19.05.2018

Staatsministerinnen"Kulturpolitik ist Außenpolitik"

 Die SPD-Politikerin Michelle Müntefering über das Berliner Stadtschloss und koloniales Raubgut
Müntefering, 38, ist als Staatsministerin im Auswärtigen Amt für die internationale Kulturpolitik zuständig.
SPIEGEL: Frau Müntefering, nach zwei Monaten als Kulturpolitikerin – wie geht es Ihnen?
Müntefering: Sehr gut. Ich bin ja politisiert worden mit Christoph Schlingensiefs Aktion "Sechs Millionen Arbeitslose in den Wolfgangsee, wir fluten Kohls Urlaubsparadies!". Das fand der damals wahrscheinlich nicht sehr witzig. Jetzt bin ich selbst Teil der Bundesregierung.
SPIEGEL: Diese Regierung setzt mehr denn je auf Kultur. Allerdings ist die CDU da präsenter. Kulturstaatsministerin Monika Grütters hat die einstmals linke Domäne für die Konservativen gekapert. Was können Sie von ihr lernen?
Müntefering: Das Amt des Kulturstaatsministers ist vor 20 Jahren von Gerhard Schröder ins Leben gerufen worden! Jetzt sollte es auch für die internationale Kulturpolitik eine Ansprechpartnerin geben, das bin ich. Keine Sorge, Monika Grütters und ich sind im Gespräch.
SPIEGEL: Warum braucht ein Land zwei Kulturstaatsministerinnen, eine fürs Innere und eine fürs Internationale?
Müntefering: Kulturpolitik ist nun einmal eine Säule deutscher Außenpolitik, die wir in Zeiten, in denen Autokratie und Nationalismus auf dem Vormarsch sind, sogar noch ausbauen müssen. Kulturdiplomatie ist eines der wenigen Instrumente, die bleiben, wenn die klassische Diplomatie an ihre Grenzen stößt.
SPIEGEL: Was kann Kulturdiplomatie im Notfall bewirken?
Müntefering: Wir helfen konkret, um nur ein Beispiel zu nennen, verfolgten Wissenschaftlern, darunter viele aus Syrien oder der Türkei, in Deutschland Zuflucht zu finden und hier an unseren Universitäten weiterzuforschen. Bei der Frage um Deutschlands Verantwortung geht es eben nicht nur um mehr Militär, sondern auch um unsere Überzeugungen.
SPIEGEL: Die viel diskutierte Frage, wie mit kolonialem Raubgut in den deutschen Museen umzugehen ist, betrifft Kulturpolitik im Inneren und ebenso die Beziehungen zu betroffenen Ländern. Sie könnte einen Konflikt mit Grütters auslösen.
Müntefering: Ein Teil dieser Aufgabe gehört klassischerweise in den Verantwortungsbereich der inneren Kulturpolitik, etwa die Aufarbeitung und die Erforschung der Provenienzen. Darüber hinaus gilt es aber, die kulturellen Beziehungen zu stärken und Zukunftsarbeit zu leisten, in und mit den betroffenen Ländern. Das wiederum ist Aufgabe der internationalen Kulturpolitik.
SPIEGEL: Wären Sie für die Rückgabe von Raubgut?
Müntefering: Wir stehen erst am Anfang der Diskussion um die Aufarbeitung der Kolonialgeschichte. Ich bin aber sehr wohl offen für die Debatte, ob wir bezogen auf die Kulturgüter aus kolonialem Kontext beispielsweise Grundsätze der Washingtoner Kriterien anwenden.
SPIEGEL: Die wurden 1998 von vielen Staaten ratifiziert, als klar wurde, wie viel NS-Raubkunst noch in den Museen liegt. Gefordert wurden faire Lösungen in Form von Rückgabe an die Erben der Opfer oder Kompensation. Lässt sich das auf Raubgut aus kolonialen Epochen übertragen?
Müntefering: Der französische Präsident hat ein starkes Zeichen gesetzt, als er vor Kurzem versprach, afrikanisches Kulturgut zurückzugeben. Wir haben da unsere eigene Aufgabe, und die müssen wir gemeinsam mit erfahrenen Organisationen, wie etwa der Unesco, angehen. Für mich und meinen Bereich gehört dazu auch, eine kulturelle Infrastruktur in den verschiedenen Ländern mitaufzubauen.
