19.05.2018

KommentarGläubige und Glaubwürdigkeiten

Die Anhänger von Joseph Beuys versuchen, ihr Idol vor der Wahrheit zu schützen. Von Ulrike Knöfel
 Es ist faszinierend, wie mit der wachsenden Bekanntheit einer Person die Unsicherheit darüber zunehmen kann, wer dieser Mensch wirklich ist oder war. Joseph Beuys etwa: Viele Kunstexperten älteren Jahrgangs schätzen ihn, manche trafen ihn persönlich, profitierten von seinem Ruhm. Für sie ist Beuys ausreichend ausgeleuchtet, als Künstler, als (ehrenwerter) Charakter. Beuys gilt es nicht mehr zu hinterfragen, nur noch zu feiern. Seit fünf Jahren aber stört eine Debatte diese Andacht – ausgelöst vom SPIEGEL (20/2013), der eben doch Fragen zu Beuys stellte. Seither wird immer lauter darüber diskutiert, und derzeit besonders heftig, warum viele Seiten seiner Persönlichkeit ausgeblendet werden. Warum log er oft, wenn es um seine Vergangenheit (etwa im Krieg) ging? Weshalb umgab er sich mit Altnazis, mit einem Holocaust-Leugner? Warum blieb er ein Anhänger des Anthroposophen Rudolf Steiner, ohne sich von dessen rassistischen Ansichten zu distanzieren?
2017 kam eine Dokumentation über Beuys in die Kinos, vor Kurzem wurde sie mit dem Deutschen Filmpreis prämiert – obwohl der Regisseur Andres Veiel Beuys sogar zum Märtyrer made in Germany verklärt. Und was Veiel in Interviews von sich gibt, nämlich, dass Auschwitz für diesen Künstler eine deutsche Wunde gewesen sei – das hält der in Harvard lehrende Kunsthistoriker Benjamin Buchloh für eine »absolute Obszönität«. Solche Termini drückten »deutsches Selbstmitleid« aus, keine Einsicht. Denn: Wurde dem Tätervolk eine Wunde zugefügt?
Vor fünf Jahren erschien die investigative Beuys-Biografie des Autors Hans Peter Riegel; jetzt kam eine erweiterte Version heraus. Biograf Riegel gab vor Kurzem ein Interview, es hagelte Entgegnungen, abgedruckt in der »Süddeutschen Zeitung«. Echte Argumente der Anhänger fehlten, allein der Glaube war spürbar. Doch Kunst ist nichts, das man vor der Wahrheit schützen muss. Beuys, der hoch talentierte Vernebler seiner selbst, ist nicht mehr das Problem, die Heuchelei der Kunstwelt, ihre schwindende Glaubwürdigkeit sind es sehr wohl.
Von Ulrike Knöfel

DER SPIEGEL 21/2018
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