12.05.2018

TürkeiDas Ende von Istancool

 Istanbul war bei Touristen so beliebt wie nur wenige andere Städte, es stand für die Versöhnung von Orient und Okzident. Dann kamen Erdoğan und der Terror. Und jetzt?
Baba Zula tritt auf – im Babylon. Noch vor nicht allzu langer Zeit hätte das geheißen: Istanbuls Partyjugend, Hipstervolk und Musikerszene kommt im coolsten Klub der Stadt zusammen, ein euphorischer Abend mitten im Stadtteil Beyoğlu kündigt sich an, dem allzeit bebenden Herzen der jungen Türkei. Baba Zula und Babylon, die beiden Namen versprachen rauschende Partys, auf denen die Jugend der Stadt und Touristen aus Berlin, New York und Paris sich selbst feierten, die Liebe und das Leben.
An diesem Abend wird Baba Zula, eine türkische Rockband, zwar wieder einmal ein Konzert geben, und das Babylon wird auch wieder einmal voll sein – aber viel hat sich in den vergangenen Jahren geändert. Wie ein wertvolles Kunstwerk oder ein Flughafen ist der Klub gesichert, mit Sicherheitsschranken und Wachleuten, die Besucher nach Waffen abtasten. Das Babylon musste schon 2015 fort aus der Mitte der Stadt, weg von Beyoğlu, auf ein altes Brauereigelände, umschlossen von zugigen Straßen.
Ahmet Uluğ, der den Klub 1999 gemeinsam mit seinem Bruder und einem Freund eröffnet hat, nippt an einem Espresso und wirkt melancholisch: »Das gab es früher nicht«, sagt er und schaut Richtung Eingang, wo die Röntgengeräte stehen. Seine Gäste hätten aber nach den vielen Terroranschlägen der vergangenen Jahre Sicherheitsmaßnahmen verlangt. Immerhin komme das Publikum auch an den neuen Standort, hier draußen – der Name Babylon ziehe immer noch. Und Baba Zula sowieso.
Ahmet Uluğ sah schon vor fast 20 Jahren Istanbuls riesiges Potenzial: Damals war das Babylon nicht viel mehr als eine Idee, genauso wie das Schlagwort vom »Cool Istanbul«. Uluğ mietete einen heruntergekommenen Altbau in Beyoğlu an, dem Herzen des europäischen Zentrums der Stadt. Er stellte einen Tresen hinein, eine Bühne – und machte sich auf die Suche nach jungen, guten Musikern, die im Klub auftreten sollten.
Noch um die Jahrtausendwende war Beyoğlu ein verfallendes Viertel, vollgestopft mit Wohnhäusern europäischen Zuschnitts: gassenweise Jugendstil und Historismus, nie renoviert, rapide zerbröckelnd und überwuchert von heimlich errichteten Anbauten und zusätzlichen Geschossen. In den dunklen Gassen handelten Kriminelle mit Drogen und Waffen.
Uluğ förderte Künstler wie Mercan Dede, der Sufi-Melodien mit Electro verbindet – oder eben Baba Zula. Er verhalf so einer Musik zum Durchbruch, die als »Sound of Istanbul« berühmt wurde. In dem Fatih-Akin-Film »Crossing the Bridge« über die Istanbuler Musikszene traten etliche Bands auf, die bei Uluğs Plattenlabel unter Vertrag standen.
Das Babylon hatte bald einen guten Namen: International bekannte Musiker traten dort auf, wie Patti Smith oder Pete Doherty. Das Lebensgefühl damals, zu Beginn der Nullerjahre, sei »magisch« gewesen, erzählt Uluğ heute. Es habe sich schnell auf die ganze Stadt ausgedehnt: »Ein Fieber hatte Istanbul erfasst. Alles schien möglich.«
Es war die goldene Zeit von Beyoğlu und von Istanbul, »Newsweek« widmete dem Ganzen eine Titelgeschichte und schrieb: »Europas hipste Stadt ist nicht länger auf Europa angewiesen«.
Künstler und Studenten erst aus der Türkei, dann aus Europa und aller Welt zogen für eine Zeit in die unsanierten Altbauwohnungen des Viertels; Bars und Diskotheken entstanden an vielen Ecken, im Keller, auf dem Dach und in den zahlreichen Ruinen und auf Brachen. An den Wochenenden feierten Jugendliche Raves auf den Straßen. Die Alteingesessenen trauten ihren Augen kaum, ihre heruntergekommene Ecke blühte auf.
Als 2003 nach Jahrzehnten kemalistischer Herrschaft der muslimisch-konservative Politiker Recep Tayyip Erdoğan die Regierungsgeschäfte übernahm, dämpfte das die Hoffnungen in der Stadt nicht etwa, es nährte sie: In den Jahren seiner ersten Amtszeit wurde Istanbul von einer beispiellosen Dynamik erfasst. Junge Türken, die im Ausland gelebt hatten, kehrten in die Stadt zurück und eröffneten Boutiquen, Restaurants, Galerien.
