19.05.2018

RassismusDa war doch was, da ist doch was

 Eine Ausstellung in Dresden widmet sich der Erfindung von Menschenrassen. Im Raum steht auch die Frage: was zeigen und was nicht?
Zwei Beispiele aus der vergangenen Woche. Auf dem Parteitag der FDP am Samstag forderte deren Vorsitzender Christian Lindner, dass man beim Bäcker Sicherheit darüber haben müsse, ob jemand, der "anders aussieht und nur gebrochen Deutsch spricht", legal oder illegal hier sei, und somit kein Zweifel an seiner "Rechtschaffenheit" bestehe. Viele Menschen fanden das rassistisch, wodurch sich andere wiederum dazu genötigt sahen, vor der "Rassismuskeule" (so Julia Klöckner, CDU) zu warnen.
Am Montag twitterte das ZDF einen Link zu einer Folge von "Terra X". Deren Titel lautete: "Gibt es menschliche Rassen?" Angeteasert wurde die Sendung mit den Worten: "Hat die Abstammung eines Menschen Einfluss darauf, wie intelligent er ist? Es gibt Leute, die genau das bejahen. Doch gibt es wirklich menschliche Rassen? ›Terra X‹ geht der Frage nach." Beantwortet wurde sie schnell und klar. Mit: nein. In der sich auf Twitter ausbreitenden Diskussion fragte eine Nutzerin, ob man demnächst dann auch Sendungen zur These "Ist die Erde eine Scheibe?" machen wolle.
Beide Beispiele zeigen: Man muss kein Rassist sein, um rassistische Strukturen fortzuschreiben. Es muss nicht mal Kalkül sein. Es reicht ein Subtext, der eine leise Ahnung bestärkt, etwas, das wir eingesogen haben über Jahrhunderte, das irgendwo in uns wie Schlacke am Grund liegt und darauf wartet, an die Oberfläche zu kommen. Da war doch was. Da ist doch was. Da muss doch was sein. Ein Unterschied. Zwischen uns und den anderen.
Das Deutsche Hygiene-Museum in Dresden versucht, diese Ablagerung zu untersuchen. Die Ausstellung "Rassismus – die Erfindung von Menschenrassen" stellt schon im Titel klar, dass die Rassenidee ein Konstrukt ist. Und allein schon das löst Irritationen aus, Widerspruch und Angst. In einer kleinen Vorankündigung zur Ausstellung auf der Website des MDR Ende 2017 lesen sich viele Kommentare wie das Ausbuchstabieren dessen, was die Kuratorin, Susanne Wernsing, die "Angst vor der Abgabe von Deutungshoheit" nennt.
Wissenschaftlich gesehen gibt es keine Menschenrassen. Zwischen den Menschen ist die genetische Varianz so gering, dass der Begriff keinen Sinn ergibt. Tierische Rassen hingegen sind das Resultat von Züchtungen, von menschlichem Eingriff.
Die Ausstellung ist in vier Teile gegliedert. Zunächst geht es um die Anfänge der Rassenforschung und deren vermeintliche Wissenschaftlichkeit. Im zweiten Teil steht das Hygiene-Museum selbst im Mittelpunkt, das seinen eigenen unrühmlichen Beitrag zur Rassenhygiene schon vor und während des Nationalsozialismus geleistet hat. Der dritte Raum befasst sich mit der kolonialen Gewaltherrschaft, der vierte schließlich stellt die Frage: Wie wollen wir zusammen leben? Videos und Installationen beschäftigen sich mit Alltagsrassismus und wollen die Besucher in einen Dialog bringen.
Das ist viel, sehr viel sogar, und dass es nicht zu viel ist, liegt unter anderem an der Ausstellungsgestaltung. Der Architekt Diébédo Francis Kéré hat die Räume auf eine Weise konzipiert, die den Objekten Raum lässt, aber trotzdem eine Struktur anbietet, die mit dem Gezeigten kommuniziert.
Ein großes Holzregal empfängt den Besucher, es sieht schön aus im gedimmten Licht, es scheint durch den Raum zu wuchern, wächst in die Höhe, schlägt Brücken. Ein Ordnungssystem für die Exponate, das selbst Kommentar ist.
Das Wort Rasse, das sich vom arabischen Wort ras (Kopf, Anführer) und dem lateinischen radix (Wurzel) ableitet, war im Mittelalter nur in der Pferdezucht gebräuchlich und wurde erst im frühen 16. Jahrhundert, gegen Ende der spanischen Reconquista, der "Rückeroberung", auf Menschen angewandt. Ziel war es, neben die "Reinheit des Glaubens" die "Reinheit des Blutes" zu stellen und damit die zunehmend nicht christlichen Religionen im spanischen Gebiet anders zu qualifizieren und herabzusetzen.
Hier zeigt sich schon ein Grundmuster rassistischen Denkens: Es ist dann stark, wenn etwas in Bewegung gerät, eine Unordnung entsteht, und diese dann, um daraus Kapital zu schlagen, in eine vermeintlich natürliche Ordnung wieder zurückgeführt werden soll. So war es auch der Ordnungs- und Kategoriesierungsdrang der Aufklärung, der die wissenschaftliche Verwendung des Rassebegriffs und -gedankens immer weiter vorantrieb. Zudem wollte man aus ideologischen Gründen Menschen unterschiedliche Qualitäten zuzuordnen.
