19.05.2018

GESTORBENDieter Kunzelmann, 78

Er war eine der schillerndsten Figuren der Revolte von 1968. Dieter Kunzelmann, Sohn eines Bamberger Sparkassendirektors, schloss sich in München der Künstlergruppe Spur an, wegen Gotteslästerung wurde er strafrechtlich verfolgt. Kontakt mit Staatsanwälten sollte zu einer Konstante seines unruhigen Lebens werden. 1967 gründete er in West-Berlin mit Fritz Teufel und anderen die Kommune 1, Vorbild für viele Wohngemeinschaften jener Jahre. Nachdem sie mit Puddingbomben ein Attentat simulieren wollten, wurden die Bewohner festgenommen. Kunzelmann war ein begnadeter Selbstdarsteller und Provokateur: Anlässlich eines Staatsakts sprang er im Nachthemd aus einem Sarg, vor Journalisten klagte er über "Orgasmusschwierigkeiten". Er gehörte zum "Zentralrat der umherschweifenden Haschrebellen", einem mit Sinn für Ironie benannten linksradikalen Bündnis, später zu den Tupamaros West-Berlin, einer terroristischen Gruppierung. Eines ihrer Mitglieder legte am 9. November 1969 im Jüdischen Gemeindehaus in West-Berlin eine Brandbombe, die ein V-Mann des Verfassungsschutzes geliefert hatte. Sie richtete zum Glück keinen Schaden an. Kunzelmann propagierte die Solidarität mit den gegen Israel kämpfenden Palästinensern, er lästerte über den "Judenknax" der deutschen Linken, bestritt aber die Verantwortung für das unsägliche Attentat. Da er wegen verschiedener Anschläge im Gefängnis saß, konnte er sich Anfang der Siebzigerjahre nicht den Terroristen der Bewegung 2. Juni anschließen. Schon vor seiner endgültigen Freilassung strebte er 1975 ins West-Berliner Abgeordnetenhaus, scheiterte aber als Kandidat einer maoistischen Kleinpartei. 1983 zog er dann doch ins Parlament ein, für die Alternative Liste, die Vorgängerpartei der Grünen in West-Berlin. Als Abgeordneter brachte er die CDU-Fraktion zur Weißglut, später traktierte er den Regierenden Bürgermeister Eberhard Diepgen und dessen Dienstwagen mit Eiern. Den Antritt der Haft verzögerte er, indem er einen Suizid simulierte. In den letzten Jahren zog sich der selbst ernannte "Obermufti des Chaos" in seine Zwei-Zimmer-Hinterhofwohnung in Kreuzberg zurück. Interviews gab er nur noch gegen ordentliches Honorar. Dieter Kunzelmann starb am 14. Mai in Berlin.
Von MBS

DER SPIEGEL 21/2018
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