19.05.2018

ZUKUNFTS-WERKSTATT

Plisseebrenner, Sticker, Hut- oder Federmacher – die Chanel-Tochter Paraffection kauft traditionelle Handwerksbetriebe. Warum? Um deren Kunstfertigkeit vor dem Aussterben zu bewahren und die Qualität der eigenen Kollektionen für die Zukunft zu sichern. Davon profitieren inzwischen auch andere Luxusmarken. Ein Ortstermin. Von Barbara Markert
Die Nähmaschine rattert, die Finger spannen das dunkle Tuch Zentimeter für Zentimeter auseinander und drehen es immer wieder in eine andere Richtung. Der Wollstoff wellt sich um die Nadel, noch ist nicht zu erkennen, woran Modistin Florence Astra arbeitet. "Es ist die Schiffermütze aus der Métiers-d'art- Kollektion ,Hamburg' von Chanel", sagt die 47-Jährige und zeigt auf den Stapel der auf links gedrehten Exemplare, die sie heute noch fertigstellen muss.
Florence Astra ist "Première d'atelier" beim Maison Michel, einem der bekanntesten Hutmacher von Paris. Seit 1997 gehört der kleine Betrieb zur Chanel-Tochterfirma Paraffection, die verschiedene Handwerksbetriebe unter einem Dach vereint. Damals, nach dem Eigentümerwechsel, ist das Atelier aus dem Zentrum von Paris in einen lang gezogenen Bau im Norden der Stadt gezogen. In der ehemaligen Streichholzfabrik in Aubervilliers ist genügend Platz für den Schatz des Hauses: mehr als 3000 Lindenholz-Hutformen, die sich in der 80-jährigen Firmengeschichte angesammelt haben. Gelagert in eng gesetzten Regalen, füllen die Formen eine ganze Halle - bis hinauf zur Decke. Im Raum daneben stapeln sich weiße Hutschachteln, die mit dem Maison-Michel-Schriftzug verziert sind. Mitarbeiter verpacken hier die fertigen Hüte. Auch einige der Hamburger Kappen warten darauf, hinaus in die Welt geschickt zu werden.
Die Elbsegler-Mütze des Hauses Michel gehört zu den Highlights von Chanels aktueller Métiers-d'art-Kollektion. Jedes Jahr wird die Kollektion an einem anderen Ort vorgestellt, im Dezember 2017 machte sie zum ersten Mal in Deutschland Station. In der Elbphilharmonie am Hamburger Hafen verfolgte ein handverlesenes Publikum eine Modenschau, die in der Branche als Topevent gilt. Warum? Kaum eine andere Kollektion vereint so viel höchste Schneider-und Handwerkskunst: Über die Stufen der Philharmonie schritten Models in Minikleidern aus handbemalten Federn, in Abendroben mit mehrlagigem Seidentüll-Plissee, Mänteln aus Wollcord oder gestricktem Tweed. Jeder Look ein Meisterwerk, gekrönt von den handgefertigten hanseatischen Mützen. Rund 100 verschiedene Varianten gibt es von diesen Mützen. "Vorab haben wir sogar noch viel mehr Versionen entworfen. Karl Lagerfeld braucht eine gewisse Auswahl", sagt Astra und beugt sich wieder über ihre Nähmaschine.
Seit 27 Jahren ist sie im Unternehmen. Rund dreieinhalb Stunden braucht die Modistin für die "Montage" der Mütze. Danach wird das Teil garniert mit Ketten, Schals, Schleiern, bestickten Bändern oder Pailletten. Das kann noch mal mehrere Stunden dauern. Parallel kümmern sich die Mitarbeiter des Maison Michel um die Prototypen für die nächste Winterkollektion. Pro Jahr arbeiten sie an vier eigenen Kollektionen, acht Kollektionen für Chanel und weiteren Entwürfen für externe Kunden. "Wir haben viel zu tun", sagt Astra.
Das war nicht immer so. Das Haus wurde 1936 von Auguste Michel gegründet, 1968 übernahmen es Pierre Debard und seine Frau. Doch irgendwann kam der Hut aus der Mode, die Aufträge blieben aus. "Maison Michel war damals wirklich schlecht dran", sagt Bruno Pavlovsky, Präsident der Modesparte bei Chanel und Chef von Paraffection. "Als Debard in Rente ging, fragte er, ob wir seine Manufaktur übernehmen könnten. Karl Lagerfeld fing an, mit dem Haus zu arbeiten." Der Modeschöpfer stattete seine Kollektionen mit Hüten aus und machte die Marke so bekannt. Bald ließ Disneyland Paris Hüte bei Maison Michel fertigen. Heute ist der Handwerksbetrieb wieder ein solides Unternehmen mit über 50 Angestellten, betreibt eigene Boutiquen, einen Webshop und vertreibt seine Kreationen weltweit.
