03.03.2018

Die Augenzeugin„Berge von Bechern“

Julia Staron, 47, ist Mitbesitzerin eines Klubs auf St. Pauli und ärgert sich wie viele andere über die Kioske auf dem Kiez: Die verkaufen den Alkohol billig und machen den Bars und Restaurants angeblich das Geschäft kaputt.
"Wenn man sonntagmorgens am Hans-Albers-Platz steht, sieht man sofort, dass auf St. Pauli etwas komplett aus dem Ruder läuft. Dieser ganze Müll, diese Berge von Plastikbechern, da bekomme ich Schnappatmung. Die Leute kaufen sich billig Wodka oder Bier an den Kiosken und füllen das dann um, weil Flaschen verboten sind. Als Quartiersmanagerin rede ich viel mit den anderen Anwohnern und Gastronomen, organisiere Aktionen für den Stadtteil mit. Wir haben zum Beispiel Willkommenstüten mit Verhaltensregeln an Touristen verteilt. Manche denken, auf St. Pauli dürfe man alles. Das ist falsch.
Viele haben Angst um das Viertel. Wir sprechen ja nicht nur von 10 bis 20 Kiosken, die es teilweise schon seit vielen Jahren gibt. Es sind mittlerweile mehr als 50. Immer mehr Ladenbesitzer satteln um, Handyläden, Dönerbesitzer, alle wollen Geld mit Alkohol machen. Das Unfaire ist, dass für sie nicht die gleichen Auflagen wie für Bar- und Klubbesitzer gelten. Das ist doch eine Gesetzeslücke, die man schließen muss.
Wer eine Gastronomie betreibt, muss Barrierefreiheit gewährleisten oder Trittschalldämmung. In meinem Klub haben wir vier Angestellte beschäftigt, deshalb muss ich einen Leiterbeauftragten benennen. Im Ernst. Man darf erst dann eine Leiter benutzen, wenn der Leiterbeauftragte sie freigegeben hat. Ein Kioskbetreiber muss nicht einmal eine Toilette vorweisen. Das ist praktisch, dann muss er auch niemanden bezahlen, der sie putzt. Wer pinkeln muss, kann das woanders machen.
Deshalb auch die Aktion am 23. März. Bars und Klubs werden eine Nacht lang nur Getränke aus dem Fenster verkaufen, die Toiletten stehen dann nicht zur Verfügung. 'Der ganze Kiez ein Kiosk!' lautet das Motto. Wenn die Politik nicht eingreift, wird es nämlich genau so kommen und sich das Problem mit den Betrunkenen immer mehr in den öffentlichen Raum verlagern. Die Alteingesessenen können die steigenden Mieten nicht mehr bezahlen, weil sie hohe Personalkosten haben und die Gäste in den Klubs und Bars immer weniger Geld für Getränke ausgeben. Wenn eine Kneipe schließt, hat man Angst, dass da der nächste Kiosk einziehen wird."
Von Katrin Elger

DER SPIEGEL 10/2018
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