Der Historiker Christian Geulen beschreibt dies in einem Text zur Ausstellung: "Erst als Humanismus, Naturrecht und Aufklärung aus dem christlichen Menschheitsverständnis das säkulare Konzept einer universalen Menschheit entwarfen, bedurften die faktischen Differenzierungen, Ungleichheiten und Ungleichbehandlungen zwischen Menschen einer neuen Begründung." Es ist zynisch: Indem Menschenrechte proklamiert wurden, musste dafür gesorgt werden, dass es Menschen gibt, für die diese Rechte nicht gelten. Die Idee der Gleichheit stimmte schlicht nicht mit der gesellschaftlichen Wirklichkeit überein.
Damit begann die wissenschaftliche Untersuchung der vermeintlichen Rassen, die typischerweise auf Zirkelschlüssen beruhte: Man nimmt ein paar Menschen als Beispiel, sucht sich das passende Instrumentarium, entwickelt eine Skala und wendet diese dann wiederum auf genau diese Menschen an, und siehe: Es passt. Diese Skalen können Farbtafeln für Hautfarbe sein. Oder Augentafeln. Oder Haare.
Echte Haare liegen da, in der Dresdner Ausstellung, fein säuberlich sortiert nach Farbe und geografischer Herkunft. Doch menschliche Überreste zeigt kaum ein Museum mehr, auch diese Ausstellung sonst nicht. Da Haare aber heute noch in europäischen Sammlungen zu finden sind, hat sich Kuratorin Wernsing dazu entschlossen, sie hier auszustellen.
Die damit einhergehende Überlegung, was in einer derartigen Ausstellung gezeigt werden soll und was nicht, betrifft letztlich beinahe jedes Objekt. Denn immer wieder droht die Gefahr, ein Gewaltverhältnis, das die Ausstellung eigentlich erklären will, wieder neu herzustellen. "Viel zu spät", sagt Wernsing, habe man sich entschlossen, auch Menschen mit ins Team zu holen, die selbst von Rassismus betroffen sind. Die Ausstellung wurde noch einmal komplett gesichtet. Zusammen mit den Aktivisten, Forschern und Mitgliedern diverser Initiativen ging das Museumsteam die einzelnen Exponate durch und kam zu dem Schluss, manches nicht mehr zu zeigen.
Zum Beispiel eine Fotografie von Alice Seeley Harris. Die britische Missionarin hatte Anfang des 20. Jahrhunderts die Menschenrechtsverletzungen im Kongo fotografisch dokumentiert. Auf dem Foto sieht man Harris, wie sie in weißem Kleid in einer riesigen Gruppe schwarzer nackter Kinder steht, etwas erhöht, sodass es wirkt, als bildeten die Schwarzen einen Hügel, auf dem die Weiße thront.
Die Frage, die sich das Museum selbst stellen muss, lautet: Wie stellt man Rassismus dar und entzieht ihm gleichzeitig seine Bilder? Soll man das 1797 gemalte Bild zeigen, das Jean-Baptiste Belley zeigt, wie er lässig an einer Büste des Schriftstellers Abbé Raynal lehnt, der sich für die Aufhebung der Sklaverei ausgesprochen hatte? Was zunächst als respektvolle Darstellung erscheint, wird unterlaufen, indem der Maler Belley die Hand auf sein Geschlecht zeigen lässt, ein Hinweis auf Unzivilisiertheit.
Das Museum entschied: ja. Das ist anstrengend und mühsam, aber unerlässlich, nicht zuletzt deshalb, weil derselbe Prozess in der Gesellschaft stattfindet.
Es geht darum, was man noch sagen sollte und was nicht, ob man das N-Wort aussprechen und ausschreiben sollte – das Museum entschied: nein –, was die Gemü-
ter in den sozialen Medien, aber genauso auf der Straße am meisten erhitzt. Wenn Museen Teil des Diskurses sein wollen, bleibt ihnen nur, selbst zu entscheiden und diesen Prozess transparent zu machen. Die "Abgabe von Deutungshoheit" – sie betrifft auch die Museen, und dass die Dresdner Ausstellung das zwar spät begriffen, dann aber zum Thema gemacht hat, ist genauso wichtig wie das, was man schlussendlich in den Vitrinen sieht.
Es fängt alles mit dem Geisterkoffer an, im ersten Raum. Damit sollten außersinnliche Phänomene nachgewiesen werden, man wollte Geistererscheinungen belegen und mit Verstorbenen Kontakt aufnehmen. Quatsch, sagt man heute. Damals war das Wissenschaft. Zur selben Zeit wurden mit den gleichen Instrumenten Rassenuntersuchungen gemacht. Um etwas zu beweisen, was man haben wollte, weil es einem passte, nicht weil es da war. An Geister glaubt kaum einer mehr, an die Existenz von Rassen aber schon.
* Gemälde von Anne-Louis Girodet, 1797.
* Aus Synthetikhaar geflochtene Flagge, Titel: "This Land Is OUR Land".
Von Xaver von Cranach

DER SPIEGEL 21/2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 21/2018
Titelbild
Der digitale SPIEGEL
Diese Ausgabe jetzt digital lesen

Die digitale Welt der Nachrichten. Mit interaktiven Grafiken, spannenden Videos und beeindruckenden 3-D-Modellen.
Sie lesen die neue Ausgabe noch vor Erscheinen der Print-Ausgabe, schon freitags ab 18 Uhr.
Einmal anmelden, auf jedem Gerät lesen - auch offline. Optimiert für Windows 8, Android, iPad, iPhone, Kindle Fire, BlackBerry Z10 sowie für PC/Mac.

Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Rassismus:
Da war doch was, da ist doch was

  • Vor G7-Gipfel in Biarritz: "Die Stadt ist zu einer Festung geworden"
  • Brände im Amazonas: Bolsonaro kündigt Strafen für Brandrodungen an
  • Flaschenpost aus Russland: Nach 50 Jahren in Alaska gefunden
  • Jagdtricks von Delfinen: Die "Hau-drauf-hau-rein"-Technik