19.05.2018

Oberflächenspannung

Mit Begeisterung wird über neue Gadgets wie Uhren berichtet, die Schritte und Kalorien zählen, Pillen, die leistungsfähiger machen -Neuro-Enhancer genannt -, oder Apps, die helfen, die Fitness zu verbessern. Neuerdings gehört aber zur Fitness auch ein hohes Maß innerer Entspanntheit. Was zum Kern der Sache führt: der Frage nach dem Glück. Letztlich hat sich nur ein ausgeglichener, faltenfreier, gesunder und glücklicher Mensch wirklich im Griff. Um das Glück zu optimieren, gibt es Programme wie das erfolgreiche Happify, das helfen soll, Stress abzubauen, negative Gedanken zu überwinden, Widerstandsfähigkeit aufzubauen und eine bessere emotionale Gesundheit zu erreichen. Das Beste: alles ist Evidenz-basiert (ein Wort, das Donald Trump aus dem White-House-Vokabular streichen ließ).
Und die erwähnten schönen Geräte? Die waren der Megatrend auf der International Consumer Electronics Show in Las Vegas - allen voran Self- Tracking-Gadgets. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis ein Gerät, das einen sinkenden Blutdruck auf der Heimfahrt registriert, automatisch zu Hause die Heizung hochreguliert, damit der müde Mensch nicht weiter frieren muss. Alles wird gut und immer besser. Leider stehen hinter dieser durchaus positiven Evolution keineswegs nur technische, sondern vor allem soziale Umwälzungen. Sie sind der eigentliche Nährboden des Self-Trackings und der Selbstoptimierung: der ständigen Verbesserung des Selbst mithilfe von Maschinen. Wobei diese Verbesserung des Selbst auch auf das Gehirn wirkende Substanzen umfasst oder ästhetische Eingriffe. Festzustellen ist, dass die Oberfläche des Selbstoptimierens so glatt und poliert erscheint wie das Display eines Smartphones. Und darunter?
1986 erschien ein weltweiter Bestseller: "Kaizen. The Key to Japan's Competitive Success". Heute dümpelt es auf den hinteren Rängen des Amazon- Listings, doch vor 30 Jahren war es prophetisch. Denn es beschrieb ein Prinzip, dem heute das Internet oder auch chemische und elektronische Neuro- Stimulanzien dienen: Selbst-Verbesserung. Kaizen oder das Prinzip ständiger Verbesserung war der Schlüssel zum Erfolg der japanischen Autoindustrie - damals noch der bewunderte Höchststandard. Kaizen wurde weltweit erfolgreich in Chefetagen implementiert. Aus Kaizen entstanden Konzepte wie Qualitätsmanagement, Just-in-Time-Produktion (JIT) oder Total Productive Maintenance (TPM) als System ständiger Überwachung der Produktionsstränge mit dem Ziel, sie zu verbessern.
Zwei Dinge sah man damals aber nicht voraus: dass diese Idee nicht nur auf Fließbandproduktionen angewendet werden würde, sondern dass sie sich auf das Ich anwenden ließ und dieses Ich radikal verändern würde; und den explosionsartigen Erfolg des Internets, das die permanente Selbstmessung und den schnellen und grenzenlosen Vergleich mit anderen erst ermöglichte. Selbstoptimierung ohne Internet wäre langweilig und obsolet. Wissenschaftler weisen darauf hin, dass sich die angeblich neutralen Zahlen hinter Kalorienverbrauch, gelaufenen Kilometern oder Geisteszustand als versteckte soziale Werte erweisen. Die beliebten Bestenlisten, Statuspunkte und Sterne hierarchisieren das Leben, was nicht nur der Wirtschaft, sondern auch Geheimdiensten und Potentaten in die Hände spielt. Der Facebook-Skandal hat gezeigt, wie viel nur durch wenige Likes preisgegeben wird. Neben Firmen, die unter dem Radar der Legalität arbeiten, gibt es auch Unternehmen wie Acxiom, die zwar kaum jemand kennt, die aber ganz offen "people-based marketing" betreiben. Acxiom hat Daten von mehreren Hundert Millionen Menschen aufbereitet, darunter die Hälfte aller deutschen Erwachsenen. Was damit geschieht? Anderes als bei Cambridge Analytica?
Diese scheinbar neutralen Zahlen, die während des Selbstoptimierens gleichsam digitaler Abfall sind, sind in dreifacher Hinsicht problematisch. Erstens erfassen sich Menschen offenbar nur durch Zahlen selbst; tatsächlich aber werden sie auf nie da gewesene Weise als Individuen erfasst. Zweitens schaffen diese Zahlen Erwartungen und wollen überboten werden. Das Leben nach Zahlen führt zu einem Kampf, der kaum zu gewinnen ist. Drittens liefert die Messung Einzelner paradoxerweise erst dann gute Erkenntnisse, wenn sie mit den Daten anderer verglichen werden kann. Was der ideale Blutdruck einer 42-Jährigen mit zwei Kindern und 63 Kilo Gewicht wäre, die täglich joggt, ergibt sich als Mittelwert vieler Daten. Die Folge: steigender Druck durch Digitalisierung und Verschiebung der Ungleichheit in der Gesellschaft.
Was bleibt, ist mit den Worten des Soziologen Christoph Kucklick eine granulare Gesellschaft unzähliger vereinzelter, bis ins intime Detail auflösbarer Individuen, die an ihrer Selbstperfektionierung arbeiten und dabei in einen Dauerwettbewerb um gute Rankings geraten. Aus der objektiven Zuschreibung von Daten wird subjektive Selbstüberwachung und Ausbeutung. Und doch sind die Daten, die Selbstoptimierung durch Self-Tracking ermöglichen, das neue symbolische und ökonomische Kapital. Der Soziologe Steffen Mau konnte zeigen, dass die Metrisierung des sozialen Lebens in Wahrheit eine alle Menschen erfassende, aber versteckte Durchkapitalisierung der Lebenswelt darstellt, die zu einer umfassenden digitalen Konkurrenzgesellschaft und zu wachsendem Narzissmus führt.
Stimmt auch nur ein Teil der Analysen, dann werden wir die heute schon sichtbaren Effekte steigender Ungleichheit und Ungerechtigkeit in Zukunft noch genauer beobachten müssen. Digitale Geräte, Software und neue Technologien entlasten die Menschen nicht -sie werden zu Waffen in der Konkurrenzgesellschaft.
Gert Scobel, 59, wurde als Moderator der 3sat-Sendung "Kulturzeit" und des "ARD- Morgenmagazins" bekannt. Seit 2008 moderiert er unter anderem die nach ihm benannte Wissenschaftssendung "scobel". Der Theologe und Philosoph hat Bücher über Weisheit, die Aufgabe der Philosophie und die Struktur der Moderne veröffentlicht. Er ist Honorarprofessor für Philosophie und Interdisziplinarität an der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg.
Von Gert Scobel

DER SPIEGEL 21/2018
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