Erdoğan schien die Kraft zu haben, den religiösen Teil der türkischen Bevölkerung mit der Idee einer modernen Gesellschaft versöhnen zu können. Das war der kemalistischen Elite in den Jahrzehnten seit Gründung der Republik nicht gelungen. 2005 nahm die EU offiziell Beitrittsverhandlungen mit der Türkei auf. Ein Jahr später erhielt der Istanbuler Schriftsteller Orhan Pamuk den Literaturnobelpreis. 2010 wurde Istanbul zu Europas Kulturhauptstadt ernannt. Die Stadt schien nur eine Richtung zu kennen: aufwärts.
Auch die europäischen Touristen entdeckten das alte, neue Istanbul. Stolz präsentierten die Istanbuler der Welt die ehrwürdigen Orte der Altstadt: den Großen Basar, die Hagia Sophia, den Sultanspalast. Bald schien aber auch die andere Seite des Goldenen Horns vorzeigbar zu sein, das Herz des europäischen Istanbul: die Theater und Galerien im Szeneviertel Beyoğlu, der Taksim-Platz und die Bars, Cafés und Musikklubs am westlichen Ufer des Bosporus.
Die Menschen kamen aus Westeuropa und von anderswo her, um sich die Metropole anzusehen, die den Osten mit dem Westen verband. Die Zeiten, in denen alle paar Jahre ein gewaltsamer Putsch das Bild des Landes in der Welt geprägt hatte, schienen vergessen.
Bis die Gewalt in die Türkei und auch nach Istanbul zurückkehrte.
Im Januar 2016 sprengte sich ein islamistischer Selbstmordattentäter auf dem Platz zwischen Blauer Moschee und Hagia Sophia in Sultanahmet in die Luft. Es folgten im Juni desselben Jahres der Angriff auf den Istanbuler Atatürk-Flughafen, im Juli der Putschversuch gegen Präsident Erdoğan und dann zunehmend Repressionen gegen Oppositionelle. In der Silvesternacht 2016/17 tötete ein Terrorist im Istanbuler Nachtklub Reina 39 Menschen.
2017 sorgten die Verhaftungen der deutschen Journalisten Deniz Yücel und Meşale Tolu und des Menschenrechtlers Peter Steudtner zumindest in Deutschland für großes Aufsehen.
Die Einnahmen aus dem Tourismus gingen in der Türkei 2016 im Vergleich zu 2015 um ein Drittel zurück. 2017 erholte sich die Branche wieder, die Zahlen lagen jedoch hinter jenen aus den Vorjahren.
Expats aus Europa und den USA, die sich noch vor einiger Zeit in Scharen in Istanbul niederließen, meiden mittlerweile die Stadt. Die Zahl der Erasmus-Studenten hat sich im akademischen Jahr 2016/17 halbiert. Die Ausländer, die nun in die Stadt kommen, sind eher Krisenreporter und Mitarbeiter von Hilfsorganisationen als Partytouristen.
Wer heute durch den Stadtteil Beyoğlu geht, kann nur noch schwer nachvollziehen, welche Aufbruchstimmung hier einst herrschte. Kneipen werben mit Freigetränken um Gäste: »Drei Tequilashots für einen Euro«. An den Tresen sitzen vereinzelt Trinker. Die Schnapsflaschen im Regal sind verstaubt. Discokugeln werfen Lichter auf leere Tanzflächen. In den Schaufenstern hängen Schilder mit der Aufschrift »Zu verkaufen«.
Mit dem Bild vom jungen, weltoffenen Istanbul stirbt mehr als nur ein Touristenziel: Die Stadt verkörperte wie keine andere die Hoffnung auf eine Liaison oder zumindest eine friedliche Koexistenz zwischen Ost und West, zwischen Muslimen, Christen, Juden, Atheisten. Die Bosporus-Brücke, die Europa und Asien verbindet, wurde zum Symbol für die Vereinbarkeit von Islam und Demokratie. Istanbul stand für eine europäische Zukunft der Türkei.
Dass die Dynamik fort ist und die Stimmung gedrückt, liegt nicht allein an der Gewalt – es liegt auch an Staatschef Erdoğan und seiner Politik.
Erdoğan stammt selbst aus Istanbul, er ist hier geboren und aufgewachsen. In den Neunzigerjahren regierte er die Stadt als Bürgermeister und fand quer durch die gesellschaftlichen Gruppen Anklang und Unterstützung. Doch er wurde mit jedem Wahlsieg autoritärer. Nach seinem Triumph bei der Parlamentswahl 2011 begann er, gegen säkulare, liberale Bevölkerungsschichten vorzugehen. Seine Regierung löste Demonstrationen in Istanbul mit Gewalt auf. Sie erhöhte die Steuern auf Alkohol, woraufhin viele Bars schließen mussten. Es war, als zielte Erdoğans Politik im Besonderen auf Istanbul; als zeigte die Stadt, wie sie war, nicht die Zukunft der Türkei, die er sich wünschte.
