24.03.2018

SommermärchenGelöscht

 Auf dem Laptop eines hohen DFB-Managers fanden Ermittler ein brisantes Dokument. Darin heißt es, die WM 2006 sei gekauft.
Es ist nur ein einziger Satz. Knapp zwei Zeilen in einem dicken Aktenordner der Staatsanwaltschaft Frankfurt, die seit 2015 gegen drei ehemalige Funktionäre des Deutschen Fußball-Bundes im Zuge der Vergabe der Weltmeisterschaft 2006 ermittelt.
Es sind Zeilen, die geeignet sind, die Verteidigungslinie des Deutschen Fußball-Bundes in der Affäre um das Sommermärchen zu zerstören: die Behauptung des DFB-Präsidenten Reinhard Grindel, es gebe "keinerlei Anzeichen, dass die WM gekauft wurde".
Die Worte, die diese Feststellung ins Wanken bringen, stehen am Ende eines PDF-Dokuments, das die Frankfurter Fahnder auf dem Laptop von Horst R. Schmidt, dem ehemaligen Vizepräsidenten des WM-Organisationskomitees (WM-OK), gefunden haben – im Ordner "Gelöschte Elemente".
Die Datei trägt eine verräterische Überschrift: "Agenda der schwarzen WM-Kasse". In dem Text geht es um einen Kredit in Höhe von 10 Millionen Schweizer Franken, 6,7 Millionen Euro, den der ehemalige Adidas-Chef Robert Louis-Dreyfus im Jahr 2002 Franz Beckenbauer, damals Chef des WM-OK, gewährt hatte. Beckenbauer überwies das Geld ins Emirat Katar, auf ein Konto des damaligen Fifa-Funktionärs Mohamed Bin Hammam, den der Fußball-Weltverband später wegen Korruption lebenslang gesperrt hat. Wofür Bin Hammam das Geld bekam, liegt nach wie vor im Dunkeln (SPIEGEL 43/2015).
Für den Verfasser des Dokuments indes, mutmaßlich Schmidt selbst, scheint der Fall klar. Im Oktober 2015, wenige Tage nach der SPIEGEL-Enthüllung über den dubiosen Millionentransfer, notiert er, ihm sei bisher nicht bekannt, was mit dem Geld passiert sei und wer darüber verfügt habe. Sicher sei nur, dass damit zwei Jahre nach der Vergabe der WM Geld für das Abstimmungsverhalten geflossen sei. Kein Konjunktiv, kein Fragezeichen und kein Zweifel. Die WM in Deutschland, da ist der Autor "sicher", wurde gekauft.
Die Datei ist ein großer Unglücksfall, für den DFB. Schon der damalige DFB-Präsident Wolfgang Niersbach hatte im Oktober 2015 jene Linie vorgegeben, an die sich der Verband bis heute hält: "Es hat keine schwarzen Kassen gegeben, es hat keinen Stimmenkauf gegeben."
Der Verband hatte die Anwaltskanzlei Freshfields beauftragt, um die Sommermärchen-Affäre aufklären zu lassen. Rund neun Millionen Euro Honorar sollen dafür geflossen sein. "Ich glaube, dass es im Sport keine vergleichbar transparente und intensive Untersuchung solcher Vorgänge gegeben hat", lobte DFB-Vize Rainer Koch nach der Veröffentlichung des Freshfields-Berichts.
Doch seit gut einem Jahr häufen sich die Indizien, dass es die Anwälte mit der Transparenz doch nicht so genau genommen haben. Etwa bei einer verschlüsselten Datei auf einem Rechner des DFB, die ein im Zuge der Affäre gefeuerter Mitarbeiter angelegt hatte. Freshfields und der DFB gaben sich überraschend wenig Mühe, diese Datei zu knacken – obwohl sie in einem Ordner mit dem Namen "Erdbeben" schlummerte. An die Staatsanwaltschaft schicken mochte man den Fund auch erst mal nicht. Im Freshfields-Report taucht der Ordner nur in einer Fußnote auf. Ohne das Alarmwort "Erdbeben".
Dass nun auch die auf Schmidts Laptop sichergestellte Datei den Eindruck verstärkt, der DFB sei nicht an der ganzen Wahrheit über das Sommermärchen interessiert, wiegt schwer. Denn Schmidt, einer
jener Ex-Funktionäre, gegen die die Frankfurter Staatsanwaltschaft ermittelt, ist beileibe kein Nobody. Als "geschäftsführender Vizepräsident des Organisationskomitees" war er "nach Franz Beckenbauer der mächtigste und wichtigste Mann für die Deutschen bei der WM", wie das "Hamburger Abendblatt" kurz vor Eröffnung des Turniers 2006 schrieb. Ein Mann wie Millimeterpapier: kleinkariert und absolut genau. Der Mann, der alles wusste und alles zusammenhielt, wie Beckenbauer in einem Interview zur WM-Affäre in der "Süddeutschen Zeitung" sagte: "Auf den Horst lasse ich überhaupt nichts kommen. Der war der Macher und der Malocher, der war der Garant dafür, dass es eine so gute Weltmeisterschaft wurde."
Schmidts Verteidiger Bernd Groß reagierte auf einen mehrere Punkte umfassenden Fragenkatalog des SPIEGEL zur gelöschten, von den Ermittlern entdeckten und gesicherten Datei mit nur einem Satz: "Herr Schmidt ist nicht der Verfasser des Dokuments." Die Frage, wer denn die Datei auf Schmidts Rechner erstellt und den Text verfasst habe und wie das Dokument auf Schmidts Laptop komme, ließ er unbeantwortet.
Rafael Buschmann, Jürgen Dahlkamp, Gunther Latsch, Jörg Schmitt

Aktualisierung

DFB sieht keine Relevanz

Nach Angaben des DFB-Mediendirektors Ralf Köttker hatte »die neue Führung des DFB keine Kenntnis von dem Dokument«, wohl aber DFB-Anwalt Jan Olaf Leisner: Der habe jedoch »keine Ver­anlassung gesehen, die DFB-Führung (…) zu informieren«. Einer der Gründe: Die ­Datei weise »weder ein Datum noch einen Urheber oder Absender« auf. Das ist, ­zumindest im Hinblick auf das Datum, falsch, denn der Dateiname lautet: »2015_10_26_17_49_55.pdf«. Im Klartext: 26. Oktober 2015, 17.49 Uhr und 55 Sekunden. Ob dies den Zeitpunkt der Erstellung oder den der letzten Änderung markiert, ist unklar. Am 17. und 24. Oktober hatte der SPIEGEL in zwei Titelgeschichten über die Sommermärchen-Affäre berichtet. Als zweiten Grund für die Zurückhaltung des DFB-Rechtsvertreters nennt Köttker die angeblich mangelnde »Relevanz« des Dokuments, »weil es keinerlei Tatsachenfeststellungen« enthalte. Angesichts der Klarheit des Textes auf Schmidts Laptop (»Sicher ist nur, dass damit zwei Jahre nach der Vergabe der WM Geld für das Abstimmungsverhalten geflossen ist«) eine erstaunliche Aussage. Weiter wolle sich »der DFB dazu aktuell nicht einlassen, sondern die (…) Arbeit der Ermittlungsbehörden abwarten«. Gunther Latsch
Stand: Freitag, 17.30 Uhr

* Theo Zwanziger, Franz Beckenbauer und Wolfgang Niersbach am 18. November 2005 in Frankfurt am Main.
Von Rafael Buschmann, Jürgen Dahlkamp, Gunther Latsch und Jörg Schmitt

DER SPIEGEL 13/2018
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