05.05.2018

WhistleblowerRuhe dank Yoga

 Ein Jahr nach ihrer Freilassung besucht Chelsea Manning Berlin und erzählt von ihrer Zeit in Haft.
Für Chelsea Manning war es eine lange Reise. Die US-Whistleblowerin ist zum ersten Mal seit ihrer Freilassung im Ausland. An ihrem dritten Tag in Berlin holt sie der Jetlag ein. Sie habe kaum geschlafen, sagt sie entschuldigend, müde und blass lehnt sie in einem runden Klubsessel.
Am Vortag war Manning auf der Netzkonferenz re:publica zu Gast. Die Frau, die vor acht Jahren als Obergefreiter Bradley Manning berühmt wurde, weil sie knapp 500 000 vertrauliche Dokumente über die Kriege im Irak und in Afghanistan an die Enthüllungsplattform WikiLeaks weitergegeben hatte, wurde in Berlin bejubelt wie ein Popstar.
Jetzt gibt Manning ihr erstes Interview in Deutschland, in einem alten Fabrikgebäude in Kreuzberg. Unter den hohen Decken wirkt sie noch zierlicher als sonst. Sie trägt eine schwarze Hose, ein schwarzes T-Shirt und schwarze Schuhe mit klobigen Plateausohlen, die ein paar Zentimeter dazumogeln. Ohne Plateau ist Manning 1,57 Meter groß. Um ihren Hals hängt eine kleine silberne Kette mit einem Raute-Zeichen, wie es auf Twitter für Hashtags verwendet wird.
Chelsea Manning ist heute 30 Jahre alt, sieben davon war sie in einem US-Militärgefängnis, teils in Isolationshaft. Die Jahre in Haft haben Spuren hinterlassen, sie weiß das. »Ich habe nahezu mein gesamtes Erwachsenenleben im Gefängnis und beim Militär verbracht«, sagt sie. »Ich beginne gerade erst zu begreifen, wie sehr mich die Haftzeit beeinträchtigt hat.«
Sie habe jetzt mit Yoga angefangen, erzählt sie, so versuche sie, zur Ruhe zu kommen. Nach ihrer Freilassung habe sie erkannt, dass sie auf sich selbst achten müsse. Zu Hause in Bethesda, Maryland, hat sie, die früher nie von ihrem Handy lassen konnte, einen Raum als technikfreie Zone eingerichtet.
Ihren politischen Kampf will sie weiterführen, sie bewirbt sich für die Demokraten um einen Sitz im US-Senat. Für Präsident Donald Trump ist sie eine »Verräterin«, so hat er sie genannt. Es war Trumps Vorgänger, der der zu 35 Jahren Gefängnis verurteilten Manning zur Freiheit verhalf. Nach sieben Jahren Haft verkürzte der scheidende Präsident Barack Obama ihre Strafe.
»Natürlich habe ich damals überlegt, mich in einer Holzhütte im Wald zu verstecken, mich nicht mehr politisch zu engagieren und einfach zur Ruhe zu setzen«, sagt Manning. »Aber alle Dinge, die mich zu meinen Taten getrieben haben, sind während meiner Haftzeit noch viel schlimmer geworden.« Nicht nur in den USA sei der Überwachungsapparat des Staates weiter ausgebaut worden. Der Datenskandal um Facebook und die umstrittene Analysefirma Cambridge Analytica zeige ebenfalls, wie es um die Privatsphäre der Bürger bestellt sei, sagt sie.
Wie fand sie den Auftritt von Facebook-Gründer Mark Zuckerberg, der vor dem US-Kongress Rede und Antwort stehen muss?
»Eine Scheinveranstaltung«, sagt Chelsea Manning. »Wir können uns nicht darauf verlassen, dass die Regierung große Tech-Firmen wie Google oder Facebook einhegt.«
Auf der ganzen Welt seien autoritäre Regime auf dem Vormarsch. »Wir können nicht mehr warten, wir steuern auf einen Punkt ohne Rückkehr zu«, sagt Manning. Die technologische Entwicklung wirke wie ein Brandbeschleuniger. Sie betont die Verantwortung des Einzelnen.
»Ich glaube an die Macht von zivilem Ungehorsam. Als solchen sehe ich mein ganzes Tun, von den Leaks 2010 bis hin zu meiner Arbeit im Gefängnis und danach. Wir müssen die Sache selbst in die Hand nehmen, statt nur nach Veränderung zu rufen.«
Ihr Verhältnis zur Technologie, sagt Manning, habe sich verändert, die Technik bereite ihr nun manchmal Unbehagen: »Ich war früher immer die komische Person, die ständig am Mobiltelefon hing. Einen mobilen Browser zu benutzen war damals merkwürdig. Jetzt machen das alle und kleben an ihren Smartphones. Ich bin da im Vergleich gar nicht mehr so schlimm.«
Dennoch ist sie auf sozialen Netzwerken bemerkenswert präsent, schon kurz nach ihrer Freilassung begann sie zu twittern. Ein Instagram-Foto ihrer Turnschuhe beschrieb sie mit den Worten: »Erste Schritte in Freiheit.« Den zahlreichen Hass-Kommentatoren und Internet-Trollen begegnet Manning auffallend freundlich – und mit vielen Emojis. »Nach allem, was ich erlebt habe, sind das Kinkerlitzchen. Ich wurde in einem Stahlkäfig in der Wüste gefangen gehalten und war nahezu ein Jahr lang allein in einer Zelle. Trolle können mir nichts mehr anhaben«, sagt sie.
Hat sie noch Kontakt zu WikiLeaks-Gründer Julian Assange?
Manning winkt ab. »Wir hatten einen einzigen Berührungspunkt.« Sie habe im Urlaub in den USA damals eigentlich die »Washington Post« und die »New York Times« kontaktiert, doch die Zusammenarbeit habe nicht geklappt.
»Mir lief die Zeit davon«, sagt Manning, nur deshalb habe sie die Dokumente an WikiLeaks weitergegeben. Wie drastisch die Konsequenzen für sie sein würden, habe sie damals nicht geahnt. »Ich dachte, ich würde nur aus der Armee rausgeschmissen.«
Von Angela Gruber

DER SPIEGEL 19/2018
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