21.02.2000

MULTIMEDIA„Gefährliches Spiel“

Telekom-Chef Ron Sommer arbeitet an einem europäischen Medienkonzern. Sein bisher wichtigster Partner: Leo Kirch.
Nahezu täglich sorgte Telekom-Chef Ron Sommer in der vergangenen Woche für Schlagzeilen: An einem Tag verkündete er eine Online-Übernahme in Frankreich, am nächsten eine Verbindung mit der Comdirect-Bank.
Da ging ein Pakt, der weitaus folgenschwerer ist, fast unter: Eher nebenbei verkündete Sommer, dass die Telekom, der die meisten Netze für Telefon und Kabelfernsehen gehören, zusammen mit dem Münchner Leo Kirch, 73, in die Multimedia-Zukunft steuern will.
Kirchs Imperium, das zehntausende von Lizenzrechten, viele Produktionsfirmen und große TV-Kanäle wie Sat 1 und Pro Sieben umfasst, soll genau die Stoffe liefern, die Sommer fehlen. Umgekehrt bietet der Telekom-Manager dem Filmhändler freie Bahn in 18 Millionen Kabelhaushalte.
Die Allianz ist bereits über eine Schweizer Software-Firma verbunden. Nun will sie sich über das Gemeinschaftsunternehmen Tele Research ausbreiten, in dem die Münchner Beta Research aufgeht (siehe Grafik). In dieser Forschungsfirma hat Kirch die Technik für das digitale Fernsehen entwickelt, das über sein Zusatzgerät "d-box" läuft.
Noch wird der Kasten, der Kirchs Pay-TV-Sender Premiere World auf den Bildschirm bringt, von Experten als leistungsschwach eingestuft. Künftig aber sollen die Kunden über ein stark verbessertes Gerät Spielfilme und Waren abrufen sowie ins Internet gelangen können. Der Deal mit Kirch koste die Telekom rund 700 Millionen Mark, sagte Sommer seinem Aufsichtsrat - ein Börsengang aber soll noch dieses Jahr viel Geld einspielen.
"Wir sehen dem Wettbewerb gelassen entgegen, weil wir in der Entwicklung ganz vorn stehen", verkündet Gerrit Huy, die designierte Vorstandschefin der gemeinsamen Tochtergesellschaft von Kirch und Telekom.
Die bemerkenswerte Verbindung hat der einflussreiche Telekom-Berater Franz Arnold, 58, angebahnt (SPIEGEL 5/1999). Bei den seit einem Jahr laufenden Verhandlungen wurden der ehemalige Bonner Spitzenbeamte mit SPD-Parteibuch und der konservative TV-König sogar Duzfreunde.
Der Medienunternehmer hat schon Milliarden ins Digital-TV gesteckt. Im Kabelfernsehen ist er auf Jahre hinweg die Nummer eins, seine Gruppe okkupiert 5 von 13 Digitalkanälen - und der Telekom-Deal macht ihn unangreifbar.
Der Bonner Telekommunikationsriese wiederum setzt darauf, dass Kirchs Inhalte sein Kabel attraktiver - und wertvoller - machen. Die Telekom selbst steuert nur wenig zum Programm bei, etwa einen Jazzkanal; eine Werbekampagne für ihr Digital-TV für 20 Millionen Mark pries folgerichtig vor allem Premiere World an. Außerdem vermarktet der Konzern Kirchs d-box weit unter Marktpreis und trägt dabei stattliche Lizenzkosten.
Zwar muss die Telekom, auf Druck der EU-Kommission, ihr Kabelnetz teilweise verkaufen; in den nächsten Tagen sollen Investoren für Nordrhein-Westfalen, Hessen und Rheinland-Pfalz vorgestellt werden. Der Bonner Riese aber bleibt Minderheitsgesellschafter und will sich vertraglich eine jahrelange Kooperation zusichern lassen.
