19.05.2018

HeldenBatman in Weiß

 Er war die Stimme des goldenen amerikanischen Zeitalters: eine Verneigung vor Tom Wolfe, Schriftsteller und Reporter, 1930 bis 2018. Von Thomas Hüetlin
Die Hamptons waren schon damals, vor knapp 20 Jahren, im Sommer die Hölle. Nicht allzu lange Zeit vorher hatten Autofirmen herausgefunden, dass furchtsame Menschen bevorzugt überdimensionalen Geländewagen ihr Vertrauen schenkten, weil sie nicht mehr so viel Angst hätten, dass sich etwas unter dem Wagen verstecken könne, wenn er so hoch sei.
Bei den Autobauern wollte man diesen Anfall von American Angst ursprünglich nicht wahrhaben. Aber dann gab man nach und baute diese Ungetüme für den Massenmarkt – und, peng, zogen die anderen nach.
Aus der Paranoia war eine Mode geworden, und jetzt, in diesem Sommer 1999, wurde der Wahnsinn in den Hamptons, einem Fegefeuer der Eitelkeiten der Extraklasse, voll durchgezogen.
Vom blauen Atlantik, den breiten, weißen Stränden, war nichts mehr zu sehen. Eine Wand aus Chrom und buntem Autolack verstellte die Sicht.
Tom Wolfe genoss das sehr.
Zum einen, weil er bereits damals ein gatsbyartiges Anwesen mit hohen Hecken und einem eigenen Atlantikzugang besaß.
Zum anderen, weil dieser Automobilexzess bewies, dass das amerikanische Modell blendend funktionierte: Finde eine Leerstelle im Unterbewusstsein deiner Landsleute, produziere wie ein Blöder, und du kannst steinreich werden.
"There's a sucker born every minute", soll P. T. Barnum, der große New Yorker Zirkusmann, über dieses Modell gesagt haben und formulierte damit das Credo für das Zeitalter des Massenkonsums: In jeder Minute wird ein neuer Idiot geboren.
Es war heiß, die Menschen froren in Shorts in ihren tiefgekühlten Geländewagen, aber Tom Wolfe stand mit einem Terrier an der Leine in der Einfahrt und trug sein Markenzeichen – einen dicken weißen Anzug mit einer ebenso weißen Krawatte.
Ich kletterte aus meinem Auto, deutete in Richtung der Wand aus Geländeautos und fragte Wolfe, ob er sich genötigt sehe, sich ebenfalls ein solch doch eher unpraktisches Gefährt zuzulegen.
"Ich sollte das vielleicht tun aus Gründen der Selbstverteidigung", sagte Wolfe. "Ein Fahrzeug wie der ›Annihilator‹, bei dem allein die Kotflügel fünfeinhalb Fuß in die Höhe stehen, schafft es doch, einfach alles zu überrollen, was sich ihm in den Weg stellt. Die Leute haben in den letzten Jahren so viel Geld gemacht. Jetzt wollen sie ewig leben. Am besten hat diese Haltung William Paley, der Gründer von CBS, auf den Punkt gebracht. Auf dem Totenbett rief er aus: ›Aber warum soll ich überhaupt sterben?‹"
Ich fragte Wolfe, ob er sich vor dieser Haltung grause oder sich darüber amüsieren könne.
"Ganz ehrlich", antwortete Wolfe, " ich bin völlig für die Neureichen. Deren Erfolg bedeutet doch nur: Ich kann das auch schaffen. Wenn Geld so neu sein darf, habe ich auch eine Chance, welches zu verdienen. Mein Gott, es ist doch schön, dass es so viel Geld da draußen gibt."
Es war ein anderes Land damals noch, Amerika. Clinton regierte, der Wohlstand für die meisten wuchs, auch dank der Abschaffung des "Glass-Steagall Act", der Trennung von Investment- und Privatbanken, was später fast zum Zusammenbruch des Weltfinanzsystems führen sollte.
