14.04.2018

Schmiergelder  »Gern den Gefallen tun«

Kredithilfen für Tonga, ein Bus für Russland: Bislang unbekannte Akten zeigen, wie der DFB Freundschaften pflegte.
In der Geschichte des Weltfußballs ist Tonga nur eine Randnotiz. Ganze 55 Länderspiele hat die Nationalmannschaft des Südseearchipels bestritten – in 40 Jahren. Gewonnen hat sie so gut wie nie, und wenn, gegen Nachbarn wie die Cookinseln oder Amerikanisch-Samoa. Die Platzierung in der Fifa-Weltrangliste ist entsprechend: null Punkte, Platz 206.
Der Deutsche Fußball-Bund (DFB) ist ähnlich bedeutungslos – für die Historie der Seefahrt im Südpazifik. Dennoch gab es einen Punkt, an dem der Fußballzwerg Tonga und die Kickerweltmacht DFB zum Wohle des Schiffsverkehrs in der polynesischen Inselwelt an einem Strang zogen.
Am 6. Dezember 2004 schrieb der damalige DFB-Präsident Gerhard Mayer-Vorfelder einen Brief an den »Bundesminister des Innern Herrn Otto Schily«. Darin ging es um die Frage, ob die Bundesregierung »dem Land Tonga« die Restschuld eines 20 Jahre alten Darlehens erlassen könne. Zwei Schiffe hatte der Inselstaat von dem Geld gekauft. Etwa sechs Millionen US-Dollar waren noch offen.
Ein Anliegen, offenbar so heikel, dass Mayer-Vorfelder rhetorische Manndeckung für geboten hielt. Er sei sich »darüber im Klaren, dass diese Vorgehensweise bei Weitem nicht den üblichen diplomatischen Gepflogenheiten entspricht«. Er wolle »aber dem Generalsekretär der Tonga Football Association«, der ihn darum gebeten habe, »gerne den Gefallen tun und Ihnen den Vorgang vorlegen«.
Was für eine Konstellation! Zwei Fußballfunktionäre und ein Innenminister, der helfen soll, einen Auslandskredit zu erlassen. Der Brief und ein Schreiben der Tonga Football Association sind Teil eines Aktenkonvoluts, das erst jetzt im Nachgang der Sommermärchen-Affäre (SPIEGEL 43/2015) auftaucht.
Der Fall Tonga zeigt, in welchem Ausmaß sich der DFB im Umfeld der Fußball-WM 2006 dem dubiosen Finanzgebaren im Weltfußball unterworfen hat. Der winzige Inselstaat wollte offenbar ebenso von der Entscheidung für Deutschland profitieren wie andere Länder, die dem DFB in einem Reigen schmierigen Gebens und Nehmens verbunden waren.
Warum sonst kümmerte sich der DFB-Präsident um Schiffskredite? Warum wandte sich Mayer-Vorfelder an Schily – und nicht an die damals für Entwicklungshilfe zuständige Ministerin Heidemarie Wieczorek-Zeul? »Weil die Tongaer auf der Fußballschiene mit Dankbarkeit rechnen konnten«, wie ein Insider meint.
Denn Schily saß im Aufsichtsrat des Organisationskomitees der WM, und die Fußballfunktionäre des Inselreichs hatten jenen Mann unterstützt, der im Juli 2000 die eine Stimme Mehrheit für den WM-Ausrichter Deutschland ermöglicht hatte: Charles Dempsey, Präsident des Fußballverbands von Ozeanien. Nach einem Patt im vorletzten Wahlgang verließ er fluchtartig die Fifa-Zentrale in Zürich und verhalf Deutschland so zur Mehrheit.
Rechneten die Südseeinsulaner deshalb mit einer Dankeschön-Spende des WM-Ausrichters? Die Verantwortlichen des Fußballverbands wissen angeblich nichts über den Vorgang, der auch in ihrem Archiv liegt. »Die neue Führung des DFB hat von den in Ihren Fragestellungen beschriebenen Vorgängen keine Kenntnis«, heißt es auf Anfrage.
Eine Antwort, die auch für einen anderen Fall aus der Schublade anrüchiger DFB-Deals gilt: ein Fax, das Wjatscheslaw Koloskow, der Präsident der Russischen Fußballunion, am 17. April 2000 in die DFB-Zentrale schickte. Betreff: »Financial Aid« – Finanzhilfe.
Der Mercedes-Bus der A-Nationalmannschaft sei kaputt (»has broken down«), klagte Koloskow, einen neuen könne sich der Verband nicht leisten. Vielleicht wäre es ja dem DFB möglich, bei seinem Sponsor Mercedes ein »optimales Modell zum optimalen Preis« zu finden. »Wir wären auch dankbar, wenn der DFB einen Teil des Kaufpreises übernehmen könnte«, wie Koloskow ungeniert schreibt.
Den Kollegen in der Frankfurter DFB-Zentrale war der Wunsch des Russen allem Anschein nach Befehl. »Dringende Bearbeitung« hat einer auf das Fax geschrieben. Gleich darunter der Eintrag »Herr Kolo ( Koloskow –Red.) setzt sich immer wieder vehement für den DFB ein«.
Vor allem in Mayer-Vorfelders Wahlkampf um einen Platz im Uefa-Exekutivkomitee war der Funktionär der Russischen Fußballunion offenbar eine Bank.
In einer DFB-internen Aufstellung mit der Überschrift »Stimmzusagen/spezielle Bewerbungsmaßnahmen« aus dem Jahr 2000 ist Koloskow als eine Art Garant für die Stimmen von Albanien, Armenien, Aserbaidschan, Weißrussland, Moldau und der Ukraine gelistet. Kein Wunder, dass auf seinem Bettelfax gleich gerechnet wird: »Neoplan Cityliner, neu, 530 000 + Vito.«
Über den Cityliner findet sich in den Akten weiter nichts. In puncto »Vito« aber meldete DFB-Generalsekretär Horst R. Schmidt den Russen Ende Mai Vollzug. Dank der »engen Kontakte mit Mercedes-Benz« sei es dem DFB gelungen, einen fabrikneuen Kleinbus mit vielen Extras zu »einem äußerst vorteilhaften Preis« zu bekommen. »Wir schlagen vor, dass der DFB die Kaufsumme vollständig übernimmt.« Eine nette Geste, kurz vor der Wahl des Uefa-Exekutivkomitees.
* Beim Start der Fifa-Kampagnen für Schulen und Vereine zur WM 2006.
Von Rafael Buschmann, Jürgen Dahlkamp, Gunther Latsch und Jörg Schmitt

DER SPIEGEL 16/2018
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