19.05.2018

BundesligaAngriff auf den Zeugen

 Manuel Gräfe hat öffentlich Missstände im Schiedsrichterwesen angeprangert. Ein Gutachten empfiehlt daraufhin, ihn auszubooten. Die DFB-Aufklärung gerät zur Farce.
Der Schiedsrichter Manuel Gräfe war in der abgelaufenen Bundesligasaison ein Mann für die wichtigen Spiele. Im Revierderby und im Abstiegskampf – kein Schiedsrichter hat in dieser Spielzeit mehr Partien geleitet als Gräfe.
Ausgerechnet Gräfe soll jedoch aus dem Verkehr gezogen werden – so zumindest lautete im Januar die Empfehlung eines Gutachters des Deutschen Fußball-Bundes (DFB). Gräfe, 44, sei "ab sofort" nicht mehr "mit Spielleitungen zu betrauen". Die DFB-Gremien sind dieser Empfehlung nicht gefolgt. Vielmehr stellt man sich in der Verbandsspitze nun Fragen über diese Art der Aufklärung.
Es ist eine neue Volte im Schiedsrichterstreit, der seit August 2017 schwelt. Manuel Gräfe kritisierte in einem "Tagesspiegel"-Interview die Schiedsrichterbosse Hellmut Krug und Herbert Fandel hart. Er warf ihnen Vetternwirtschaft und Einflussnahme bei der Schiedsrichterbenotung vor. Zudem attackierte Gräfe seinen Kollegen Felix Zwayer für dessen Verstrickungen im Manipulationsskandal um Robert Hoyzer im Jahr 2005.
Der DFB versuchte zunächst, die Gräfe-Affäre mit geringem Aufwand wegzubügeln, Krug und Fandel wurden teilweise entmachtet. Das war ein Teilerfolg für Gräfe, der als einziger aktiver Schiedsrichter öffentlich die Vorgesetzten angegangen war. Doch der Streit ging weiter, bis der DFB bei seinem verbandseigenen Ombudsmann für Spielmanipulation und Schiedsrichterwesen, Carsten Thiel von Herff, ein Gutachten in Auftrag gab.
In den Dokumenten, die dem SPIEGEL vorliegen, kommt Thiel von Herff zu dem Schluss, dass Hellmut Krug und Herbert Fandel durchaus Versäumnisse in der Mitarbeiterführung vorzuwerfen seien. Ein eindrucksvolles Beispiel ist die Aussage eines aktuellen Bundesliga-Schiedsrichters, er habe sich von Fandel monatelang unter Druck gesetzt und vorgeführt gefühlt. "Pfeifst du noch ein Spiel in der ersten Liga schlecht, bist du raus", habe Fandel ihm gesagt. Der Schiedsrichter sei angeschlagen gewesen. Die Parallelen zu Babak Rafati, der vor fast sieben Jahren versucht hatte, sich das Leben zu nehmen, seien "unverkennbar", schreibt Thiel von Herff. Der Schiedsrichter selbst antwortet auf Anfrage, er halte die Ausführungen des Gutachters für unvollständig und zum Teil "mindestens fahrlässig".
Fandel sagt, es sei nicht seine Absicht gewesen, zu viel Druck aufzubauen, an das Zitat könne er sich nicht erinnern. Auch der Gutachter sieht keinen Beweis für Mobbing. Überhaupt kommt Thiel von Herff zu Schlussfolgerungen, die Gräfes Kritik in vielen Punkten widersprechen. Krug und Fandel seien vom DFB "öffentlich zu rehabilitieren". In 3672 Datensätzen sei keine systematische Einflussnahme auf die Benotung zu erkennen.
Der DFB-Gutachter, an den sich Whistleblower mit Informationen zu Spielmanipulationen vertrauensvoll wenden sollen, hat nicht nur an der Aufklärung der Vorwürfe gearbeitet. Er fertigte zudem einen Bericht über seine persönlichen Eindrücke vom Hauptzeugen Manuel Gräfe an. Seine Beschreibungen fallen nicht sonderlich schmeichelhaft aus und stellen Gräfe als manipulativ dar. Er sei "nicht kontrollierbar", außerdem solle man dem Schiedsrichter einen Kontakt zur Robert-Enke-Stiftung vermitteln, "als reine Vorsichtsmaßnahme". Die Stiftung fördert Projekte, die über Depressionen aufklären.