Wolfe hatte das Gefühl, die USA seien das mächtigste und reichste Land aller Zeiten. Die Liga von Makedonien unter Alexander dem Großen, Rom unter Julius Caesar, dem Mongolischen Reich unter Dschingis Khan. Eine Arbeiter- oder Handwerkerklasse gebe es nicht mehr. Wenn man heute einen Elektriker oder einen Air-Condition-Fachmann suche, tja, Pech gehabt. Man bekomme keinen, weil die meisten gerade mit ihrer dritten Frau in der Karibik weilen würden, wo die Sonne der Goldkette in den Brusthaaren der vermeintlichen Proletarier eine Portion Extraglanz verleihe.
Es waren noch eineinhalb Jahrzehnte bis Trump. Der Größenwahn, in dem sich das Land befand und der immer neues Material für Wolfe lieferte, war noch dürftig ökonomisch unterfüttert. Aber die Anspruchshaltung, dass es immer so weitergehen müsse, immer noch größere Autos, möglichst zweimal am Tag Barbecue, Rollschuhe, Wasserski und Schönheits-OPs für alle, barg bereits das Risiko, dass sehr viele Leute sehr wütend werden würden, wenn sich herausstellte, dass eben das Versprechen, als Amerikaner ein Master of the Universe zu sein, nicht mehr für jeden Swimmingpoolbauer oder Walmart-Verkäufer gefühlt irgendwann einlösbar wäre.
"Master of the Universe" – diesen Begriff hatte Wolfe berühmt gemacht mit seinem 1987 erschienenen ersten Roman "Fegefeuer der Eitelkeiten". Der Investmentbanker Sherman McCoy war ein solcher Master, die Welt hatte ihm zu gehorchen. Manhattan war seine Kommandozentrale, als wäre die Insel sein Flugzeugträger, bis die Dinge beginnen, durch einen dummen kleinen Zufall schiefzugehen. Big Ego, Big Money, Big Trouble.
Tom Wolfe hatte stets mit großem Staunen auf die Hahnenkämpfe der amerikanischen Gesellschaft geblickt. Aufgewachsen im behüteten Richmond, Virginia, faszinierte ihn dieses Streben nach Glück made in USA, das für die meisten Teilnehmer vor allen Dingen ein Ringen um Status ist. Nach Häusern in guten Lagen, großen Uhren, tief dekolletierten Frauen und Eckbüros mit prächtiger Aussicht.
Dieser Nachkriegswohlstand entfesselte seine volle Kraft während der Sechzigerjahre, frei nach dem Motto: "Ich kaufe, also bin ich." Während die Werber in der Madison Avenue immer neue Zigaretten, Autos, Farbfernseher, Fotokameras und Bikinis anpriesen, erfand Wolfe eine Erzählform für das wild durch die Warenwelt purzelnde Individuum.
Mit diesem Drive revolutionierte er den Journalismus, wenn auch zuerst unfreiwillig.
Wolfe hatte einem wichtigen Redakteur der Zeitschrift "Esquire" eine Geschichte über die Subkultur junger Autofanatiker in Kalifornien vorgeschlagen. Wolfe lebte zwei Wochen lang im kostspieligen Beverly Wilshire Hotel in Los Angeles, und als er wieder an seinem New Yorker Schreibtisch saß, starrte er tagelang auf ein weißes Blatt Papier. Kein Einfall, keine Zeile, nichts.
Der Redakteur bat ihn schließlich resigniert, einfach die Notizen zu schicken. Wolfe begann, diese abzutippen. Eine Nacht, 49 Seiten. Der Redakteur druckte diese Notizen. Unter dem Titel "The Kandy-Kolored Tangerine-Flake Streamline Baby" wurden diese zum ersten Klassiker des "New Journalism". Eines neuen Stils zu schreiben, der die Pop- und Wohlstandsexplosion der Sechziger aufsog und spiegelte.
Geprägt von Jazz und Rock 'n' Roll, mit einem Sinn für Tempo und Pointen, sollte eine Story jetzt klingen wie großes Kino. "Like a movie", forderte Wolfe ungeniert. Eine gute Geschichte sollte starten mit einem Feuerball wie eine Mondrakete, sie sollte swingen wie "A Hard Day's Night" von den Fab Four, sie sollte schweben wie ein Schmetterling und zustechen wie eine Biene – oder Muhammad Ali.
