechtliche Liebe unter Pinguinen und Zwergschimpansen. Nuhr findet es "unredlich", seinen Text geschrieben vorzulegen. In vorgetragener Form sei unmöglich zu übersehen gewesen, "dass ich mich gerade über Putins Schwulenfeindlichkeit lustig mache". Tatsächlich wirkt die Nummer auf YouTube deutlich weniger homophob als im Buch suggeriert. Schon eher verstößt sie gegen die Forderung des Satirikers Leo Fischer: Natürlich müsse es Schwulenwitze geben, sie sollten halt nur gut sein.
Darüber hat auch Sebastian Krumbiegel von den Prinzen nachgedacht. Die Band hat es mit ihrem fast 20 Jahre alten Lied "Hasso" in Krams Buch geschafft: "Mein Hund ist schwul, die dumme Sau/ er macht nicht kläff, er macht nur wau/ er ist als Pudel ein Ästhet/ dem öfter mal die Nudel steht/ was meistens nur im Rudel geht."
Krumbiegel sagt, er habe aufgrund der Sexismus-Diskussion der vergangenen Monate überlegt, "Hasso" aus dem Programm zu verbannen. "Aber wir wollen uns in unserer Kunst nicht einschränken lassen." Am Mittwoch in Dortmund, beim ersten Prinzen-Konzert seit November, hat er das Lied wieder gesungen.
Von Alexander Kühn

DER SPIEGEL 10/2018
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