19.05.2018

Die Dinge des Lebens

Masken und Statements In der U-Bahn, wo das Licht grell und wenig schmeichelhaft ist, fiel mir zum ersten Mal eines dieser Mädchen mit viel zu dickem Make-up auf. Ich saß ihr drei Stationen lang gegenüber und konnte unauffällig betrachten, dass in ihrem Gesicht hellere und dunklere Farbflächen in verschiedenen Nuancen ineinander verwischt waren. Es sah sehr professionell aus, ich kam mir gleich ganz blass vor, fragte mich aber auch, wo die jungeFrau am Dienstagmorgen um halb zehn mit diesem Gesicht hinfährt.
Wie immer, wenn die eigene Aufmerksamkeit für etwas geweckt wird, sah ich plötzlich überall junge Frauen mit spachteldickem Make-up. Die Tochter einer Freundin erklärte mir, es handle sich um Contouring, eine Schminktechnik, um sich auf Instagram-Fotos perfekt in Szene zu setzen. Dass einige Frauen in Kauf nehmen, im realen Leben maskenhaft zu wirken, um auf Instagram gut auszusehen, sagt viel über den Stellenwert dieses sozialen Netzwerks.
Ich habe gelesen, dass im Jahr 2015 mehr Fotos aufgenommen wurden, als in der Geschichte der Fotografie bis dahin. Vermutlich basiert diese Zahl auf Schätzungen, aber sie bestätigt einen Eindruck aus meinem täglichen Leben: "Warte ganz kurz, ich fotografiere das nur eben schnell, damit ich das posten kann." Und dann sitzt man da, hat das Besteck schon in der Hand, und das Essen wird kalt. Oder die Unterhaltung erstirbt, das Lächeln wird angestrengt, weil alle mal kurz gucken sollen. Der Schnappschuss und das Selfie sind eine Selbstverständlichkeit geworden, und Instagram ist die große, globale Plattform, auf der jeder die Inszenierung seines Lebens in Szene setzen kann. Was dort zu sehen ist, definiert die Ästhetik der Gegenwart. Und weil jedes Medium einen Rahmen vorgibt, ist das Plakative, das schnell zu Erfassende, zum Maßstab geworden. Sieht das gut aus! Das Bild übermittelt die Botschaft.
Vor Instagram gab man sich Mühe mit dem Schminken und mit der Auswahl der Kleidung, um sich selbst in gute Laune zu versetzen oder um dem eigenen Mann, der eigenen Frau zu gefallen; man gab sich Mühe, um einen freundlichen Blick aufzufangen von jemandem, der einem auf der Straße entgegen kam oder um missgünstigen Blicken standzuhalten; für den Türsteher, die anderen Partygäste, die Zufallsbekanntschaft. Heute wird ein Auftritt umso größer und bedeutender, je mehr Follower jemand auf Instagram gesammelt hat.
Das verändert nicht nur die Make-up-Technik, sondern auch die Mode. Es bestand schon immer ein Unterschied zwischen Kleidung und Mode. Kleidung trägt man, um sich zu verhüllen und um sich keine Erkältung zu holen. Mode war immer schon politisch, auch als man sie noch nicht so nannte, im alten Rom, im Mittelalter oder am französischen Hof, sie sollte etwas über die Stellung ihrer Träger aussagen. Als Coco Chanel Anfang des 20. Jahrhunderts das Korsett abschaffte und das "kleine Schwarze" als Uniform für die elegante Frau entwarf, brach sie mit Regeln und verlieh der Mode eine politische Aussage.
Heute kommt die Botschaft gern unmittelbar daher, als Aufdruck auf einem T-Shirt. Ausgelöst wurde dieser Trend durch die Designerin Maria Grazia Chiuri, die im September 2016 auf der Dior-Modenschau ein Model mit einem schlichten weißen T-Shirt über den Laufsteg schickte, auf dem stand: "We should all be feminists". Und weil sich so ein Auftritt wunderbar fotografieren und posten lässt, ist Mode im Zusammenspiel mit Instagram zu einer Möglichkeit geworden, sich inhaltlich zu positionieren und das vielen, vielen Leuten mitzuteilen. Ein wahrer Slogan- Boom breitete sich aus. Überall begegnen einem seitdem T-Shirts mit Überschriften. Auch diesen Sommer wird das noch so sein. Darunter sind manche Statements, die mir weniger gefallen, als die Botschaft, dass wir alle Feministen sein sollten. Nur kann man mit einem T-Shirt leider nicht diskutieren. Auch nicht mit einem Foto. Der große Multiplikator Instagram erweist sich als ziemlich einseitige Angelegenheit.
Von von Claudia Voigt

DER SPIEGEL 21/2018
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