19.05.2018

Eine Meldung und ihre GeschichteDer britische HSV

Ein englischer Fußballverein steigt nach 145 Jahren zum ersten Mal ab.
Es lief die 67. Spielminute an einem Samstag im April, dem vorletzten Spieltag der Conference North, der sechsten englischen Fußballliga, als Richard Kane seine Hände über dem Kopf zusammenschlug, hinter dem Tor seiner Mannschaft auf den Rasen sank und sich klein machte, als wollte er verschwinden. Der Gainsborough Trinity Football Club musste gewinnen, um nicht abzusteigen, hatte aber gerade gegen den AFC Telford United eine Führung mit zwei Toren verspielt. Da spürte Kane, dass sein Verein, dessen ganze Geschichte nach einem einzigen großen Fußballwunder klingt, dieses Mal kein Wunder erleben würde.
Richard Kane, 51, Vorsitzender des Gainsborough Trinity FC, ein Mann mit perfekten Zähnen und gestärktem Hemdkragen, erzählt davon auf den Rängen von "The Northolme", einem Stadion mit 504 Klappsitzen und einem Eingangstor, von dem die blaue Vereinsfarbe abblättert. Er berichtet vom schwärzesten Tag in der Fußballgeschichte Gainsboroughs, einer Kleinstadt mit knapp 20 000 Einwohnern im Norden Englands, zwei Autostunden entfernt von Manchester. In derselben Woche, in der der HSV nach 55 Jahren zum ersten Mal aus der ersten deutschen Bundesliga absteigt, spricht Kane von einem "zerschmetternden Ergebnis" und von einem "Gift", das sein Verein zu schlucken habe.
Den HSV, sagt er, kenne er nicht, aber was seien auch schon 55 Jahre? "Trinity", erzählt Richard Kane, sei bis vor Kurzem 144 Jahre lang nicht abgestiegen.
Es war das Jahr 1873, auf dem britischen Thron saß Queen Victoria, das Deutsche Kaiserreich war gerade erst entstanden, aber in Deutschland gab es noch keinen einzigen Fußballverein, als der Gainsborough Trinity FC gegründet wurde. Börsencrash und Weltwirtschaftskrise hatten die Insel in die Große Depression gestürzt, da wollte ein Pfarrer der Holy Trinity Church die Menschen mit Sport von ihren Geldsorgen und ihrem Leid ablenken. Er taufte den Klub unter dem Beinamen "The Recreationists", die Erholungsuchenden, und tatsächlich kamen bald Menschen aus ganz Gainsborough und der Umgebung zusammen, um für Trinity zu spielen oder die Mannschaft anzufeuern.
Die ersten Fans waren Zeugen, wie der Klub Mitglied der Second Division wurde, der damals zweithöchsten Spielklasse des englischen Fußballs. Sie waren dabei im Jahr 1902, als Trinity zu Hause auf eine Mannschaft traf, die sich gerade von Newton Heath in Manchester United umbenannt hatte. 4000 Männer, herausgeputzt mit Melonen und Jacketts, sahen im "Northolme" zu, wie Trinity nur knapp verlor.
Seither, so erzählt Richard Kane, sei die Geschichte seines Klubs eine fast endlose Aneinanderreihung aus vielen Niederlagen und gelegentlichen, identitätsstiftenden Erfolgen. Da sei die Saison kurz nach dem Zweiten Weltkrieg gewesen, als Bomben viele Häuser in Gainsborough zerstört hatten und Trinity es trotzdem in die erste Runde des FA Cups schaffte. Da sind die Jahre 1928, 1949 und 1967, als Trinity den Meisterpokal der Midland League nach Gainsborough geholt hatte. Aber als "größten Triumph überhaupt" bezeichnet Kane die Tatsache, dass der Klub seinen Anhängern in 144 Jahren keinen einzigen Abstieg antun musste.
Andere Vereine kamen, wieder andere gingen zugrunde. Die Spielklasse, in der Trinity antrat, wurde mal umbenannt, mal neu zusammengestellt, aber nie spielte Trinity gut genug, um in eine höhere Liga aufzusteigen, und immer wenn der Abstieg schon nicht mehr zu vermeiden schien, gelang dem Klub doch noch wundersam die Rettung. Im vergangenen Sommer, als am letzten Spieltag wieder mal der Abstieg in die siebte Liga drohte, half erneut ein Priester, der in seiner Robe die Seitenlinie entlangschritt und den Rasen mit Weihwasser besprenkelte. Nur dank seines Beistands, da sind sich Kane und andere Vereinsmitglieder einig, wurde der Abstieg im letzten Moment verhindert.
Bis zu diesem Jahr, als selbst die Kirche dem Gainsborough Trinity FC nicht mehr helfen konnte, als gegen Telford United der Ausgleich fiel und Richard Kane hinter dem Tor kniete, reglos, wie verstorben. Es vergingen nur sieben Minuten, dann musste er mitansehen, wie Trinity auch noch das dritte Tor kassierte, wie das Schicksal des Klubs endgültig besiegelt wurde. Er kann heute nicht mehr genau sagen, woran er in diesen Augenblicken dachte. Er grübelte wohl, wie es nun weitergehen sollte, eine Liga tiefer und mit weniger Einnahmen. Würden Trinitys Fans noch immer zu allen Spielen kommen? Würden die Spieler dem Verein die Treue halten?
Als der Abpfiff ertönte, ging Kane nicht zu seinen Spielern, die kein Wort sagten, sondern direkt zu seinem Auto. Er war "am Boden zerstört", so erzählt er, also fuhr er stundenlang durch die Stadt, vorbei an Feldern und an Backsteinhäusern, bis er wieder klar denken konnte.
Am Abend, die Trauer und Wut wich nur allmählich neuem Mut, schrieb er auf seine Twitter-Seite, was nach Hoffnung und nach Phrasen klingt, aber was Fußballvereinsvorsitzende auf der ganzen Welt nach Abstiegen eben zu sagen pflegen, sogar in Hamburg. Kane schrieb: "In it together", alle im selben Boot, und: "We go again", wir kommen wieder.
Von Cathrin Schmiegel

DER SPIEGEL 21/2018
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