19.05.2018

AutorenVerletzte verletzen

 Gerade hat der US-Schriftsteller Junot Díaz öffentlich gemacht, dass er als Kind sexuell missbraucht wurde, da melden sich Frauen, die sich von ihm misshandelt fühlen. Was zunächst nach #MeToo aussieht, ist viel komplizierter. Von Philipp Oehmke
Dass Junot Díaz möglicherweise ein Problem hat, stand für Monica Byrne fest, seit sie 2014 in einer größeren Dinnerrunde mit dem Schriftsteller gesessen hatte, zehn Leute, der Verlag hatte eingeladen, ein fancy Restaurant, der Star in der Mitte. Díaz hatte zuvor auf einem Literaturfestival einen Vortrag gehalten über "The Importance of Love" in der Literatur. Byrne, damals 32, war kurz davor, selbst ihren ersten Roman zu veröffentlichen, eine feministische Science-Fiction-Geschichte. Der Verlag hypte sie, man hatte sie neben ihn gesetzt, sie würden sich viel zu sagen haben.
Doch der Star beachtete sie nicht. Monica versuchte, am Gespräch teilzunehmen, und als es darum ging, wie Statistiken dabei helfen können, Unterdrückten eine Stimme zu geben, sagte sie, dass nicht nur die Zahlen, sondern die persönlichen Erfahrungen wichtig seien. Da habe sich Díaz zu ihr gedreht und ihr ins Gesicht gebrüllt, sie wisse wahrscheinlich nicht, wie Statistiken funktionierten, aber ihre Bemerkung sei, als ob sie gesagt hätte: Ich persönlich bin nicht vergewaltigt worden, also existiert Vergewaltigung gar nicht.
Das Wort Vergewaltigung habe Díaz ihr ins Gesicht gebrüllt, mehrmals. Rape! Rape! Von da an, sagt Byrne, sei Díaz ihr stets über den Mund gefahren oder habe sie verhöhnt. "Ich habe in meinem gesamten Erwachsenenleben noch nie so einen starken Frauenhass gespürt", sagt sie.
Für Byrne war dieses Verhalten verstörend. Díaz war ein Vorzeigeautor der Linksliberalen, Held von Feministinnen, Antirassisten, Minderheitenaktivisten, Ivy-League-Studenten, Bernie-Sanders-Fans, Gleichstellungsbeauftragten.
Mit sechs war Díaz aus der Dominikanischen Republik in die USA gekommen, hatte mit 28, 1996, ein krachendes Debüt hingelegt, ein Autor, durchaus intellektuell, aber mit dem Sound der Latino-Barrios, der Toni Morrison genauso zitieren konnte wie den Rapper Tupac und seine Geschichten im "New Yorker" veröffentlichen durfte: der "golden brown boy" des weißen Establishments, wie eine Literaturwissenschaftlerin es ausdrückte. 2008 dann der Pulitzerpreis für seinen Roman "Das kurze wundersame Leben des Oscar Wao".
Vier Jahre nach dem Dinner mit Monica Byrne, in einer, was die Geschlechterfragen betrifft, komplett anderen Zeitrechnung – nach Bill Cosby, nach Harvey Weinstein, nach #MeToo –, veröffentlichte Díaz im April dieses Jahres mal wieder einen Essay im "New Yorker". Der Text ist die erschütternde Schilderung davon, wie Díaz als Kind von einer Vertrauensperson in seiner engsten Umgebung wiederholt und systematisch vergewaltigt worden war, und beschreibt, wie diese Erlebnisse sein Leben zerstört haben, wie er gezwungen war, Jahrzehnte "hinter einer Maske" zu leben, und dass es den Junot Díaz, wie die Öffentlichkeit ihn kennt, eigentlich gar nicht gab.
Der Text schlug Wellen und löste, in diesen für Erlebnisse von sexueller Gewalt so sensibilisierten Zeiten, Stürme der Bestürzung und der Anerkennung aus. Junot Díaz war jetzt nicht nur der progressive Autor, er war auch ein mutiges Opfer, eines, das in der Lage war, sein Leid in einem sehr wirkmächtigen Text zu bündeln.