Apropos Beatles. Natürlich schrieb Wolfe auch über sie und ihre ewigen Konkurrenten, die Stones. "Die Beatles kommen, um deine Hand zu halten, die Stones, um deine Stadt niederzubrennen", textete Wolfe. Er brachte die Sache auf den Punkt und die Worte zum Tanzen.
Image war eines der großen Phänomene dieses neuen visuellen Zeitalters, ein Star zu sein, ein Verlangen der heraufziehenden Gesellschaftsdroge Narzissmus. Also lief Wolfe bald nicht mehr nur im Sommer, sondern auch im Winter in seinem weißen Anzug herum. Er besaß mutmaßlich 40 Stück davon, er zog die Dinger nur noch zum Schlafen aus.
Der weiße Anzug wurde seine Uniform, sein Markenzeichen wie das Cape von Batman. Tschok, zack, kabum, da war er wieder, der Verrückte mit seinem weißen Anzug.
Wichtig war es auch für Wolfes Auftritt, die richtigen Feinde zu haben. Norman Mailer, John Updike, John Irving, das gesamte Establishment der amerikanischen Literatur begegnete dem Journalisten, der ab Mitte der Achtziger als Romanautor Millionen verdiente, mit Verachtung.
Über Wolfes "Ein ganzer Kerl" schrieb Mailer: "Wolfes Buch zu lesen ist wie Sex mit einer 300 Pfund schweren Frau. Wenn sie erst einmal oben ist, hast du nur noch zwei Chancen. Verliebe dich oder ersticke."
Wolfe antwortete damals in den Hamptons mit stolzem Spott in den Augen. "Ich bin der Leithund, und Mailer ist ein Teil der Meute, die an meinen Absätzen sabbert und versucht, mich in den Hintern zu beißen." Er schätzte diese Duelle mit Mailer – auch weil der linkskonservative Mailer zuletzt im äußerst exklusiven Provincetown auf Cape Cod lebte.
Im Dezember 2012 habe ich Wolfe noch einmal besucht, in seiner Zwölfzimmerwohnung im 14. Stock am Central Park in New York. Die Sirenen der Feuerwehr auf den Straßen unten klangen hier oben wie zartes Vogelgezwitscher. Mailer und Updike waren bereits einige Zeit tot, aber ein dünner, leicht zitternder Tom Wolfe hielt noch immer Hof in seiner weißen Uniform.
Sein Spott war noch da, und gelegentlich glitten seine Worte noch dahin wie ein Song von Cole Porter, aber das Schreiben, das er täglich pflichtschuldig absolvierte wie seine Liegestütze im Gym, kosteten ihn allmählich mehr Kraft, als er zurückgewann.
Sein eben erschienener Roman "Back to Blood" wirkte ein wenig aufgepumpt, auch wenn seine Passagen über die Art Basel-Miami zum Lustigsten und Scharfsinnigsten gehören, was ich über das neue vermeintliche Masseninteresse an moderner Kunst bis heute gelesen habe. Damien Hirst oder Jeff Koons waren für Wolfe nur neue Statussymbole, die den Besitzer als "someone who is in the know" auswiesen. Jemanden mit Geheimwissen, jemanden mit einer quasireligiösen Spezialantenne in der Sphäre der Superreichen. Jacht, Heli-Landeplatz, Learjet? Kann jeder. Aber eine Arbeit von Bruce Nauman? Wow, he is sooooooo in the KNOWWWWWW!
Tom Wolfe gehörte zu den großen Künstlern, die dem nun unter Trump im Zeitraffer verbleichenden goldenen amerikanischen Zeitalter eine Stimme gaben. Er lebte für das Schreiben und durch das Schreiben, er brachte uns mit so vielen seiner Geschichten zum Lachen, also fragte ich am Ende meines Besuchs, ob es ihm eigentlich noch Spaß bereite, das Schreiben.
Er blickte mich an wie ein Mann, den man fragt, ob es ihm Spaß mache, während eines Staus in einem Bus zu stehen.
"Ich traue keinem, dem das Spaß macht", sagte Wolfe. "Es ist die härteste mentale Arbeit überhaupt. Man muss so viele Dinge beachten und verknüpfen. Trotzdem stellt man oft fest, o mein Gott, alles Müll."
Verneigung, fliegender Reporter.
Von Thomas Hüetlin

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