03.03.2018

Jan Fleischhauer Der schwarze KanalLob des Spießers

Die Tafel in Essen hat beschlossen, keine Ausländer mehr aufzunehmen. Viele Menschen, die dort bislang Essen bezogen, waren junge Männer ohne deutschen Pass. Leider behandelten zu viele die anderen Kunden rüpelhaft. Deshalb hat die Tafel nun beschlossen, neue Ausländer vorerst nicht mehr aufzunehmen. Es gibt jetzt eine Warteliste, bis sich die Lage entspannt hat.
Die Entscheidung hat eine Welle der Empörung ausgelöst. Eine Gruppe von Menschen pauschal auszuschließen fördere Vorurteile und Ausgrenzung, sagte die geschäftsführende Ministerin für Arbeit und Soziales, Katarina Barley. Es müsse klar sein, dass Bedürftigkeit das Maß sei "und nicht der Pass". Unbekannte haben "Fuck Nazis" an Eingangstür und mehrere Autos der Tafel geschmiert.
Abgesehen davon, dass der Pass bei Flüchtlingen nicht das Maß sein kann, da die Mehrheit über keinen Pass verfügt, habe ich mich gefragt, wo bei Frau Barley und den anderen Kritikern die Pflicht zur Hilfe endet. Soll man auch Leuten gegenüber hilfsbereit sein, die statt Dankbarkeit vielleicht nur einen Tritt für einen übrig haben? Ich habe eine Aufzählung von Vorfällen gefunden, bei denen Mitarbeiter von Tafeln über aggressives Verhalten von Flüchtlingen berichten. Es scheint immer wieder vorzukommen, dass Migranten bei der Essensausgabe über die Stränge schlagen. Ich habe dafür in gewisser Weise Verständnis. Wer sich auf der Balkanroute nach Deutschland vorgearbeitet hat, hat das nicht geschafft, indem er sich brav hinten anstellte. Es ist eben nur sehr irritierend für Menschen, die gelernt haben, geduldig zu warten, bis sie an der Reihe sind.
Es gibt ein seltsames Missverhältnis zwischen der Empörung über fehlende Hilfsbereitschaft und dem eigenen Engagement. Die meisten Leute, die jetzt so vehement die Essener Tafel kritisieren, kämen nie auf die Idee, Lebensmittel einzusammeln, um sie dann an Bedürftige zu verteilen. Ich habe ein Foto des Vorsitzenden der Tafel gesehen, der als "Nazi" beschimpft wird. Der Mann erfüllt nicht das Bild des netten Sozialarbeiters, um es mal so zu sagen. Er entspricht eher dem Typ Hausmeister.
Aber so ist das ehrenamtliche Deutschland: Es wird im Wesentlichen von Menschen getragen, die ihren Hund "Arko" oder "Sammy" nennen, die Bierfilz unter das Glas schieben und im Büro Kaffeebecher mit lustigen Sinnsprüchen haben. Es sind genau die Spießer, auf die man in den besseren Vierteln hinabsieht. Dafür packen sie an, wo die anderen davon reden, was getan werden müsste. Spießer gehen regelmäßig zum Blutspenden, sammeln Altkleider und sind bei der freiwilligen Feuerwehr. Man muss hoffen, dass sie nicht eines Tages die Faxen dicke haben und einfach zu Hause bleiben, so wie die Leute, die so verächtlich reden. Das wäre dann für die Flüchtlinge eine schlechte Nachricht und für alle anderen auch.
An dieser Stelle schreiben Jakob Augstein, Jan Fleischhauer und Markus Feldenkirchen im Wechsel.
Von Jan Fleischhauer

DER SPIEGEL 10/2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 10/2018
Titelbild
Der digitale SPIEGEL
Diese Ausgabe jetzt digital lesen

Die digitale Welt der Nachrichten. Mit interaktiven Grafiken, spannenden Videos und beeindruckenden 3-D-Modellen.
Sie lesen die neue Ausgabe noch vor Erscheinen der Print-Ausgabe, schon freitags ab 18 Uhr.
Einmal anmelden, auf jedem Gerät lesen - auch offline. Optimiert für Windows 8, Android, iPad, iPhone, Kindle Fire, BlackBerry Z10 sowie für PC/Mac.

Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Jan Fleischhauer Der schwarze Kanal:
Lob des Spießers