19.05.2018

FilmkritikLa La Land im Weindepot

 Sandra Hüller und Franz Rogowski sind ein hinreißendes Paar im Liebesdrama „In den Gängen“.
Die Romanze unter zwei Supermarktangestellten, von der "In den Gängen" erzählt, ist eine Spur zu schön, als dass sie wirklich wahr sein könnte – aber das passt ganz gut zu einem Geschäft, in dem es ums verführerische Präsentieren eigentlich banaler Dinge geht. Es ist ein Lebensmittelgroßmarkt irgendwo in der Steppe vor den Toren Leipzigs, in dem der Film des Regisseurs Thomas Stuber spielt. Man sieht darin sagenhaft schön komponierte Bilder von tanzenden Gabelstaplern, von penibel aufgefüllten Regalen mit Weinflaschen und Nudelkartons, von regennassen Parkplatzflächen in der Morgendämmerung. Die Supermarktmalocher selbst sehen noch vor dem Kaffeeautomaten im Aufenthaltsraum so toll aus, als hätte sie ein Kunstfotograf für eine Ausstellung über die Anmut der werktätigen Klasse abgelichtet.
Der mit einem wunderbar ruhigen Blick und einem aparten Lispelsprachfehler gesegnete Schauspieler Franz Rogowski ist Christian, der junge neue Angestellte im Großmarkt. Sie nennen ihn "Frischling". Am Anfang des Films bekommt er Dienstkittel, Namensschild, Kugelschreiber und den Cutter verpasst, mit dem die Bänder aus Plastik zu zerschneiden sind, die bei fast allen Waren zur Verpackung gehören. Christian wird Bruno (Peter Kurth) zugeteilt, dem altgedienten Herrn der Getränkeabteilung. Die beiden Männer wuchten Wasserkisten von Paletten, lassen den Stapler schnurren und rauchen auf dem Klo, dabei schweigen sie die allermeiste Zeit. Als der Frischling Christian sich in Marion (Sandra Hüller) aus der Süßwarenabteilung verguckt, die leider verheiratet ist, haben die Männer beim Schweigen wenigstens ein Thema.
"In den Gängen" lief im Februar im Wettbewerb der Berlinale und beruht auf einer Erzählung des Schriftstellers Clemens Meyer. Meyer lebt in Leipzig und ist ein bisschen berühmt für die liebevolle Präzision, mit der er die Außenseiter, Unterprivilegierten und manchmal auch Kriminellen der ostdeutschen Großstadtwelt porträtiert. Der Autor hat, wie schon bei Stubers Boxerdrama "Herbert" (2016), auch diesmal am Drehbuch mitgeschrieben. Gemeinsam feiern Schriftsteller und Filmemacher nun die Supermarktbelegschaft als ruppige, unter schwer erträglichen Bedingungen hart arbeitende, unbedingt solidarische Gemeinschaft. In der Truppe von Verkäuferinnen und Verkäufern, Lageristinnen und Lageristen herrscht eine Warmherzigkeit, die der Zuschauer surreal finden darf.
Manchmal wühlen die Werktätigen nach Dienstschluss trotz strengen Verbots in den Abfallcontainern und stopfen Seite an Seite ein paar der Lebensmittel in sich hinein, die sie wegen des abgelaufenen Verfallsdatums wegwerfen mussten. Ab und zu spricht Franz Rogowskis Erzählerstimme aus dem Off ein paar Sätze, die wie lyrische Tagebucheinträge klingen. "Es gab kein Tageslicht in den Gängen", sagt er zum Beispiel. Oder: "Wenn wir nach Feierabend den Markt verlassen haben, war draußen alles anders."
Mit großer Geduld erkundet Stubers Film die Regeln, nach denen die geschlossene Welt des Supermarkts funktioniert. Der Zigaretten- und Zeitungsshop im Markt beispielsweise ist ein Rückzugsort, in dem sogar Schach gespielt wird. Und der väterliche Marktleiter verabschiedet die Frauen und Männer aus dem Team am Ende jeder Schicht mit Handschlag.
Viele Szenen des Films sind mit Musik unterlegt, mal mit sorgfältig ausgesuchtem zeitgenössischem Pop und mal mit Klassik-Gassenhauern von Johann Strauß und Johann Sebastian Bach. Mitunter wirkt "In den Gängen" wie ein Musical. Zumindest würde es einen nicht wundern, wenn Sandra Hüller und Franz Rogowski plötzlich lossingen würden wie Emma Stone und Ryan Gosling in "La La Land". Die Palmentapete in einem der sächsischen Großmarktbüros sieht aus wie eine halb wehmütige, halb ironische Hommage an den kalifornischen Strand und an Hollywood.
Allein die Untertreibungskunst der Schauspieler rettet Stubers Film, der natürlich von der Verlorenheit des Einzelnen im Kapitalismus erzählen will, vor dem Kitsch. Sandra Hüller und Peter Kurth sind schon länger für ihre Arbeit in Film und Theater hoch geachtet. Franz Rogowski wird erst in jüngster Zeit sogar in der "New York Times" als herausragender deutscher Sonderlingsdarsteller gefeiert; zuletzt war er für cineastische Großprojekte von Michael Haneke, Terrence Malick und Christian Petzold engagiert.
Es ist hinreißend, wie Rogowski im eher kleinen Film "In den Gängen" der Frau seiner Sehnsucht lange Blicke zuwirft, kleine Geschenke macht und über die Hindernisse verzweifelt, derentwegen die Liebenden offensichtlich nicht zueinander kommen können. Christian war mal im Knast, Marion hängt an ihrem Ehemann, der mutmaßlich ein Schlägertyp ist – aber die Art, wie das Paar von der ganzen Supermarktbelegschaft mit Zuneigung überschüttet wird, lässt schon ahnen: Der scheinbar unmöglichen Liebe im Zentrum dieses Films dürfte in naher Zukunft ein Märchenfinale beschert sein.
Kinostart: 24. Mai
Von Wolfgang Höbel

DER SPIEGEL 21/2018
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