05.05.2018

Eine Meldung und ihre GeschichteHelden

Wie ein Sohn seinem Vater, einem Irak-Veteranen, seinen rechten Arm zurückgab
Es war sein letztes Jahr an der Saint Louis Priory School im westlichen US-Bundesstaat Missouri, einer katholischen Privatschule für Jungen. Da beschloss Robert Frei, 18 Jahre alt und einer der klügsten seines Jahrgangs, seinem Vater einen neuen Arm zu drucken, 50 Zentimeter lang, aus Plastik.
Sein Vater, ein Fan der Cardinals, sollte wieder selbst einen Baseball werfen können, mit der rechten Hand. Zum ersten Mal seitdem er seinen Arm verloren hat, bei einem Angriff im Irak vor 15 Jahren.
Robert Frei erzählt diese Geschichte am Telefon an einem Apriltag, ein halbes Jahr nach seiner Idee. Ein US-Sender hat ihn bekannt gemacht, die BBC über ihn berichtet: ein Junge mit Talent für Maschinenbau, mit schmalem Gesicht und gütiger Stimme; ein Sohn, der seinen Vater einen Helden nennt und sein Idol.
»Meine Kindheit war normal«, sagt Robert. Mit seinem Vater, einem Maschinenbauingenieur, hat er Roboter gebaut aus Lego, den Motor ihres Chrysler Minivan repariert und sich von ihm die Aerodynamik von Flugzeugen erklären lassen, bis ihm keine Fragen mehr einfielen.
Als Robert in der siebten Klasse in den Klub für Robotik aufgenommen wurde, kaufte sein Vater einen 3-D-Drucker. Sie hatten viele gemeinsame Interessen, Vater und Sohn, nur manches konnte Robert nicht mit ihm teilen: wenn der Vater, einst Rechtshänder, einen Baseball warf mit seiner linken Hand und sein Ziel verfehlte. Oder wenn Robert »Mario Kart« oder »The Legend of Zelda« spielte auf der Nintendo Switch, begeistert von der Grafik sprach und sein Vater stumm danebenstand, weil man den Controller nur mit zwei Händen bedienen konnte. Dann sah der Junge den Schmerz in den Augen seines Vaters.
Als Jason Frei seinen rechten Arm verlor, war Robert drei Jahre alt. Er verstand nichts von diesem Krieg, der bis heute etwa 200 000 Menschen getötet hat. Er erinnert sich nur noch daran, dass uniformierte Männer mit einem Brief bei ihnen klingelten. Als sie wieder gingen, erklärte seine Mutter ihm, was mit seinem Vater passiert war.
Am 23. März 2003 fegte ein Sandsturm über den Highway in der irakischen Wüste, nahe Nasirija, als Jason Frei in einem Humvee saß, einem Geländewagen in Tarnfarben und mit Gewehr auf dem Dach. Frei war 31 Jahre alt, und er kommandierte 160 Marines, ausgestattet mit Geschützen, die Dutzende Kilometer weit reichen konnten. Er sollte die Männer von Kuwait nach Bagdad führen, vorbei an Lehmziegelhütten und Sand, bei der Invasion der USA im dritten Golfkrieg. Er, der an den Frieden für sein Land glaubte, kam nie dort an.
Jason Frei hielt eine Landkarte in den Händen, gab dem Hauptquartier die Koordinaten per Funkspruch durch, als eine Panzerfaust irakischer Einheiten die Beifahrertür zerriss und Rauch alles um Frei herum verschluckte. Er musste gar nicht an sich heruntersehen, er wusste: Dort, wo er gerade noch die Karte umklammert hielt, hatte die Waffe ihm den rechten Arm über dem Ellbogen zerfetzt. Der Schmerz, hell und mächtig, durchzuckte ihn erst Sekunden später.
Es verging noch ein Tag, an dem Frei, den Arm abgebunden, mit seinen Kameraden am Straßenrand lag und Granaten neben ihnen herabregneten. Erst als es still war um sie herum, brachte ein Helikopter ihn in ein kleines Lazarett, später ins deutsche Landstuhl in Rheinland-Pfalz, zum größten Militärkrankenhaus der U. S. Army außerhalb der Vereinigten Staaten. Viermal operierten die Ärzte ihn, zogen Granatsplitter aus der Wunde, vernähten Gefäße. Am 30. März flogen sie Jason Frei zurück in die USA.
Robert erinnert sich nur bruchstückhaft an diesen Tag, an dem sein Vater wiederkam mit einer bandagierten Wunde. Wie der die Wochen danach lernte, sich die Schuhe zu binden und ein Vater zu sein mit einer Prothese, an der ein Haken war statt einer Hand. Und er sich umschulen ließ zum Programmmanager.
»Gejammert«, sagt Robert, »hat mein Vater nie.« Über den Krieg habe er mit Stolz gesprochen. Trotzdem merkte der Junge, dass seinem Vater etwas fehlte. Robert baute ihm zuerst einen Adapter, damit er den Controller für Videospiele mit einer Hand bedienen konnte. Ein halbes Jahr später einen ganzen Arm.
Für die erste Erfindung brauchte Robert drei Wochen, hinterher spielte er das erste Mal »Mario Kart« mit seinem Dad. Seine zweite kostete ihn 100 Stunden. Darin filmte er sich selbst beim Werfen, sah sich die Bewegungen an, fotografierte den linken Arm seines Vaters mit dem Handy, setzte die Bilder digital zusammen. Hinterher spiegelte er die Aufnahme, entwarf mit einem Programm für 3-D-Modellierung einen Arm. Stück für Stück druckte er 22 Plastikteile aus, es dauerte zwei ganze Tage, er verband sie mit 14 flexiblen Teilen, damit die Finger sich öffnen konnten. Dann hatte Robert einen Arm, eine Kopie von Jason Freis verlorenem, keinen funktionalen Haken.
Es war ein Freitag im Februar, als Robert mit seinem Vater, der den gedruckten Arm übergestreift hatte, in den Garten ging.
Da griff Jason nach einem Baseball mit der rechten Hand und ließ ihn fallen. Beim vierten oder fünften Mal aber warf er ihn über das Gras. Sein Vater schaute auf seinen Arm, verblüfft und stolz, sagte: »Cool.«
Robert Frei hat die Anleitungen für seine Erfindungen ins Internet gestellt, kostenfrei. Viele Menschen haben sie heruntergeladen, darunter ein gelähmtes Mädchen und ein verwundeter Soldat. »Später will ich mal Ingenieur werden«, sagt Robert. Prothesen bauen für Veteranen, die er Helden nennt – wie seinen Vater.
Von Catrin Schmiegel

DER SPIEGEL 19/2018
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