17.03.2018

AffärenLuxus aus dem Lagerhaus

Das Modelabel Gucci soll etliche Topmanager zum Schein in der Schweiz angestellt haben, um den Fiskus in Italien auszutricksen.
Zum Beispiel Robert Triefus. Es gibt einen Raumplan, in dem findet man den Marketingchef von Gucci genau da, wo ihn jeder vermutet: in Mailand, im Gucci-Hauptquartier. In der Skizze steht sogar Triefus' Name auf einem Schreibtisch, in einem schönen Eckbüro mit 38 Quadratmetern, erste Etage. Drum herum sitzt seine ganze Abteilung; kurze Wege, schnelle Absprachen, der Chef Tür an Tür mit seinen Leuten. Perfekt.
Diese Raumskizze ist nun ein Problem. Für Triefus, aber erst recht für Gucci, eines der größten Luxuslabels der Welt, gegen das in Italien gerade wegen Steuerhinterziehung in Milliardenhöhe ermittelt wird. Denn offiziell, für die Steuer, hatte der Gucci-Marketingchef in den vergangenen Jahren seinen Arbeitsplatz gerade nicht im Gucci-Hauptquartier. Sondern angeblich 80 Kilometer entfernt, in der Schweiz, in einem ordinären Zentrallager mit angeschlossenem Bürotrakt. Und nicht nur er: Ganze Abteilungen, die offenbar in Mailand gearbeitet haben, saßen offiziell im Tessin. Sogar Autos mit Schweizer Nummernschildern und Handys mit Schweizer Anschluss soll die Firma ihren Managern besorgt haben, um alles echt aussehen zu lassen.
Der Effekt: Statt in Italien zahlte die Firma Steuern in der Schweiz, deutlich weniger natürlich. Ende November durchsuchte deshalb die italienische Steuerfahndung die Gucci-Zentralen in Mailand und Florenz. Besonders genau filzten sie das Büro von Triefus. Der Verdacht der Fahnder: dass Triefus und die anderen genau hier arbeiteten – nicht im Ausland.
Schon vor Wochen hatte das französische Onlinemagazin Mediapart.fr mit dem SPIEGEL und Partnern des Journalistennetzwerks European Investigative Collaborations (EIC) enthüllt, wie Gucci und der französische Mutterkonzern Kering viele Millionen Euro Steuern sparen wollten. Gucci-Boss Marco Bizzarri erhielt einen Arbeitsvertrag mit einer Briefkastenfirma in Luxemburg und täuschte offenbar einen Wohnsitz in der Schweiz vor. Von 9,5 Millionen brutto im Jahr blieben so 8 Millionen netto übrig ( SPIEGEL 5/2018).
Nun zeigt sich: Das Schweizermachen war wohl kein Einzelfall, sondern eine beliebte Methode, um den italienischen Fiskus zu umkurven. Nach Berechnungen des EIC-Netzwerks könnte so allein Gucci seit 2009 rund 1,4 Milliarden Euro am Fiskus vorbeigeschleust haben, der ganze Kering-Konzern, zu dem auch die Modemarken Yves Saint Laurent und Stella McCartney gehören, sogar zwei Milliarden.
Wie es aussieht, bediente sich Kering der üblichen Tricks, um die Abgaben zu drücken: etwa Firmen, die kreuz und quer über die Landkarte gestreuselt werden und so gut wie nichts zu tun haben. So hat die in Amsterdam sitzende Kering Holland NV offenbar nur drei Mitarbeiter, sammelt aber unter ihrem Dach enorme Umsätze. Die Holland-Klitsche hält nämlich alle Anteile an einer Kering-Tochter in Luxemburg, einer reinen Briefkastenfirma. Der wiederum gehört in der Schweiz die Luxury Goods International (LGI).
Diese Firma hat die Lizenz zum Gelddrucken. Gucci räumte ihr das exklusive Recht ein, Gucci-Waren weltweit zu verkaufen. Dazu laufen die Luxusartikel durch ein riesiges Lagerhaus der LGI im Tessin – und durch ihre Bücher. Die dortigen Steuerbehörden geben sich hinterher mit einem Steuersatz von rund 8 Prozent zufrieden. In Italien wären dagegen 31 Prozent fällig gewesen. Dort, wo auch ein Großteil der Ware produziert wird, zahlte Gucci von 2013 bis 2016 gerade mal 100 Millionen Euro Steuern, und das bei Milliardenumsätzen. Dass Italien kaum etwas abbekommt, gilt nicht nur für die Einnahmen aus dem Verkauf, sondern auch für Einkommensteuern und Sozialabgaben von rund 20 Topmanagern. Die waren offiziell bei einer Schwesterfirma der LGI angestellt, der Luxury Goods Services, ebenfalls im Tessin, ebenfalls steuergünstig.
Vergangenes Jahr fielen der Staatsanwaltschaft nun Papiere in die Hände, wonach die Schweizer LGI tatsächlich von Gucci in Italien geführt wird. Die Manager mit den LGI-Arbeitsverträgen saßen demnach nur zum Schein in der Schweiz, Marketingchef Triefus zum Beispiel.
Stutzig machte die Steuerfahnder auch, dass Gucci in Mailand immer noch ein komplettes Verkaufsteam unterhält – warum, wenn Gucci nichts mehr mit dem Verkauf zu tun haben will, weil doch angeblich alles von der LGI in der Schweiz gemacht wird? Wieder glauben die Fahnder zu wissen, wie es wirklich lief: Die Gucci-Mannschaft habe für LGI die Arbeit erledigt, von Mailand aus, nicht in der Schweiz.
Dann aber wären wohl auch die Erträge – angeblich rund sieben Milliarden Euro von 2009 bis 2017 – in Italien zu versteuern gewesen, und das könnte den Konzern jetzt Milliarden kosten.
Gucci war zu keiner Stellungnahme bereit. Konzernmutter Kering sagt, man habe durch die Firmen in Luxemburg und Holland "keine Steuervorteile" gehabt. Das Unternehmen sei zuversichtlich, alles korrekt versteuert zu haben, und teilt mit, dass den "Steuerbehörden in der Schweiz, Italien und Frankreich die Situation bekannt" sei.
Doch die Sache ist womöglich ernster, als es die Bosse in Paris verlauten lassen; dafür spricht jedenfalls, wie die Konzernspitze sich zurückzieht. Gucci-Chef Bizzarri hat inzwischen seinen Wohnsitz wieder in Italien angemeldet und Millionen an Steuern nachgezahlt. Kering-Patron François-Henri Pinault verließ schon 2016, zeitgleich zu den ersten Ermittlungen, überraschend die niederländische Tochter; zwei seiner Topmanager gaben ihre Jobs bei Kering Holland, Kering Luxemburg und der Schweizer Luxury Goods International auf. Es sieht fast so aus, als wäre den Chefs die Weiterfahrt in den Steuervehikeln zu riskant geworden.
Von Rafael Buschmann, Jürgen Dahlkamp, Gunther Latsch und Jörg Schmitt

DER SPIEGEL 12/2018
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