Diesen Status behielt Díaz allerdings nur knapp einen Monat. Anfang Mai, am anderen Ende der Welt, in Sydney, wieder auf einem Literaturfestival, an dem Díaz teilnahm, kam die Autorin Zinzi Clemmons nach einer Veranstaltung mit ihm ans Mikrofon und fragte ihn sinngemäß, wie er das gemeint habe in seinem "New Yorker"-Essay: dass er, weil er selbst sexuelle Gewalt als Kind erfahren habe, diese nun als Erwachsener ausüben dürfe? Er habe sie nämlich ein paar Jahre zuvor, als sie eine blauäugige Studentin an der Columbia University in New York gewesen sei, gegen ihren Willen geküsst.
In den Tagen darauf meldeten sich weitere Frauen mit ihren Geschichten, darunter auch Monica Byrne. Alle handelten von Díaz als einem unsympathischen Typ, einem Arschloch vielleicht, der Frauen ins Bett kriegen will oder mit ihnen Affären hat, sie als Frauen demütigt oder unkontrolliert wütend wird. Aber keine weitere handelte von sexueller Gewalt.
Der Kuss gegen ihren Willen, den Zinzi Clemmons schilderte, ist möglicherweise schlimm genug, aber er ist auch das Schwerwiegendste, was bisher über Díaz bekannt wurde.
Der gerade noch gefeierte biografische Essay wurde nun anders gelesen. Allein die Wahl seines Titels: "The Silence: Confronting the Legacy of Childhood Trauma" – gehört zum "Erbe eines Kindheitstraumas" auch die spätere Weitergabe der erlebten Gewalt?
Seine Erfahrung als Kind habe ihn zu einem gestörten Menschen werden lassen, der andere verletzt habe, schreibt Díaz. Aber was soll es heißen in Zeiten von #MeToo, wenn jemand schreibt: "Ich denke an den Schmerz, den ich verursacht habe"? Anfangs unbemerkt öffnete Díaz' Text die Tür zu einer Frage, deren Erörterung in den vergangenen Jahren Fahrt aufgenommen hat: "Hurt people hurt people", heißt es im Amerikanischen, auf Deutsch funktioniert der Satz nur beinahe: Verletzte Menschen verletzen Menschen. Díaz hat diese Verbindung in seinem Essay klar gezogen, wenn er von Depressionen, unkontrollierter Wut und einem klassischen Muster der Psychotraumatologie spricht: "Nähe und Distanz, Nähe und Distanz. Und anderen dabei wehtun." Worin dieses Wehtun bestanden hat, war die große Lücke in dem Text. Sie lässt sich nun möglicherweise mit den Erlebnissen der sich zu Wort meldenden Frauen füllen.
Es gibt keine belastbaren Erhebungen dazu, wie häufig in der Kindheit missbrauchte Männer später selbst zu Tätern werden, aber ihr Anteil ist deutlich höher als im männlichen Bevölkerungsschnitt.
Auch wenn das stimmt, entschuldigt das irgendetwas? Monica Byrne nennt Díaz' "New Yorker"-Bekenntnisse eine Art Präventivschlag: schnell zum Opfer werden, bevor man der Täter ist.
Vergangenes Wochenende ist in den USA eine lang erwartete Fernsehserie gestartet, die in fünf Teilen den Lebensweg eines missbrauchten Kindes bis ins Erwachsenenalter verfolgt: Missbrauch, Heroin- und Alkoholsucht, selbstzerstörerisches Verhalten, Abstinenzversuche, schließlich selbst Familienvater. Es ist die filmische Umsetzung der halb biografischen Patrick-Melrose-Romane des britischen Schriftstellers Edward St Aubyn; und auch hier kommt der einmal dem Kind zugefügte Schaden in unterschiedlichen zerstörischen Ausformungen stets zurück. Es gibt kein Entkommen, noch nicht einmal im Heroinrausch.