Die Erfolgsstory von Maison Michel ist nicht die einzige, die Paraffection vorzuweisen hat. Die Chanel-Tochter, deren Name "aus Zuneigung" bedeutet, vereint heute 24 "métiers d'art d'exception" mit insgesamt mehr als 1000 Angestellten. Jeder dieser "herausragenden Kunsthandwerksbetriebe" arbeitet selbstständig, kann aber Dienstleistungen der Dachgesellschaft in Anspruch nehmen, etwa Buchhaltung oder Kommunikation. Auch bei der Unternehmensstrategie, der Ausbildung und dem Vertrieb hilft die Holding. Chanel füllt außerdem die Auftragsbücher und investiert in die Unternehmen.
Klingt großzügig, doch Pavlovsky sagt: "Es geht nicht um Mäzenatentum. Wir geben eine Initialzündung, aber die Firmen müssen ihre eigene Energie entwickeln, um ihr Überleben zu sichern." Es gehe darum, eine Art Ökosystem zu schaffen, von dem beide Seiten profitierten. "Kleine und mittelständische Betriebe haben oft keinen Zugang zu Fördermitteln oder Krediten", sagt Sigolène Lapostolet, Projektchefin bei Entreprise du Patrimoine Vivant, einer staatlichen Organisation, die herausragende Handwerksfirmen im gehobenen Segment mit einem Gütesiegel auszeichnet. "Indem sich Chanel hier stark engagiert, übernimmt die Marke Verantwortung für das Erbe."
Seit 1984 investiert Chanel in kleine Zulieferbetriebe. Die erste Firma, die übernommen wurde, war Desrues. Der Knopfhersteller hatte schon für Firmengründerin Coco Chanel Metallknöpfe mit dem verschlungenen "C" hergestellt. Heute produziert er mit seinen 200 Mitarbeitern auch Anhänger, Medaillons und Modeschmuck für andere Luxusmarken wie etwa Louis Vuitton. "Am Anfang ging es uns vor allem darum, das Wissen und die Fähigkeiten des Hauses zu sichern", sagt Pavlovsky. "Die Zeit für die Erstellung unserer Kollektionen wird immer kürzer. Viele Entwürfe gehen zwischen Atelier und Designabteilung hin und her. Wir brauchen Savoir-faire in unserer Nähe." Diese Flexibilität lässt sich Chanel etwas kosten. Nach der Übernahme eines Betriebs forciert Paraffection die Digitalisierung des Archivmaterials. Oftmals haben die Traditionsfirmen zwar ein reiches Erbe, sind aber nicht gut organisiert. "Die meisten Ateliers hoffen darauf, dass sich einer der altgedienten Mitarbeiter erinnern kann, was früher mal entworfen wurde", so Pavlovsky. Die professionelle Organisation hilft jungen Mitarbeitern bei der Recherche und beschleunigt den kreativen Prozess. "Je besser das historische Material aufbereitet ist, desto schneller kann an Designs weitergearbeitet werden."
Das gilt auch für Montex, einen Stickereibetrieb, der seit 2011 zu Paraffection gehört. Aska Yamashita ist die Kreativchefin des Hauses, sie herrscht über den Showroom und das Archiv im obersten Stock des Firmengebäudes mit Blick auf Sacré-Cœur. An den Wänden hängen unzählige Musterteile. Sie zeigen Montex' Arbeit -von den Nachkriegsjahren bis heute. "Es sind wohl mehr als 10 000", schätzt die 45-Jährige. Bis dieser Schatz vollständig digitalisiert ist, wird es noch dauern. Um die neuesten Arbeiten aus dem Archiv zu fischen, braucht Yamashita jedoch keinen Computer. Mit sicherem Griff pickt sie drei dicht mit Metall-und Plastikplättchen bestickte Tüllstoffe von der Wand.
An der Hamburger Métiers-d'art-Kollektion war auch Montex beteiligt. "Die Stahlcontainer und die Architektur der Elbphilharmonie dienten als Inspiration", sagt Yamashita. Insgesamt schickte ihr Designteam rund 100 Stickereiproben an Lagerfeld. 15 davon wählte er aus. Darunter auch eine Stickerei, die rechteckige Plättchen auf dem Stoff fixiert, sogenannte Languetten aus Zellulose-Acetat. "Wir verwenden viel Zeit für die Recherche der Materialien. Das transparente Plastik repräsentiert in seiner Farbvielfalt die Container. Es ist zudem dünn genug, um die Plättchen übereinanderlegen zu können." Für die Hamburg-Kollektion hat die Kreativdirektorin auch eine neue Perle mit samtiger Oberfläche entwickelt. Der Effekt ist eine Besonderheit, die Montex von der zweiten Paraffection- Stickerei Lesage unterscheidet.