Gräfe, der in der Fußballszene durchaus als komplizierter, fordernder Charakter bekannt ist, focht das Gutachten mit einem 108 Seiten langen Schreiben anwaltlich an. Der Brief, für den der Gutachter nun wiederum Gräfe verklagen will, ging am 19. April auch an mehrere Vorgesetzte und kursiert seitdem in der DFB-Führung.
In dem Schreiben spricht der Anwalt des Schiedsrichters sogar von einer Intrige. Thiel von Herff habe im Gespräch mit Gräfe Informationen platziert, um seinen Zeugen zu testen. Als diese am folgenden Tag in einem Artikel der "Bild"-Zeitung auftauchten, fühlte sich der Gutachter in seinem Misstrauen bestätigt. Gräfes Anwalt bestreitet, dass der Schiedsrichter die Details durchgestochen hat und hält das in seinem Schreiben für faktisch widerlegt.
Das Gespräch mit Gräfe hat Thiel von Herff in 30 Stichpunkten zusammengefasst. Nun steht Aussage gegen Aussage über den genauen Gesprächsinhalt. Gräfes Anwalt übermittelt zudem weitere Aussagen von Zeugen, die mit ihrer Rolle in Thiel von Herffs Gutachten nicht einverstanden sind. Der Bundesliga-Schiedsrichter Guido Winkmann bekundet, er hätte seine Zeugenaussage so nicht unterschrieben. Sein Kollege Robert Hartmann beklagt, er sei "wenig detailgetreu und in Teilen eindimensional wiedergegeben" worden. Thiel von Herff bestreitet das. Der ehemalige Schiedsrichterassistent Carsten Kadach erklärt laut Gräfes Anwalt, dass der Gutachter "belastende Details gegen H. Krug und H. Fandel" außer Acht gelassen habe. Thiel von Herff sagt, selbst auf Nachfrage habe Kadach keine belastenden Details geäußert.
Kadach kommt zu dem Schluss, dass es sich bei dem Gutachten "keinesfalls um eine externe Untersuchung handeln" könne, sondern um eine "sportpolitisch gesteuerte Aufarbeitung für den DFB". Thiel von Herff hingegen sagt, Kadachs Aussagen seien "mit Vorsicht zu genießen". Er habe ein differenzierendes Gutachten vorgelegt.
In seiner Handlungsempfehlung an den DFB rät Thiel von Herff, "die Chance des ersten ›medialen Aufschlags‹" zu nutzen und das Ergebnis seiner Untersuchung öffentlich zu kommunizieren, um Gräfe die Möglichkeit zu nehmen, "Tatsachen in der Öffentlichkeit anders darzustellen". Im nächsten Satz schreibt der Gutachter wiederum, es gehe nicht darum, "einen Zeugen zu sanktionieren oder gar mundtot zu machen" – nur um anschließend zu empfehlen, Gräfe als Schiedsrichter auszubooten.
Das DFB-Präsidium ist dieser Empfehlung nicht gefolgt. Vielmehr zeigt man sich in der Verbandsführung erschrocken über das strittige Gutachten. Ein hochrangiger DFB-Funktionär spricht aufgebracht ins Telefon: "Das ist alles verunglückt, eine Katastrophe." Erst, so der Mann, der die inneren Abläufe beim DFB sehr gut kennt, hätte die verbandseigene Ethikkommission unter dem Vorsitzenden Ex-Außenminister Klaus Kinkel den Schiedsrichterstreit lösen sollen. "Das war eine Farce", sagt der Funktionär. "Kinkel wollte lediglich verhindern, dass weiterhin in der Öffentlichkeit mit Schmutz geworfen wird." Kinkel selbst antwortet darauf, dass er alle Akten vorliegen gehabt und sehr wohl eine einvernehmliche Lösung im Gespräch mit allen Beteiligten gesucht habe. Eine Untersuchung wäre aber zu umfangreich und teuer geworden und zu keinem raschen Ergebnis gekommen.
Aus der Sicht des DFB-Funktionärs folgte dann der Kardinalfehler des Verbandes, der den Skandal rund um die deutschen Referees auf die Spitze trieb: "Statt Thiel von Herffs hätte der DFB sofort einen unabhängigen Prüfer installieren müssen." In einer Stellungnahme antwortet der DFB, dass Thiel von Herff ein "komplett unabhängiger Prüfer" sei, der hohes Ansehen genieße.
Von Rafael Buschmann und Christoph Winterbach

DER SPIEGEL 21/2018
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