Eine Konkurrenz, die Telefon- und Internet-Dienste über die Fernsehkabelnetze anbietet, wird sich bei so viel Marktmacht wohl erst in einigen Jahren formieren. Allein der nötige Ausbau der alten Kupferkabelnetze in moderne Datenbahnen braucht viel Zeit.
So kann die Telekom, wie bereits begonnen, in aller Ruhe ihre Telefonleitungen aufrüsten, um auch dort langfristig Filme und schnelle Internet-Zugänge anzubieten. Die T-DSL-Technik, auf die Sommer setzt, macht Datenübertragungen bis zu zehnmal schneller als im heutigen ISDN-Netz.
Noch ist nichts beschlossen, doch auch für dieses Netz steht Kirch als Lieferant von Bildern und Tönen bereit.
Derzeit baut er die neu gegründete Kirch New Media AG zur Internet-Größe und zum vierten Grundpfeiler des Unternehmens aus. Die Tochter, auch sie soll möglichst schnell an die Börse, vereint bereits bestehende Internet-Inhalte wie Sport 1, Sat 1 Online und die Angebote der Pro-Sieben-Gruppe, etwa Pro7.de (Entertainment) und n24.de (Nachrichten). Zusätzlich starten allerlei neue Kanäle, etwa für Spiele, Gesundheit und Reisen; auch Filme und Musik auf Abruf sowie E-Commerce-Geschäfte gehören zum Angebot.
Die gemeinsamen Interessen der Partner machen an den deutschen Grenzen nicht halt, streng vertraulich wurde über mögliche internationale Allianzen gesprochen. Als weitere Verbündete stehen Kirchs Partner Juan Villalonga von der spanischen Telefónica sowie Silvio Berlusconi aus Italien und Rupert Murdoch bereit.
Die Rivalen ahnen, was da auf sie zukommt. Hier werde "ein Monopol zementiert", warnt ARD-Sprecher Jan Büttner, "wir haben in der Telekom keinen unabhängigen Ansprechpartner mehr".
Die Mainzer Kabelfirma Primacom, die kleine Netze in Leipzig, Magdeburg, Halle, Mainz und Wiesbaden besitzt und sie derzeit für Internet und neue Dienste aufrüstet, erinnert daran, dass schon frühere Großallianzen Kirchs an der EU-Kommission scheiterten.
"Das ist schon zweimal untersagt worden", wettert Vorstandschef Jacques Hackenberg, "und es ist noch immer die alte Verbindung."
So will denn auch der Gütersloher Medienriese Bertelsmann in den Gesprächen mit der EU auf Gefahren hinweisen, wenn Kirch mit seiner Technik die anderen Medienhäuser benachteilige. Der Bertelsmann-Sender RTL plant einige neue Kanäle im Digitalfernsehen - und muss sie lange vor dem Start beim Konkurrenten Kirch technisch abnehmen lassen. Offizielle Begründung: Es müsse geprüft werden, ob es zu Problemen komme. "Das Zusammenspiel von Kirch und Telekom ist gefährlich für alle, die nicht dabei sind", urteilt ein leitender Bertelsmann-Manager.
Bei der EU-Kommission, die derzeit einen Pay-TV-Pakt zwischen Kirch und Murdoch untersucht, meldeten ARD-Manager bereits Bedenken an. Großen Zuspruch ernteten sie nicht: Vor allem Frankreich drängt nach den jüngsten Mega-Fusionen in den USA, bei den europäischen Kartellgesetzen jetzt nicht allzu pingelig zu sein. Es gehe schließlich um Jobs in einer Zukunftsbranche.
So zeichnen sich allenfalls Auflagen ab. "Wir können das dem Kirch", sagt ein EU-Beamter, "wohl nicht noch einmal ablehnen." FRANK DOHMEN, HANS-JÜRGEN JAKOBS
Von Frank Dohmen und Hans-Jürgen Jakobs

DER SPIEGEL 8/2000
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