19.05.2018

Nils Minkmar Zur ZeitFrau Nummer 15

In Frankreich ist die Aufnahme eines Autors in die »Bibliothèque de la Pléiade« des Verlags Gallimard bedeutender als der Nobelpreis. Hier werden aus Büchern Zeugnisse für kommende Generationen. Aber dieser Inbegriff des Kanons reflektiert auch die Machtverhältnisse der literarischen und der übrigen Welt: 209 Männer fanden bis dato Aufnahme in die »Pléiade«, aber nur 14 Frauen. Nun kommt die 15., und das Problem wird erstmals zum Thema, denn die neue ist Simone de Beauvoir. In zwei Bänden erscheinen jene Bücher, in denen sie über ihr Leben Auskunft gibt. Gefeiert wird der Verlag für diese späte Entscheidung nicht. Es ist, wie es immer war: Beauvoir kann es niemandem recht machen.
Aber man könnte auch einfach draufloslesen. In diesen Memoiren begegnet man einer Frau, wie es im vorigen Jahrhundert sonst keine gab. Die keine Kinder wollte, sondern lieber schreiben. Die den Heiratsantrag ihres lebenslangen Partners Jean-Paul Sartre ablehnte und die, als sie endlich mal einen ordentlichen Preis erhielt, nicht zur Verleihung erschien. Beauvoir galt der Bourgeoisie ihrer Zeit mindestens als linksradikale Nymphomanin, manchen Feministinnen aber als zu wenig emanzipiert, weil in ihrem Leben ein Mann eine Konstante bildete, der sich doch allerlei Freiheiten nahm. Zeitgenössisch und posthum hat jeder eine Meinung zu den beiden. Es ist mit ihnen, wie wenn der Name Einstein fällt – dann findet sich immer jemand, der bemerkt, der habe doch gar nicht rechnen können. So viele Helden hat das 20. Jahrhundert nicht hervorgebracht, als dass sie per Anekdote dekonstruiert werden müssten.
Die Nachricht von der »Pléiade«-Ausgabe gab »Le Monde« Anlass, Beauvoir vorzuwerfen, sich stets als Nummer zwei hinter Sartre verstanden zu haben. Solche Kritik ist bemüht. Man sieht oft Frauen, die ein Taschenbuch von Beauvoir lesen – aber wer schaut heute noch in ein Werk von Sartre? In der Prüfung für Gymnasiallehrer war Beauvoir die Zweitbeste ihres Jahrgangs, Sartre war der Beste. Allerdings war er im Jahr zuvor durchgefallen. Heute teilen sich beide ein schmales Grab auf dem Pariser Friedhof Montparnasse. Es ist, hochverdient, die Nummer eins.
An dieser Stelle schreiben Nils Minkmar und Elke Schmitter im Wechsel.
Von Nils Minkmar

DER SPIEGEL 21/2018
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