10.03.2018

StaatsoberhauptWenig geeignet

Bundespräsident Heinrich Lübke ist am Ende als Witzfigur in die bundesrepublikanische Geschichte eingegangen. Das wird dem Mann nicht gerecht und ist nicht fair – aber unterhaltsam.
Soll keiner sagen, er sei nicht gewarnt gewesen: "Ich bin für das Amt eigentlich wenig geeignet. Es hätte bestimmt bessere Kandidaten als mich gegeben", bekannte Lübke bereits zu seiner Amtseinführung, und damit hatte er zweifellos recht. Er hatte oft recht. "Indonesien besteht aus Inseln, die liegen teils nördlich, teils südlich vom Äquator, und dazwischen ist eine Menge Wasser" – stimmt. Es wäre schön, wenn "in unseren Familien der gemeinsamen Dichterlesung wieder mehr Raum gegeben werden" könnte – ja, das wäre lustig.
Bundespräsident zu werden, war sicher nicht die Idee des Landwirtschaftsministers. Allein als CDU-Greis Adenauer sich 1959 entschied, nicht selbst für das Amt zu kandidieren, brauchte er aus Gründen der Parteiarithmetik einen katholischen Kandidaten frei von störenden Ambitionen. Der 64-jährige Lübke war "nicht der Mann, Nein zu sagen", ein "spezifischer Mangel an Selbstkritik und seine wilhelminische Idee von Pflichterfüllung hinderten ihn daran".
Anfangs ließ sich das gut an, der Sauerländer machte die Entwicklungshilfe zu seinem Hauptanliegen. Den Hunger bekämpfen – daran war nichts Schlechtes, es führte Lübke aber in viele ferne Länder, die nicht immer ganz leicht auseinanderzuhalten waren. In Chiles Hauptstadt beteuerte er, wie wohl er sich in Peru fühle und pries deren Nationalhelden Simon Bolivar, der – man hätte es ahnen können – "Boliviens Hero" war. Er begrüßte die Gattin des madagassischen Präsidentenkollegen als "Frau Tananarive", womit er immerhin die Hauptstadt der Insel korrekt benannt hatte. An "Peinlichkeiten herrschte kein Mangel", auch wenn nicht wenige vermeintliche Lübke-Zitate – wie das berühmte "Equal goes it loose" – böswillige Erfindungen von SPIEGEL-Redakteuren waren, deren Reiz darin bestand, dass die Leute dem Bundespräsidenten selbst die dämlichsten Aussprüche zutrauten. Wo war da eigentlich die legendäre SPIEGEL-Dokumentation?
Bei seiner Wiederwahl 1964 kam ihm wiederum das parteipolitische Kalkül zu Hilfe – diesmal das der SPD, die den Befürworter einer Großen Koalition vorschlug. In seiner zweiten Amtszeit geriet der Bundespräsident immer mehr zu einem "bevorzugten Objekt der Kabarettisten und der Karikaturisten". Auch abseits der Versprecher irritierte er Volk und Parteigenossen. Wochenlang verweigerte er die Ernennung des designierten Außenministers Gerhard Schröder, weil er ihn für "unerträglich arrogant" hielt. Leuten, die ihm nicht passten, wollte er keine Orden verleihen, gerade als ob er darüber zu entscheiden habe. Dann wieder geriet er in den Verdacht, das wahre Alter seiner neun Jahre älteren Ehefrau Wilhelmine verschleiern zu wollen. Was Schröder angeht, lag Lübke vollkommen richtig, in der Ordensfrage manchmal nicht minder, und der "Geburtstagstick" war "allem Anschein nach nichts weiter als ein Produkt eines bürokratischen Zufalls, verbunden mit weiblicher Eitelkeit", wie der SPIEGEL gönnerhaft meinte.
Doch dann kamen aus dem Osten die bösen Worte "KZ-Baumeister". In der DDR waren Baupläne entdeckt worden, die bewiesen, dass während der Nazi-Zeit unter Lübkes Leitung Baracken für KZ-Häftlinge errichtet worden waren. Als die Vorwürfe publik wurden, kamen aus Bonn umgehend "voreilige Dementis", die den Effekt der DDR-Propaganda "eher verstärkt als gemindert" haben. Von "Verleumdungsaktionen" und gefälschten Unterschriften war die Rede, Innenminister Paul Lücke ließ ein Gutachten anfertigen, das so wenig überzeugte, dass es am Ende die SED-Version eher bestätigte als widerlegte. Im Kern waren die Unterlagen echt, wie der Historiker Jens-Christian Wagner 2001 im SPIEGEL erklärte.
So sei es denn wohl wahr, schrieb der SPIEGEL 1972 in seinem Nachruf, dass Heinrich Lübke "die deutsche Nation verkörpert hat – das, was an ihr tüchtig ist, und das, was an ihr kläglich ist". 1967 war SPIEGEL-Herausgeber Rudolf Augstein in seinem Urteil noch unversöhnlicher: "Die Fehleinschätzung seiner Geistesgaben, kombiniert mit seiner unerschütterlichen Selbstgerechtigkeit, entfaltet sich allgemach zu einem politischen Skandal."

DER SPIEGEL 11/2018
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