24.03.2018

Archäologie"Fernbedienung als Grabbeigabe"

Der Archäologe Josef Mühlenbrock, 49, Leiter des Westfälischen Landesmuseums in Herne, über die soeben eröffnete Ausstellung "Irrtümer & Fälschungen"
SPIEGEL: Die beiden Geistesgrößen Otto von Guericke und Gottfried Wilhelm Leibniz hielten Säugetierknochen im 17. Jahrhundert für Einhornfossilien, der Bügel eines alten Eimers galt jahrzehntelang als Teil einer wertvollen Fürstenkrone – darf man hoffen, dass sich die Archäologen und Paläontologen der Gegenwart weniger Unsinn zusammenreimen, wenn sie neue Funde zu entschlüsseln versuchen?
Mühlenbrock: Da kann ich die Leser beruhigen. Wir haben heute eine deutlich bessere Material- und Quellenbasis sowie Analysemethoden, mit denen man viele Fundstücke auf Jahrzehnte genau datieren kann. Auch moderne Goldartefakte lassen sich oft von jenen unterscheiden, die mehrere Tausend Jahre alt sind. Im 19. Jahrhundert tappte man da noch eher im Dunkeln – und das wurde unter anderem dem Louvre zum Verhängnis.
SPIEGEL: Inwiefern?
Mühlenbrock: Ausgerechnet am 1. April 1896 kaufte das Museum für die damals gewaltige Summe von 200 000 Francs eine helmförmige Krone, die wir in unserer Ausstellung zeigen. Die "Tiara" stammte angeblich aus dem dritten Jahrhundert vor Christus und sollte einem Skythenherrscher namens Saitaphernes gehört haben. Es war eine Sensation! Blöderweise meldete sich einige Jahre später ein völlig unbekannter Goldschmied aus Odessa und teilte mit, dass er die Kopfbedeckung gebastelt habe.
SPIEGEL: Gehen Sie davon aus, dass etliche Objekte in deutschen archäologischen Museen Fälschungen sind?
Mühlenbrock: Das ist durchaus möglich, und einige könnten von einem armenischen Fälscher namens Oxan Aslanian stammen. Im Berlin der 1920er Jahre war er ein bedeutender Händler und bediente den Markt mit schönen ägyptischen Reliefs und Skulpturen, von denen einige in unserer Schau zu sehen sind. Erst 1971 flog auf, dass Aslanian Museen und Sammlern neben eindrucksvollen Originalen auch exzellent gemachte Fälschungen angedreht hatte.
SPIEGEL: Vor Fehlinterpretationen dürften auch die Wissenschaftler der Zukunft nicht gefeit sein.
Mühlenbrock: Wahrscheinlich nicht. Wir zeigen in unserer Ausstellung eine Graphic Novel über einen Archäologen, der im Jahr 4022 ein einstöckiges US-Motel aus dem 20. Jahrhundert ausgräbt und es für eine Totenstadt mit prächtigen Grabkammern hält. Die Schlüsse, die dieser fiktive Forscher zieht, erscheinen durchaus logisch. Gut möglich, dass ein zukünftiger Archäologe die Fernbedienung eines Fernsehers für eine wertvolle Grabbeigabe hält.
Von GUI

DER SPIEGEL 13/2018
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