Wissen und Kunstfertigkeit sollen aber nicht nur vor dem Vergessen gerettet und bewahrt werden -sie sollen weiterentwickelt werden. "Das Savoir-faire kann alt sein, und es kann Jahre dauern, bis man es beherrscht", sagt Bruno Pavlovsky. "Aber das ändert nichts daran, dass wir uns modernen Techniken und Ideen öffnen müssen." Deshalb begrüßt es Paraffection, wenn seine Ateliers auch für andere Kunden arbeiten. "Müssen sie vielen unterschiedlichen Anforderungen gerecht werden, bereichern sie ihre Ästhetik. Je mehr sie extern nachgefragt werden, umso besser. Nur dann sind sie in der Lage, sich auf jeden Designer, egal ob Altmeister oder Newcomer, einzustellen."
Der Plisseehersteller Lognon etwa, eine Minifirma mit sieben Angestellten, faltet Seiden-Carrés für Häuser wie Hermès, Dior, Givenchy, Balmain, Alexis Mabille oder Carven. "Und alle wissen, dass wir hier so ziemlich jeden Wunsch erfüllen", sagt Atelierleiterin Claire Monceau. "Sehr viele Aufträge sind für die Haute Couture, aber es gibt auch Minibestellungen von Modestudenten." Über 3 000 eingerollte Plissee-Kartonagen stehen bei Lognon in Metallregalen und wirken wie eine Art Schallisolierung. Beim Plissieren fällt allerdings ohnehin kaum ein Wort, so konzentriert sind alle dabei. Sobald der Stoff zwischen den gefalteten Kartons liegt, beginnt eine Art Ballett: Die Mitarbeiterinnen bewegen rhythmisch Arme und Hände, um die Falten des Papiers mit dem Stoff einzuklappen. In rund drei Minuten ist ein Plissee-Paket geschnürt und fertig für den Dampfofen, wo der Stoff "gebrannt" wird. Dauer und Temperatur richten sich nach dem Material. Wolle etwa braucht mehr Zeit und Wärme als Seide. "Wir plissieren fast alles", sagt Monceau, "sogar Schlangenleder oder Kork." Dreieinhalb Jahre dauert die Ausbildung, in der das Plissieren und Erstellen neuer Kartons erlernt wird.
Im Gegensatz zur Belegschaft vieler Chanel-Ateliers sind die Mitarbeiterinnen bei Lognon sehr jung. Alle haben hier gelernt. Leiterin Monceau ist gerade einmal 33 -und damit die Älteste. "Ich will auch künftig etwas mit meinen Händen machen", sagt sie, "und noch andere Berufe kennenlernen." Paraffection bietet Talenten wie ihr viele Karrierechancen. "Handarbeit hatte lange ein schlechtes Image. Das ist auch der Grund, warum so viele Betriebe schließen mussten. Sie fanden keine Nachfolger", sagt Bruno Pavlovsky. "Aber wir merken, dass bei der Jugend ein Umdenken stattfindet." Und das soll gefördert werden.
Chanel hat mit dem Bau eines neuen Gebäudes für seine "Métiers d'art" begonnen. 2020 soll das 25 500 Quadratmeter große Atelier-Center von Architekt Rudy Ricciotti fertiggestellt werden. "Das Gebäude wird die Struktur von Tweed-Stoff widerspiegeln. Das Können der Ateliers soll nach außen kommuniziert werden -vor allem, um die junge Generation zu gewinnen", so Pavlovsky. Die architektonische Charmeoffensive soll nicht nur Synergien zwischen den Ateliers ermöglichen, Zusammenarbeit und Ideenaustausch fördern, sondern auch Ausbildungsstätten wie der Stickerei-Schule von Lesage ein Zuhause bieten.
Wenn es um die Zukunft alter Handwerke geht, ziehen die großen Modehäuser in Frankreich an einem Strang. "Chanel und Hermès leisten viel, um sie lebendig zu halten", sagt Sigolène Lapostolet von Patrimoine Vivant. Vor Kurzem hat auch Louis Vuitton begonnen, Ateliers zu eröffnen. "Aber es ist schon viel Qualität verloren gegangen durch Auslagerung oder wirtschaftliche Zwänge", so Pavlovsky. Für gutes Schuhhandwerk müsse man heute nach Italien gehen. Das Gleiche gelte für Strick und Jeans. Das Schneiderhandwerk sei in Frankreich zwar noch gut vertreten, aber geschwächt. "Wenn die großen Marken nicht weiter in Frankreich produzieren, werden wir in ein paar Jahren ein Problem haben."
Denn trotz der Initiative der Haute-Couture-Häuser geht das Sterben der Ateliers weiter. Gute Tweedstoffhersteller gibt es in Europa nur noch ein Dutzend. Die Anzahl der Plissierer kann man an einer Hand abzählen. Handschuhhersteller bilden inzwischen alle selbst aus, weil es keine Schule mehr für diesen Beruf gibt. "Wir müssen sehr aufpassen, dass wir dieses Know-how bewahren, denn es erlaubt uns, außergewöhnliche Kollektionen zu erschaffen", sagt Pavlovsky. Schließlich ist die Mode eines der wichtigsten Exportgüter Frankreichs.
Von Barbara Markert

DER SPIEGEL 21/2018
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