An keinem anderen Ort war in den vergangenen Jahren der Widerstand gegen Erdoğan und seine Politik, seine islamisch-konservative Restauration und seine Selbstermächtigung so laut und so sichtbar wie hier.
Als im Frühsommer 2013 Hunderttausende Menschen im Gezi-Park gegen die Regierung demonstrierten, gingen die Bilder der Proteste um die Welt. Für die Kulturmanagerin Asena Günal blitzte damals noch einmal all das auf, was das moderne Istanbul ausmachte: Schüler, Studenten, Muslime, Atheisten, Kurden, Sozialisten, Transsexuelle traten gemeinsam für Demokratie ein. Sie verwandelten den Gezi-Park, der auch im Stadtteil Beyoğlu liegt, in ein Festivalgelände, auf dem Menschen feierten, tanzten, zueinanderfanden.
Erdoğan ließ den anfangs friedlichen Protest von der Polizei niederschlagen. Dieser Frühsommer 2013, sagt Günal heute, sei der Wendepunkt gewesen: Er habe das vorläufige Ende von Istanbul als unbeschwerte Kunst- und Kulturstadt markiert.
Asena Günal, 44 Jahre alt, hat ihr Büro im Dachgeschoss eines ehemaligen Tabaklagers im Istanbuler Arbeiterviertel Tophane eingerichtet. Junge Männer und Frauen sitzen vor Flachbildschirmen. An der Wand hängen Poster von Kunstausstellungen. Durch das offene Fenster dringen die Gebetsrufe des Muezzins und das Gebell von Straßenhunden.
Günal leitet Depo, ein Istanbuler Kunst- und Kulturzentrum, das durch progressive, politische Ausstellungen, Panels und Filmvorführungen immer wieder für Aufsehen gesorgt hat. Im Moment ist sie vor allem damit beschäftigt, eine Kampagne für ihren Mitstreiter Osman Kavala zu organisieren. Er hat Depo gegründet und finanziert. Im Herbst 2017 wurde er als vermeintlicher Terrorunterstützer verhaftet.
Kavala, ein Unternehmer und Philanthrop, ist der wichtigste Förderer der türkischen Zivilgesellschaft. Es gibt kaum ein Kulturprojekt in Istanbul, an dem er nicht beteiligt ist. Seine Festnahme hat Kulturschaffende über die Türkei hinaus schockiert. Die Botschaft der Regierung sei eindeutig, sagt Günal: Jeder, der sich Erdoğan nicht beuge, müsse damit rechnen, ins Gefängnis gesteckt zu werden.
Doch die staatliche Willkür provoziert auch Solidarität. Günal fühlt sich ermutigt durch den Zuspruch, den Depo nach Kavalas Verhaftung erfahren hat. Etliche Künstler, Autoren, Akademiker beteiligen sich an der Kampagne für ihn. »Osmans Verhaftung hat die Menschen wachgerüttelt«, sagt Günal. Zum ersten Mal seit den Gezi-Protesten von 2013 widersetzt sich die Istanbuler Kunst- und Kulturszene dem Despotismus Erdoğans.
Im Babylon werden die ersten Gäste durch die Sicherheitsschleuse gelotst. Ahmet Uluğ schaut auf die Uhr. Die Kreativität von einst, sagt er, sei nicht aus der Stadt verschwunden. Sie könne sich wegen der Repressionen durch die Politik jedoch nicht mehr so frei entfalten.
Uluğ betrachtet sein Babylon als eine Art Schutzraum, in dem das progressive, liberale Istanbul weiter existieren kann. Dezidiert politisch ist der Klub nicht. Aber Uluğ tritt für Pluralismus, Meinungs- und Kunstfreiheit ein. Er bietet ganz bewusst auch kurdischen, armenischen, syrischen Künstlern eine Bühne. In der Türkei unter Erdoğan steht er allein dadurch aufseiten der Opposition.
Am Abend, als Baba Zula dann auf der Bühne steht, ist der Saal voll. Die Musiker der Band sind Stars in der Türkei, jeder Song wird gefeiert. Zigarettenrauch hängt in der Luft. Junge Frauen in Röhrenjeans und Männer in Retrojacken tanzen zu den psychedelischen Elektrobeats. Murat Ertel, Frontmann der Band, trägt heute ein Sultansgewand. Er hebt den Arm und ruft: »Eine andere Türkei ist möglich.«
Sein Publikum will nichts lieber als ihm das glauben.

Über den Autor

Maximilian Popp, Jahrgang 1986, arbeitet seit 2010 beim SPIEGEL, zunächst als Redakteur im Deutschlandressort in Dresden, Hamburg und Berlin, seit 2016 als Korrespondent in Istanbul. Für Popp war der Umzug in die Türkei eine Art Rückkehr: Er hat von 2007 bis 2010 in Istanbul Politik studiert.
Twitter: @maximilian_popp
Von Maximilian Popp

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