07.02.2000

TRAINERListe mit Sprengkraft

Jahrelang kassierten Verbände staatliche Zuschüsse für dopingbelastete Trainer - jetzt hat ein Anwalt verantwortliche Funktionäre wegen schweren Betrugs angezeigt.
Das Verzeichnis liest sich wie der Who's who des deutschen Sports. Prominente Athleten wie die Schwimm-Olympiasieger Kristin Otto und Roland Matthes oder die ehemaligen Leichtathletik-Weltmeister Marlies Göhr und Heike Drechsler sind dort zu finden. Auch die Namen des Biathlon-Bundestrainers Frank Ullrich und des deutschen Olympiaarztes Joseph Keul tauchen auf.
Jochen Kühl, Justiziar des Deutschen Sportbundes (DSB), hatte sich am 6. April 1992 an die Arbeit gemacht und einen internen Vermerk für seinen Präsidenten Hans Hansen geschrieben. "Liste dopingbelasteter Funktionäre, Trainer und Mediziner" titelte er sein Werk. Auf fünf Seiten führte der Jurist rund hundert Personen auf - die meisten aus dem Osten, aber einige wenige kamen auch aus dem Westen der Republik.
In acht Sitzungen hatte zuvor die so genannte Ad-hoc-Kommission des DSB die Dopingpraxis in Deutschland aufzuarbeiten versucht. Am Ende identifizierte das Aufklärungsgremium viele Täter, Opfer, Konsumenten, Mitwisser und Verschwörer - und Kühl war die Aufgabe zugekommen, dem damaligen Chef des deutschen Sports Report zu erstatten.
Doch niemand wusste anschließend so recht, was mit dem angesammelten Wissen geschehen sollte; es blieb bei zarten, nicht bindenden Empfehlungen an die Fachverbände. So wanderte Kühls pikante Liste ebenso ins Archiv des DSB wie die streng geheimen Protokolle der Kommissionssitzungen.
Doch was ewig im Dunkeln lagern sollte, wurde unversehens ein Fall für die Behörden. Die Berliner Staatsanwaltschaft, die wegen des Verdachts der Körperverletzung gegen Verantwortliche des DDR-Dopings ermittelte, stattete dem Sportbund einen Besuch ab und holte die Dokumente ab. Auf Umwegen landeten Kopien schließlich in einer Rechtsanwaltskanzlei im holsteinischen Oldenburg. Und nach Durchsicht der umfangreichen Akten stellte der im Sportrecht versierte Anwalt Henning Andrees am 6. Januar Strafanzeige.
Andrees sieht in der jahrelangen Unterdrückung der Akten einen "besonders schweren Fall des Betruges": Die deutschen Verbände hätten Gelder für Trainer beim Bund beantragt und kassiert, von denen sie wussten, dass sie dopingbelastet gewesen seien. Dies verstoße eindeutig gegen die Auflagen der Bundesregierung, die nur dopingfreien Sport für förderungswürdig halte.
Der Vorgang hat für den deutschen Sport hohe Sprengkraft. Die Funktionäre werden sich erneut dem Vorwurf stellen müssen, die eigene Dopingvergangenheit nur so weit aufgeklärt zu haben, wie es den Verbandskassen und der Medaillenbilanz nicht abträglich war.
Schlimmer: Den Funktionären drohen nicht nur Anklagen, sie müssen sogar damit rechnen, dass der Bund Fördergelder in zweistelliger Millionenhöhe zurückfordert.
Nach der Einheit stiegen die Fördermittel des Bundes dramatisch an. 355,6 Millionen Mark gab Bonn 1990 für den Spitzensport aus, allein das Honorar der Trainer verdoppelte sich auf 30,2 Millionen Mark. Gekoppelt war die Auszahlung indes an die strikte Beachtung des Dopingverbots. Das nach der Haushaltsordnung "erhebliche Bundesinteresse", schrieb das zuständige Innenministerium am 25. Januar 1991 an den DSB, sei bei jenen Trainern nicht gegeben, "die sich dem Verdacht von Leistungsmanipulationen unter Verstoß gegen das Doping-Verbot aussetzen". Die Überprüfung der Trainer legte Bonn jedoch ausdrücklich in die Hand der Sportfunktionäre.
