12.05.2018

KommentarAlles auf eine Karte

Wie sich die multimorbide elektronische Gesundheitskarte doch noch retten ließe. Von Hilmar Schmundt
Die Patientin kränkelt vor sich hin, seit Jahren schlagen die Therapien nicht an, die Gesundung wird immer weiter hinausgeschoben. Derweil wachsen die Behandlungskosten, sie liegen inzwischen bei über einer Milliarde Euro. Die Rede ist von der elektronischen Gesundheitskarte. Eigentlich steckte dahinter eine gute Idee: der einfache und schnelle Austausch von Gesundheitsdaten, Röntgenbildern, Rezepten zwischen Ärzten, Krankenhäusern, Apotheken, Krankenkassen – zum Wohle der Patienten, zur Vermeidung überflüssiger Therapien. Zu Beginn ihrer ersten Amtszeit 2005 pries Kanzlerin Angela Merkel (CDU) die Karte als »Leuchtturmprojekt«, um der Welt zu beweisen, »auf welchen Gebieten wir vorn sind«.
Die Karte wurde tatsächlich zum Gradmesser für die deutsche Innovationsfähigkeit – allerdings, anders als von der Kanzlerin erhofft, in negativem Sinn. Jahrelang kabbelten sich die Beteiligten, bis ein kompliziertes, überteuertes Monstrum herauskam. Nicht nur die Arztpraxen müssen eine aufwendige Lese- und Verschlüsselungsmaschine namens Konnektor installieren, auch die Patienten selbst brauchten wohl ein klobiges Gerät, wenn sie am Handy einen Blick auf ihre Gesundheitsdaten werfen wollten. Der neue Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) hat nun angekündigt, das Konzept komplett zu überarbeiten – löblich, wenn auch um Jahre zu spät.
Von Anfang an hatten Praktiker gewarnt, dass das Projekt zu stark von Hardwareherstellern dominiert werde; nicht von den Patienten her gedacht, sondern von Lobbygruppen. Länder wie Österreich oder Estland sind deutlich weiter beim Thema digitale Krankenakte. Dort könnte sich Spahn Anregungen holen, um Teile der multimorbiden Karte doch noch zu retten.
Von Hilmar Schmundt

DER SPIEGEL 20/2018
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