19.05.2018

MissbrauchDer Blitz

 Der Schriftsteller Christian Kracht berichtet von einem frühen Trauma und erklärt sein Werk.
Da ist vor allem dieser eine Satz – und alle, die in letzter Zeit vor sich hinmurmelten, jetzt sei es aber auch mal langsam gut mit all den Missbrauchsgeschichten und dieser bizarren Massentherapie der Welt, sollen ihn hören. Dieser Satz, den der Schriftsteller Christian Kracht am Dienstagabend in seiner Poetikvorlesung an der Frankfurter Goethe-Universität gesagt hat: "Lange Jahre, Jahrzehnte, 40 Jahre habe ich gedacht, ich hätte mir dieses Szenario eingebildet oder ausgedacht."
Ein Mann hat in seiner Kindheit Schreckliches erlebt. Demütigung, Machtmissbrauch, sexuellen Missbrauch durch einen Menschen, dem er anvertraut war, ausgeliefert ganz und gar. Christian Kracht war zwölf Jahre alt, als ihm vom Pastor Keith Gleed in dem kanadischen Internat, in das ihn seine Eltern geschickt hatten, Ungeheuerliches angetan wurde. Und als er daraufhin, so berichtete es Christian Kracht am Dienstag den versammelten Zuhörern, seinen Eltern weinend am Telefon davon erzählte, glaubten sie ihm kein Wort. Er habe ja "schon immer so eine ausladende Fantasie" gehabt. Und so kam es, dass er schon bald sich selbst nicht mehr glaubte.
Erst jetzt, im Zuge der Weinstein-Enthüllungen, las Kracht in einem Magazin den Bericht über 30 Jungen, denen Gleiches geschehen war. Und plötzlich – beinahe 40 Jahre nach dem Geschehen, wie ein Blitz, der Glaube an sich selbst. Zurückgegeben von Menschen, die sich erinnerten und darüber sprachen: "Sie können sich vielleicht vorstellen, was diese späte, vor ein paar Monaten erst erlangte Erkenntnis, ich sei eben kein fantasievoller Lügner gewesen, mir bedeutet hat."
Können wir uns das vorstellen? Wenn da plötzlich fester Boden ist, auf dem man steht, und kein Abgrund mehr? Wenn ein Trauma, ein nie wieder ausgesprochenes traumatisches Erlebnis, das man selbst ins Reich der Fiktionen verabschiedet hatte, plötzlich wieder wahr erscheint?
Christian Kracht, der Meister des uneigentlichen Sprechens, der vielfach kodierten Ironie, von dem auch enge Freunde sagten, bei ihm gehe man "nie auf festem Grund", hat an diesem Abend in Frankfurt, so berichten es alle, die dabei waren, plötzlich sich selbst und dem Publikum eine ungeheuerliche Wahrheit erzählt.
Um dann sogleich, in einem zweiten, unerhörten Schritt, dieses persönliche Urtrauma als Grundlage seines schriftstellerischen Werkes zu beschreiben. Und wir sehen einen Mann, dessen Vergangenheit von seinen Mitmenschen ins Reich der Fiktion wegberuhigt wurde und der nun in diesem Kosmos der Fiktion, im Reich des literarischen Schreibens, diesen verschwiegenen Moment umkreist. Das unsichtbare Zentrum des Schreibens.
"Der Akt des Schreibens selbst, die Gewalt, die Erniedrigung, die Grausamkeit, der körperliche Ekel und die fetischisierte, oft verlagerte männliche Sexualität sind Topoi meiner Arbeit, deren ich mir erst bewusst werde, die aber sozusagen mit der ersten Zeile von ›Faserland‹ alles bestimmt haben."
Ein Mann erklärt sich selbst sein Werk. Mit schwingt dabei auch Krachts anhaltende Empörung über die Unterstellung, "Türsteher der rechten Gedanken" zu sein, die 2012 im SPIEGEL geäußert wurde.
Seine Protagonisten teilten sich alle "eine ausschweifende Unbarmherzigkeit", sagt Kracht. "Und es ist vielleicht diese unkommentierte Bevölkerung meines nun ein gutes Vierteljahrhundert andauernden Panoptikums mit derlei Gestalten, die mir den widersinnigen Vorwurf eingebracht haben, ich sei ein Faschist."
Er habe lange über die Motive des Pastors nachgedacht, berichtet Kracht. Er glaube, es sei einerseits "Freude an der Ausübung von purer, unverfälschter Macht", andererseits "ein gewisser Ästhetizismus" und fügt hinzu: "Eigenschaften und Empfindungen, so scheint es mir jetzt, die viele meiner Figuren teilen mögen."
So bilden die mutmaßlichen Motive dieses Verbrechers einen Teil des Fundaments von Christian Krachts ästhetischem Reich, das von seinem Erstling "Faserland" aus dem Jahr 1995 bis zu seinem bislang letzten Roman "Die Toten" reicht.
Und schließlich ist da die Szene, in der ein kanadischer Padre namens Keith dem Erzähler im Kriegsroman "Ich werde hier sein im Sonnenschein und im Schatten" in einer Höhle "geheimnisvolle Malereien" seiner Urahnen zeigt, die Urherkunftsgeschichte des Erzählers also, und dabei, während er so versunken schaut, merkt er, "dass der Padre sich, hinter mir stehend, im schwachen Schein einer Öllampe, leise keuchend selbst befriedigte".
Christian Kracht hat sich an diesem Abend in Frankfurt zwei Sätze von Walter Benjamin geliehen, um das Verhältnis von Trauma und Werk zu beschreiben: "In den Gebieten, mit denen wir es zu tun haben, gibt es Erkenntnis nur blitzhaft. Ein Text ist der lang anhaltende Donner."
Krachts Lesung in Frankfurt war, so stellen wir uns das vor, in erster Linie eine Befreiung für ihn selbst. Vielleicht auch in der Hoffnung, damit all den Menschen Mut zu machen, die selbst in einem Gefängnis der Scham, der Selbstlüge, des Unglaubens gefangen sind. Und die nicht die Gabe haben, sich dem stillen Trauma ihres Lebens schreibend und zum Gewinn der Leser zu nähern. Befreit. Ein Blitz. Ein lebenslanger Donner.
Von Volker Weidermann

DER SPIEGEL 21/2018
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