SPIEGEL: In Berlin wird bald die Stadtschlosskopie fertiggestellt. Dort wird das Humboldt Forum einziehen, das zum Schaukasten fürs koloniale Erbe werden soll. Was halten Sie davon?
Müntefering: Vor 20 Jahren, als ich gerade bei den Jusos aktiv war, haben wir bereits darüber diskutiert, wozu dieses neue alte Schloss gut sein soll. Dann wurde schließlich die Idee entwickelt, das Humboldt Forum zu einem Zuhause der Weltkulturen zu machen. Das hat mich überzeugt, geradezu versöhnt. Auch als Staatsministerin möchte ich das weiter mit vorantreiben.
SPIEGEL: Frau Grütters hat aber genaue Vorstellungen, welche Zuständigkeiten es im Schloss geben soll.
Müntefering: Ich gehöre nun auch zum Stiftungsrat des Humboldt Forums, und dort haben wir vor ein paar Tagen wichtige Weichen gestellt, um Fahrt für eine neue Phase aufzunehmen. Das Forum soll mit dem Goethe-Institut kooperieren und so – eventuell auch noch über eine eigene Stabsstelle – die mir so wichtige internationale Dimension stärken. Ich will da nicht zu sehr vorgreifen, wir müssen dieses Vorhaben gemeinsam zum Erfolg führen. Der ist für mich dann erkennbar, wenn aus dem Haus ein Fenster in die Welt geworden ist. Ich habe nach meinen Gesprächen mit dem neuen Generalintendanten Hartmut Dorgerloh den Eindruck, dass auch er frischen Wind einziehen lassen will.
SPIEGEL: Sie bestimmen nun maßgeblich die deutsche Außendarstellung mit. Welches Bild von Deutschland wollen Sie im Ausland vermitteln?
Müntefering: Weniger ein Bild als mehr eine Haltung: Freiheit stärken, für die Demokratie eintreten, für Kooperation.
SPIEGEL: War es denn politisch klug, den Kandidaten der AfD für den Vorsitz im Unterausschuss Auswärtige Kulturpolitik durchfallen zu lassen, obwohl der Partei der Posten eigentlich zusteht?
Müntefering: Das entscheiden jetzt die zuständigen Abgeordneten. Wie es weitergeht, wird sich zeigen.
SPIEGEL: In Deutschland ist umstritten, was die nationale Identität ausmacht.
Müntefering: Ja, und das ist sicher auch eine Frage, eine Aufgabe der Kultur. Denn Kultur ist eben auch, wie Menschen miteinander umgehen. In einer Welt, die sich so stark verändert, dürfen wir streiten, aber wir müssen auch aus der Geschichte lernen. Politik sollte nicht darüber entscheiden, ob ein Kreuz an der Wand hängt oder nicht. Meine Oma war katholisch und konservativ, das Kreuz und den Rosenkranz hätte sie sicher zu ihrem Leben, zu ihrer Identität gezählt. Aber ihr die Religion wegnehmen oder befehlen – das war mit ihr nicht zu machen.
Interview: Sebastian Hammelehle, Ulrike Knöfel
Von Sebastian Hammelehle und Ulrike Knöfel

DER SPIEGEL 21/2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 21/2018
Titelbild
Der digitale SPIEGEL
Diese Ausgabe jetzt digital lesen

Die digitale Welt der Nachrichten. Mit interaktiven Grafiken, spannenden Videos und beeindruckenden 3-D-Modellen.
Sie lesen die neue Ausgabe noch vor Erscheinen der Print-Ausgabe, schon freitags ab 18 Uhr.
Einmal anmelden, auf jedem Gerät lesen - auch offline. Optimiert für Windows 8, Android, iPad, iPhone, Kindle Fire, BlackBerry Z10 sowie für PC/Mac.

Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Staatsministerinnen:
"Kulturpolitik ist Außenpolitik"

  • Videoreportage zu seltenen Krankheiten: "Du denkst, das Kind stirbt"
  • Dugongbaby Marium: Thailändische Seekuh stirbt mit Plastik im Bauch
  • Drohkulisse in Shenzhen: Was bedeuten die Militärfahrzeuge an der Grenze zu Hongkong?
  • Trumps Interesse an Grönland: US-Präsident erntet Spott