Und in der Tat fand die eigens gegründete Ad-hoc-Kommission unter Vorsitz des späteren DSB-Präsidenten Manfred von Richthofen in Unterlagen sowie durch Zeugenaussagen starke Verdachtsmomente. Doch nicht nur in eindeutigen Fällen wie dem des Leichtathletik-Trainers Edwin Tepper (siehe Kasten Seite 134), in denen die Kommission von einer Weiterbeschäftigung abriet, blieben die Fachverbände untätig. Stattdessen scheffelten sie weiter Geld vom Bund.
Die Funktionäre hätten auf diese Weise "den Irrtum erregt", sagt Anwalt Andrees, als seien die Trainer nicht vorbelastet - und das über viele Jahre hinweg. Durch diesen Betrug habe der Staat hohe Vermögensverluste erlitten.
Beispielhaft für die fragwürdige Unterstützung mit Steuergeldern seien die Schwimmtrainer Volker Frischke und Dieter Lindemann, der dem Deutschen Schwimmverband als Betreuer des Schwimmsternchens Franziska van Almsick unverzichtbar schien. Die beiden waren frühzeitig beschuldigt worden, in der DDR Dopingmittel verabreicht zu haben. Auch die DSB-Kommission schlug weitere "Einzelfallprüfungen" vor.
Die beiden Berliner erhielten einen Langzeitvertrag und werden bis zum heutigen Tag mit öffentlichen Mitteln gefördert - und dies, obwohl Frischke 1998 vor dem Landgericht Berlin in einem Verfahren wegen Körperverletzung unter Androhung von Beugehaft die Gabe von Dopingmitteln zugegeben hatte.
Das Beispiel Frischke fand Nachahmer. Viele Trainer haben inzwischen gegenüber der Berliner Staatsanwaltschaft ihre Verwicklung ins Dopingsystem eingestanden. Auf diesem Weg kamen beschuldigte Betreuer wie DSV-Cheftrainer Winfried Leopold mit Geldbußen davon. Arbeitsrechtliche Folgen haben sie durch die Geständnisse bis jetzt nicht zu fürchten. Die Verbände, so ein Berliner Gericht, hätten ja schon bei der Einstellung gewusst, dass sie sich dopingbelastete Betreuer ins Haus holen.
Auch die Ächtung des westdeutschen Diskus-Bundestrainers Karlheinz Steinmetz blieb nur von kurzer Dauer. Die Kommission empfahl: "Trennung von Steinmetz wegen Doping-Vergangenheit."
Doch dann begab sich Weltmeister Lars Riedel unter die Obhut des Belasteten - inzwischen zählt Steinmetz längst wieder zum Tross der Nationalmannschaft. Die Jagd nach Medaillen ging eben noch stets über die Moral.
Immer wieder haben Dopingforscher wie der Potsdamer Historiker Giselher Spitzer oder der Heidelberger Molekularbiologe Werner Franke die Verbände mit Dokumenten über belastete Trainer versorgt - fast ausnahmslos ohne Folgen. Auch DSB-Präsident von Richthofen beklagt inzwischen, dass einige Verbände die Warnungen leichtfertig ignoriert haben.
Andrees' Strafanzeige, die an den Generalbundesanwalt gerichtet war, ist inzwischen an die zuständige Staatsanwaltschaft in Bonn weitergeleitet worden. Dort sieht man vorerst noch von der Einleitung eines Ermittlungsverfahrens ab. Die Begründung: Aus den beigebrachten Unterlagen gehe nicht hervor, ob sich die vom Innenminister geforderte Absage ans Doping auch auf Fälle aus der Vergangenheit bezieht.
Das wissen die beschuldigten Verbände besser. Natürlich betreffe das Verdikt aus Bonn auch zurückliegende Pillengaben, weiß man beim DSB in Frankfurt. Nur, sagt dessen Sprecher Harald Pieper: "Nach der Vereinigung hat es eine Verbrüderungseuphorie gegeben. Da waren wir geneigt, an das Gute zu glauben." UDO LUDWIG
Von Udo Ludwig

DER SPIEGEL 6/2000
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