07.02.2000

Toast auf den Spender

Die feine „Atlantik-Brücke“, ein Club zur Vertiefung der deutsch-amerikanischen Freundschaft, war für einige Beteiligte der CDU-Affäre eine ideale Kontaktbörse.
Am vergangenen Dienstag saß ein halbes Dutzend Vertreter deutschamerikanischer Organisationen im "International Club Berlin" zusammen. Die Frage habe wohl jedem auf der Zunge gelegen, erinnert sich ein Teilnehmer, doch keiner habe sich so recht getraut, sie auch zu stellen. Der Staatssekretär im US-Außenministerium Frank Loy redete schließlich nicht mehr drum herum: Ob denn die Ermittlungen in der CDU-Affäre auch die feine "Atlantik-Brücke" in Verruf brächten, wollte er wissen.
Walther Leisler Kiep hätte die Frage am besten beantworten können, denn er ist der Vorsitzende der "Atlantik-Brücke" und war bis 1992 CDU-Schatzmeister. Aber er zog es vor, den 80. Geburtstag seiner Frau Charlotte in Venedig zu feiern. Die Geschäftsführerin des Vereins, Beate Lindemann, versuchte, die Runde zu beruhigen. Die Ermittlungen gegen Kiep würden bald eingestellt, versicherte sie.
Seit Staatsanwälte die schwarzen CDU-Kassen untersuchen, gerät auch die "Atlantik-Brücke" ins Zwielicht, die 1952 gegründet wurde, um "einen Beitrag zur
deutsch-amerikanischen Freundschaft zu leisten". Unter den rund 360 Persönlichkeiten wie dem ehemaligen Hamburger Bürgermeister Klaus von Dohnanyi, dem ehemaligen CDU-Verteidigungsminister Gerhard Stoltenberg oder Top-Managern wie DaimlerChrysler-Boss Jürgen Schrempp und Ex-Deutsche-Bank-Chef Hilmar Kopper tummeln sich etliche Beteiligte der CDU-Affäre.
Casimir Prinz zu Sayn-Wittgenstein, der für die Hessen-CDU Millionen in Liechtenstein versteckte, gehört ebenso dazu wie der Geschäftsmann Karlheinz Schreiber und der Leuna-Vermittler Dieter Holzer. Den Frankfurter Wirtschaftsprüfer Horst Weyrauch beauftragte Kiep 1990, die "Atlantik"-Satzung dem Steuerrecht anzupassen. In dieser Zeit war Weyrauch Gast bei den Mitgliederversammlungen.
Kiep war 1984 auf Vorschlag von Kanzler Kohl zum Vorsitzenden der "Brücke" gewählt worden. Er umwarb in der Hoffnung auf großzügige Spenden vor allem Firmenbosse. Der Geschäftsmann sei ständig auf Tagungen von Wirtschaftsverbänden aufgetaucht und "keilte wie ein Wilder um Mitglieder", erinnert sich der badische Stahlunternehmer Horst Weitzmann.
Eigentlich müssen zwei Bürgen für neue Mitglieder der "Atlantik-Brücke" haften. Für den Geschäftsmann Schreiber allerdings reichte 1991 nur ein prominenter Fürsprecher: der kanadische Premier Brian Mulroney, in dessen Amtszeit Schreiber für Airbus laut Staatsanwaltschaft einen Milliardendeal mit der staatlichen Air Canada vermittelte. Heute lebt der Lobbyist in Toronto und wehrt sich gegen seine Auslieferung nach Deutschland.
Auch für den Geschäftevermittler Holzer machte der Verein eine Ausnahme. Sein Name tauchte weder auf einer Vorschlagsliste noch in anderen Versammlungsprotokollen auf. 1992 war er plötzlich Mitglied, ohne die üblichen Regularien.
Für Holzer wie Schreiber war der Hamburger Verein mit dem guten Ruf, Politiker, Manager, Kaufleute und Journalisten zusammenzubringen, eine ideale Kontaktbörse. Schreibers Bekanntschaft mit der damaligen CDU-Schatzmeisterin Brigitte Baumeister begann bei einem gepflegten Vereinsdinner. Wie bei Wolfgang Schäuble soll sich der Lobbyist ganz unverdächtig als Präsident der Bayerischen Bitumen-Chemie vorgestellt haben.
Auch zum damaligen Rüstungsstaatssekretär Jörg Schönbohm wollte Schreiber 1993 Kontakte knüpfen. Da ging es um das "Bearhead"-Projekt, eine Fabrik für leichte Panzer in Kanada; Schreiber war vom Thyssen-Konzern als Vermittler eingeschaltet worden. Beim Stichwort "Bearhead" habe er jedoch das Gespräch beendet, erzählt Schönbohm, mittlerweile Innenminister in Brandenburg.
Als im Oktober 1993 der ehemalige kanadische Außenminister Allan MacEachen auf einem Symposium der "Atlantik-Brücke" das Große Bundesverdienstkreuz erhielt, tafelte Schreiber mit. MacEachen war für ihn besonders interessant, weil die Panzerfabrik in dessen Wahlkreis gebaut werden sollte. Schreiber übernahm die Rechnung für das Festmenü.
Wie dankbar er Kiep für die unorthodoxe Aufnahme in den Club war, zeigte er 1994. Als der CDU-Gentleman im Juni mit dem Großen Bundesverdienstkreuz geehrt wurde, traf man sich im großen Kreis im Bonner Restaurant "Redoute". Für das Vier-Gänge-Menü zahlte Schreiber knapp 20 000 Mark. Dafür erhob die Runde das Glas zum Toast auf ihn.
Die Gästeliste war mit Schlüsselfiguren gespickt: Nato-Generalsekretär Manfred Wörner, Verteidigungsminister Volker Rühe, Generalinspekteur Klaus Naumann. Auch wieder dabei: Brigitte Baumeister.
"Die ''Atlantik-Brücke'' war für mich gewaltig wichtig", meint Schreiber heute. Ein Freund von der "Brücke" bewahrte ihn vor kurzem sogar vor dem Gefängnis. Der Präsident der kanadischen Schwestervereinigung, Ex-Justizminister Marc Lalonde, stellte gemeinsam mit anderen Freunden, darunter noch ein Ex-Minister, nach Schreibers Verhaftung im Sommer 1999 die Kaution von 1,2 Millionen kanadischen Dollar.
Bei den deutschen Mitgliedern der "Atlantik-Brücke" aber will sich kaum jemand an den Kaufmann aus Kaufering erinnern. Dass Schreiber Mitglied ist, scheint den meisten entgangen zu sein. In letzter Zeit häufen sich bei Geschäftsführerin Lindemann allerdings besorgte Anrufe.
Der Münchner Historiker Michael Wolffsohn, selbst Mitglied, fordert den Ausschluss von Prinz Wittgenstein, der die Mär von den jüdischen Vermächtnissen an die Hessen-CDU verbreitet hatte. Auch Kiep solle sein Amt ruhen lassen, solange gegen ihn ermittelt werde, meint Wolffsohn: "Wenn die Beschuldigungen zutreffen, dann ist die ''Atlantik-Brücke'' nichts als ''außen hui und innen pfui''." WERNER BLOCH,
MATTHIAS GEBAUER,CHRISTOPH SCHULT
* Oben: im Weltsaal des Auswärtigen Amtes im Juni 1994; rechts: bei einer Veranstaltung der "Atlantik-Brücke" 1992.
Von Werner Bloch, Matthias Gebauer und Christoph Schult

DER SPIEGEL 6/2000
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