19.05.2018

Irak IISieg des Predigers

 Einst töteten Muqtada al-Sadrs Milizen US-Soldaten und Sunniten. Jetzt hat sein Bündnis die Wahl gewonnen – und das könnte sogar gut sein.
Er war der Irrwisch des neuen Irak, auferstanden aus den Trümmern von Saddam Husseins Diktatur, die Amerikas Streitmacht in nur knapp vier Wochen zusammengebombt hatte: Muqtada al-Sadr. Jung, zornig und mächtig dank seines Namens. Denn er ist einer der letzten männlichen Überlebenden der berühmtesten schiitischen Klerikerdynastie im Irak. Seinen Vater und zwei Brüder hatte Saddam ermorden lassen. Dass Muqtada al-Sadr davonkam, lag an seinem Ruf, sich eher für seine Playstation als für Politik zu interessieren.
Kaum waren die US-Truppen in Bagdad einmarschiert, trafen sie auf wütende Menschenmassen, ausgerechnet jene, die sie doch gerade befreit hatten: die Schiiten, die ewig unterdrückte Mehrheit im Irak, von denen mehr als zwei Millionen allein in Bagdads größtem Slum lebten, in Saddam City, umgehend umgetauft in Sadr City. Ihr Anführer: Muqtada al-Sadr.
Seine auf Zehntausende anwachsende »Armee des Mahdi« machte brutal klar, dass sie sich nicht der US-Herrschaft unterwerfen würde. »Sadr« wurde zum Schreckensruf. Seine Milizen waren verantwortlich für zwei Aufstandswellen gegen die Amerikaner, für Entführungen und Morde an Sunniten, Homosexuellen, einstigen Saddam-Getreuen, Atheisten. Sadr gewährte keine langen Interviews. Traf man ihn, wie etwa Ende 2003 in einer Moschee in Kufa, gab er lediglich ein Stakkato von Slogans gegen die Ungläubigen von sich.
Jetzt, 15 Jahre später, hat ebendieser Mann mit einem Bündnis aus seinen Anhängern, Kommunisten und Säkularen die meisten Stimmen bei der Parlamentswahl gewonnen. Und zwar mit einem Programm, das der komplette Gegenentwurf zum früheren Sadr ist.
Damit hat Muqtada al-Sadr, mittlerweile 44, eine spektakuläre politische Verwandlung durchlaufen – die auf den ersten Blick widersprüchlicher erscheint, als sie tatsächlich ist.
In den ersten Jahren der amerikanischen Besatzung zog sich Sadr immer wieder nach Iran zurück, um nicht von den Amerikanern gefangen genommen oder umgebracht zu werden. Dass Teheran Sadr zu einem seiner Satrapen im Irak machen wollte, führte aber schließlich zum Bruch. Anders als viele Schiitenführer, die sich in Treueschwüren an Irans Revolutionsführer Ali Khamenei überbieten, setzte sich Sadr von dem Regime ab – und wurde ein irakischer Nationalist mit politischen Ambitionen. So wie einst sein Vater, den Saddam deshalb hatte umbringen lassen.
Mit Sadr geißelte ausgerechnet ein Abkömmling der verehrtesten Ajatollahs den Glaubensmissbrauch und die Unterdrückung der Sunniten im Irak. Aber wer außer ihm hätte es auch wagen können, sich Iran so glaubhaft und entschlossen entgegenzustellen?
Sadr und seine Anhänger meinten es ernst, das zeigte sich bei mehr als einer Gelegenheit. Im Sommer 2015 etwa, als rund 50 000 Sunniten aus Anbar auf der Flucht vor dem »Islamischen Staat« nahe Bagdad strandeten und man sie nicht weiterließ, weil sie, wie alle Sunniten, als potenzielle IS-Terroristen galten. Die einzigen Helfer, die Wasser, Nahrung und Medikamente verteilten, waren Sadrs Leute. Und als im Frühjahr 2016 schiitische Milizen in der Stadt Tus Khurmatu auf kurdische Peschmerga und arabische Flüchtlinge losgingen, weigerte sich Sadrs mittlerweile in Friedenskompanie umgetaufte Miliz, auf Kurden und Araber zu schießen. »Wir müssen die Sunniten als gleichberechtigte Bürger behandeln, sie für uns gewinnen«, sagte 2015 Saleh Obeidi, einer der engsten Berater Sadrs. »Sonst zerstören wir den Irak endgültig.«
Danach richtete sich Sadr gegen die Korruption; wobei auch seine Minister in diversen Regierungen einst berüchtigt waren für ihre Gier. Gemeinsam mit den Kommunisten führten Sadrs Anhänger dennoch 2016 monatelange Proteste gegen die Korruption an, überrannten schließlich die Grüne Zone, das hochgesicherte Areal der Mächtigen in Bagdad, und zwangen Premier Haider al-Abadi zur Kabinettsumbildung.
So ungewöhnlich das Bündnis mit den Kommunisten klingt, es hat historische Wurzeln, denn einst war die irakische KP vor allem die Partei der Schiiten.
Bei der Wahl am 12. Mai hatte Sadr seinen bisherigen 34 Abgeordneten verwehrt, abermals anzutreten, stattdessen ließ er Technokraten verschiedener Konfessionen aufstellen. Damit hat er offenbar den Nerv der Bevölkerung getroffen, sein Bündnis liegt vorn, vor der Allianz des Premiers Abadi. Sadr selbst kann nicht Premier werden, da er nicht angetreten ist. Aber er könnte Königsmacher sein in einer Koalition.
»Er ist der einzige Politiker mit einer klaren Vision für den Irak«, konstatiert ein westlicher Diplomat in Bagdad. »Irak zuerst, Korruption ausrotten, eine Regierung der Technokraten.« Keine neue Idee, aber ausgerechnet Muqtada al-Sadr, der Nachkomme legendärer Geistlicher, hätte die Macht, sie durchzusetzen.
Nicht das Schlechteste, was man aus solch einem Erbe machen kann.
Von Christoph Reuter

DER SPIEGEL 21/2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 21/2018
Titelbild
Der digitale SPIEGEL
Diese Ausgabe jetzt digital lesen

Die digitale Welt der Nachrichten. Mit interaktiven Grafiken, spannenden Videos und beeindruckenden 3-D-Modellen.
Sie lesen die neue Ausgabe noch vor Erscheinen der Print-Ausgabe, schon freitags ab 18 Uhr.
Einmal anmelden, auf jedem Gerät lesen - auch offline. Optimiert für Windows 8, Android, iPad, iPhone, Kindle Fire, BlackBerry Z10 sowie für PC/Mac.

Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Irak II:
Sieg des Predigers

  • Doku über DNA-Reproduktion: Missy, die Mammut-Leihmutter
  • Jagdtricks von Delfinen: Die "Hau-drauf-hau-rein"-Technik
  • Starkes Gewitter im Tatra-Gebirge: Mindestens fünf Menschen getötet
  • Nach Notwasserung: Pilot filmt eigene Rettung