In Junot Díaz' Werk gibt es eine wiederkehrende Figur, oft der Icherzähler, er heißt Yunior, ein junger Amerikaner dominikanischer Abstammung. Er ist ein ziemlicher Latino-Macho, er betrügt seine Frauen und verliert sie meist. Man könnte sagen, er hat misogyne Züge. Das hat jahrelang niemanden von Díaz' progressiven Lesern gestört, man hielt es für, nun ja, Authentizität, für den genauen Blick auf eine Welt, die der Ivy-League-Student so nicht kennt. Und dagegen ist ja auch nichts einzuwenden, Yunior ist eine meisterhafte, lebendige, ambivalente literarische Fiktion. Die allerdings einem weißen Autor aus dem mittleren Westen wahrscheinlich nicht durchgegangen wäre. Marianella Belliard, eine Literaturwissenschaftlerin, die davon berichtet, wie Junot Díaz auch sie einmal am Haar gefasst und mehr gewollt habe, glaubt, dass Junot sich als Yunior auslebe, die ganze Frauenverachtung, als Yunior dürfe sie raus, und Junot werde auch noch gefeiert. Yunior sei Junots Mr Hyde.
Was bedeutet dies nun alles?
Zunächst sieht es so aus, als sei Junot Díaz ein gequälter Mensch, dem Furchtbares angetan wurde und der sich offenbar nun öfter selbst furchtbar verhält, vor allem gegenüber Frauen. Möglicherweise aber hat es mit #MeToo weniger zu tun und sollte davon auch getrennt werden.
Am Montag vergangener Woche haben zwei Dutzend Professorinnen, viele darunter hispanischer Abstammung, einen offenen Brief veröffentlicht, in dem sie Díaz verteidigen und davor warnen, ihn als animalischen Sextäter darzustellen und somit rassistische Stereotypen über den männlichen Latino aufleben zu lassen. Die einen kommen mit der Gender-Keule, die anderen schlagen mit dem Rassismus-Hammer zurück. Es ist ziemlich irre.
Díaz selbst hat vergangene Woche über seine Agentin ein vages, etwas verstörendes Statement verbreiten lassen, in dem er die Vorwürfe nicht bestreitet. Er übernehme die Verantwortung für seine Vergangenheit, er höre sich die Schilderungen der Frauen an und lerne von ihnen. Was in aller Welt soll das heißen? Das ist die neue Form von Schadenskontrolle, die sich PR-Strategen ausgedacht haben: die Anklägerinnen ernst nehmen, zuhören und sagen, man wolle sich bessern.
Er hat den Vorsitz des Pulitzerpreis-Gremiums, zu dem er gerade erst gewählt worden war, sofort wieder abgegeben und ist abgetaucht. Die Anfrage des SPIEGEL ließ er unbeantwortet. Vielleicht hofft er, dass sich alles versendet.
Doch da ist Monica Byrne, seine Nemesis von dem Dinner, damals vor vier Jahren. Immer wieder gab es Gerüchte, und im November 2017, inmitten des Weinstein-Erdbebens, rief Byrne Frauen dazu auf, ihr ihre Geschichten von Erlebnissen mit Junot Díaz zu schicken. Inzwischen habe sie 34 Storys gesammelt, sagt sie. Einige sollen auch von sexueller Nötigung, Missbrauch und Gewalt handeln. Sie könne sie aber nicht öffentlich machen, die Betroffenen seien noch nicht bereit. Im Verdeckten liefen Nachforschungen über Díaz, die möglicherweise sehr bald bisher unbekannte, ernste Fälle zutage fördern würden. Mehr kann Byrne nicht sagen.
Sie weist aber auf eine Petition hin, unterschrieben von mehr als 400 Studenten, Ehemaligen und anderweitig Assoziierten des von Díaz mitgegründeten Literaturinstituts VONA, das Schreibkurse für Studenten mit dunkler Hautfarbe anbietet. Díaz ist dort bis heute der Stardozent. Die Verfasser sprechen in der Petition von einem "offenen Geheimnis" an der Schule, einer sexuell anzüglichen Atmosphäre und "einem zutiefst schädlichen Einfluss, den Junot Díaz' Gewalt" ausgeübt habe. Sie verlangen, dass die Schule ihren Mitbegründer und berühmtesten Lehrer entfernt.
Hurt People hurt people. So geht es immer weiter.

Dass er über Latino-Machos schrieb, hat seine Leser nicht gestört. Man hielt es für Authentizität.

Von Philipp Oehmke

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